Hanf als Medizin: So funktioniert's

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Foto: AP/Elaine Thompson Hanf ist kein Wundermedikament, das allen Schmerzpatienten hilft.  Der darin enthaltene Wirkstoff THC (Tetrahydrocannabinol) kann aber bei bestimmten Krankheiten durchaus ein Segen sein.

Eine Gesetzesnovelle ermöglicht den Einsatz von natürlichem THC. Therapie für Patienten mit Krebs, neurologischen und psychischen Leiden.


Eine Hoffnung muss Hans Georg Kress, Leiter der Schmerzmedizin im Wiener AKH, vielen Patienten nehmen: "Hanf ist kein Wundermedikament, das allen Schmerzpatienten hilft." Der darin enthaltene Wirkstoff THC (Tetrahydrocannabinol) kann aber bei bestimmten Krankheiten durchaus ein Segen sein.

"Bei Multipler Sklerose und anderen Erkrankungen des peripheren Nervensystems wirkt er schmerzlindernd. Auch für manche Krebspatienten ist er in Kombination mit Opioiden hilfreich. Besonders während der Chemotherapie erleichtert er den Betroffenen das Leben: Ihnen ist weniger schlecht, sie haben Appetit und werden entspannt."

THC, z.B. als Dronabinol auf dem Markt, ist schon seit den 90er-Jahren zugelassen und musste bisher synthetisch hergestellt werden. Jetzt ermöglicht die Novelle der Suchtgiftverordnung, dass ein Wirkstoff in die Apotheken kommt, der direkt aus den Blüten der Hanfpflanze gewonnen wird. Hanfbauer ist die staatliche Gesundheitsagentur AGES, die die Pflanzen an eine deutsche Pharmafirma weiterleitet. Das THC wird dann in Phiolen nach Österreich geliefert. Die Apotheken stellen die Zubereitung nach der jeweiligen Verordnung des Arztes (z.B. Tropfen, Kapseln) selbst her. Laut einer parlamentarischen Anfrage wurden im Jahr 2013 immerhin 142 kg Cannabis von der AGES gewonnen. Der Vorteil für Patienten: "Das so gewonnene THC ist geschätzt rund 10 bis 20 Prozent billiger als synthetisch hergestelltes" sagt Kress.

Teuer und kompliziert

Ein Problem bleibt: "Der Zugang zum Medikament ist schwierig." Zum einen, weil es Wochen oder Monate dauert, bis der Patient die Kosten erstattet bekommt – was nicht immer der Fall ist. Zum anderen, weil für jeden Patienten das THC extra angesucht werden muss.

Ein Arzt, der auf Dronabinol setzt, ist der Allgemeinmediziner Michael Blaas. Er weiß aus der Praxis: "20 bis 30 Prozent meiner Patienten bekommen das Präparat von der Krankenkasse bewilligt." Blaas – auch Obmann der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin – verschreibt es auch bei psychischen Erkrankungen wie Burn-out oder Depressionen.

Blaas setzt sich dafür ein, dass unter strengen Auflagen gezüchtete und standardisierte Blüten wie etwa in den Niederlanden auf ärztliche Verschreibung von den Apotheken abgegeben werden dürfen: Die Blüten enthalten rund 80 Wirkstoffe – dadurch sei die Wirkung bei vielen Patienten besser als bei Präparaten mit nur ein oder zwei Wirkstoffen.

Für Schmerzmediziner Kress ist das ein Mythos: "Gerade erst hat das JAMA-Journal in den USA wieder eine Metastudie herausgegeben, die belegt, dass es ausschließlich das THC ist, das eine medizinische Wirkung hat."

Aber wieso sind so viele Patienten davon überzeugt, dass ein Joint mehr nutzt als eine Tablette oder Kapsel? Für Kress liegt das an der subjektiven Wahrnehmung: "Beim Rauchen merkt man innerhalb von Minuten eine Verbesserung. Bei den Tropfen kann es ein bis zwei Stunden dauern, bis man eine Erleichterung spürt." Mit einem Seitenhieb auf manche Hanfbefürworter meint er: "Nicht jeder, der THC verschreibt, ist auch ein Schmerzexperte."

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Vorreiter

Israel: 20.000 Patienten erhalten Cannabis

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Als Vorreiter bei der medizinischen Verwendung von Cannabis gilt Israel, wo Professor Raphael Mechoulam bereits vor 50 Jahren an der Jerusalemer Hebrew University erste Studien durchführte. Der heute 85-Jährige gilt als "Vater der Cannabis-Forschung". Zehn Forscher-Teams arbeiten heute in Israel an der besseren Nutzung von Cannabis, etwa bei Epilepsie, chronischen Schmerzen und Krebs. 20.000 Patienten wird Cannabis auf Rezept verschrieben. In Deutschland sind es nur 450, aus Österreich gibt es keine Zahlen.

Zehn Wissenschaftler-Teams des High-Tech-Landes auf medizinisches Cannabis spezialisiert. Der weltweite Markt boomt. Im Februar fand erstmals die Konferenz "Canna Tech" in Tel Aviv statt, bei der israelische Firmen ihre Entwicklungen präsentierten und sich mit internationalen Investoren vernetzten. Eröffnungsredner Alan Shackelford brachte seine Patientin Charlotte mit. Für die damals fünfjährige Epileptikerin fand er die passende Cannabis-Dosierung und heilte so ihre Krampfanfälle.

Optimismus

Unter den Tausenden Patienten des größten israelischen Produzenten Tikkun Olam – übersetzt "die Welt heilen" – gibt es 70 Kinder. Auf die Frage nach den Nebenwirkungen antwortete eine Mutter: "Mein Sohn kichert viel." Optimismus verbreiten auch Forscher des Technion Haifa: Erste Daten zeigen, dass Cannabis das Wachstum mancher Tumorzellen verlangsamen und sie sogar abtöten kann.

(kurier) Erstellt am
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