Wissen und Gesundheit
13.07.2017

Giganten-Eisberg: "Das System ist nicht mehr im Gleichgewicht"

Rund eineinhalb Mal so groß wie das Burgenland ist der Eisberg, der jetzt in der Antarktis abgebrochen ist. Experten halten eine Destabilisierung großer Eisflächen für möglich.

"Diese Entwicklung ist dramatisch. Sie ist ein Anzeichen dafür, dass hier große Dinge passieren und das System nicht mehr im Gleichgewicht ist", sagt Georg Kaser, Glaziologe an der Uni Innsbruck, und der einzige in Österreich tätige Forscher im Weltklimarat der Vereinten Nationen.

Zählt zu den größten

Er meint den Abbruch eines gigantischen Eisbergs vom Larsen-C-Schelfeis in der Westantarktis. Mit 5800 Quadratkilometern – das Burgenland hat knapp 4000, Vorarlberg 2600 – zählt er zu den fünf größten Eisbergen der vergangenen 30 Jahre. Er wird vermutlich den Namen "A68" erhalten, heißt es beim Project MIDAS in Großbritannien, das die Entwicklung des Larsen-C-Schelfeises wissenschaftlich dokumentiert.

"Der Abbruch des Eisbergs heißt nicht, dass das System dadurch jetzt instabil wird – das war es schon vorher. Und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass jetzt das gesamte Larsen-C-Schelfeis mit insgesamt 50.000 Quadratkilometern instabil wird", betont Experte Kaser.

Schelfeise sind auf dem Meer schwimmende Eisplatten, die von Gletschern gespeist werden und mit ihnen noch verbunden sind. In den vergangenen 20 Jahren sind sieben Schelfweise an der Antarktischen Halbinsel zerfallen oder zurückgegangen.

Klimawandel spielt eine Rolle

"Hier spielt der vom Menschen gemachte Klimawandel eindeutig eine Rolle", sagt Ass.-Prof. Jan-Christoph Otto vom Fachbereich Geografie und Geologie der Universität Salzburg. "Es ist letztlich eine ähnliche Entwicklung wie bei unseren durch die Erwärmung schmelzenden Gletschern in den Alpen. Im Alpenraum betrug der durchschnittliche Temperaturanstieg in den vergangenen 150 Jahren zwei Grad Celsius – das meiste davon in den vergangenen 40 Jahren."

Wie ein Korken

"Die schwimmenden Schelfeise wirken wie ein Korken auf einer Flasche: Sie halten den Abfluss von Gletschereis in das Meer zurück", sagt Otto. Fehlt das Schelfeis, kann mehr Gletschereis abfließen.

Ähnlich Kaser: "Der Widerstand gegen die Fließbewegungen des Inlandseises wird geringer, die Gletscher dadurch schneller." Das könnte letztlich zu einem Anstieg des Meeresspiegels führen. Wissenschafter der britischen Universität von Swansea warnten bereits Anfang Juni: Wenn alle von Larsen C zurückgehaltenen Gletscher ins Meer fließen würden, könnte nur durch diesen Effekt der Meeresspiegel um etwa zehn Zentimeter ansteigen.

Entwicklung von Jahrzehnten

"Das ist aber keine Entwicklung von heute auf morgen, sondern eine von Jahrzehnten ", betont Kaser. "Diese Entwicklung wäre unumkehrbar." Und: Besonders dramatisch wäre es, würden Teile der Eisschilde auf dem antarktischen Festland instabil werden.

Jan-Christoph Otto verweist noch auf einen anderen Effekt: Durch das Abschmelzen des Schelfeises wird die weiße Oberfläche, die Wärmestrahlung gut reflektieren kann, kleiner. Das dunkle Wasser aber kann die Wärme besser aufnehmen – "und das könnte den Schmelzvorgang verstärken".

19 Zentimeter Anstieg

Der Meeresspiegel ist von 1901 bis 2010 um 19 Zentimeter gestiegen. Zwischen 1901 und 2010 betrug der Anstieg 1,7 Millimeter pro Jahr, im Zeitraum 1993 bis 2010 waren es durchschnittlich 3,2 Millimeter pro Jahr. Verschiedene Prognosen gehen von einem weiteren Anstieg von mindestens einem halben bis zwei Meter bis 2100 aus – je nachdem, wie stark die Temperaturen weiter steigen werden.

Bei der UN-Klimakonferenz in Paris Ende 2015 wurde deshalb beschlossen, dass die Erderwärmung auf weniger als zwei Grad Celsius begrenzt werden soll.

Keine Gefahr für Eisberge

Während die langfristigen Folgen der Erwärmung nicht absehbar sind, droht zumindest kurzfristig keine Gefahr: "A68" schwimmt in einem sehr abgelegenen Teil der Erde, für Schiffe besteht – auch dank Satellitenüberwachung – keine Gefahr.

Bis die gesamte Masse geschmolzen ist, wird es zwei bis drei Jahre dauern. Vollziehen wird sich die Auflösung dann höchstwahrscheinlich vor der Inselgruppe Südgeorgien, etwa 1400 Kilometer östlich der argentinischen Küste.

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