Wissen
16.07.2018

Gezähmte Füchse: Räuber mit Haustierpotenzial

Die Hundeartigen ändern - wie andere Tiere - im Zuge der Domestikation nicht nur ihr Verhalten, sondern auch ihr Aussehen.

Wälder, Grasland, Äcker – das war einmal. Neuerdings treiben sich immer mehr Füchse auch in Siedlungsgebieten herum. Nicht, dass die Nahrungsopportunisten die Gesellschaft des Menschen gezielt suchen. Aber die urbanen Gebiete wachsen ins Grüne und dringen in den Lebensraum der Wildtiere vor – ein gefundenes Fressen für die schlauen Räuber.

„Füchse sind hochintelligent. Sie passen sich rasch an. Ursprünglich sind sie nachtaktiv, jetzt sind sie auch unter Tags unterwegs. Sie wissen genau, wo Katzen regelmäßig gefüttert werden“, sagt Herbert Weidinger, stv. Forstdirektor der Wiener MA 49.

Sibirische Silberfüchse

Dass die Hundeartigen sowohl ihr Verhalten, als auch ihr Aussehen innerhalb weniger Generationen ändern können, zeigt ein sibirisches Experiment; nachzulesen in Füchse zähmen (Springer Verlag, 25 €). Lee Alan Dugatkin und Ludmila Trut beschreiben auf 304 Seiten, wie der russische Biologe Dmitri Beljajew 1959 begann, – zunächst unter dem Deckmäntelchen einer Pelztierfarm – Silberfüchse im Zeitraffer zu domestizieren. Heimische Wissenschaftler halten die bekannten Ergebnisse für Meilensteine in der Evolutionsbiologie.

Günstige Gelegenheit

Aus dem Wolf wurde ein Schoßhündchen, aus der Wildkatze ein Stubentiger, aus dem Affen ein Mensch: Vor knapp 60 Jahren wollte Beljajew gemeinsam mit Trut prüfen, ob sich auch Füchse domestizieren lassen – und damit wie andere Haus- und Nutztiere allzeit paarungsbereit sind. Mehr Pelz, mehr Geld, DIE Gelegenheit für den Genetiker. So sperrte er hundert wilde Füchse auf einem abgelegenen Gelände in Käfige. Jahr für Jahr wählte er zehn Prozent der zutraulichsten Individuen zum Züchten aus.

Vier Generationen

Anfangs tat sich wenig. Doch 1963 wurde ein Männchen geboren: Ember winselte sein Herrchen an und wedelte mit dem Schwanz. Innerhalb von nur vier Generationen verloren die Tiere ihr aggressives Gehabe. Mit der Zeit leckten sie den Betreuern die Hände ab, rollten sich auf den Rücken, um sich den Bauch kraulen zu lassen, blieben viel länger verspielt wie Welpen. Und sie duldeten den Augenkontakt mit Menschen. Gleichzeitig veränderte sich ihr Aussehen: Ihr Fell bekam weiße Flecken, die Schnauze verkürzte sich, die Stehohren wurden schlapp, der Schwanz geringelt. Aus den Raubtieren waren handzahme Babyfaces mit Haustierpotenzial geworden.

Charles Darwin

„Schon Charles Darwin hat diese Entwicklung beschrieben. Aber damals war der Mechanismus unklar“, sagt der Biologe Kurt Kotrschal, der im Wolfsforschungszentrum in Ernstbrunn das Verhalten von Wölfen und Hunden vergleicht. Hundert Jahre nach dem britischen Naturforscher konnten die russischen Kollegen „trotz widrigster Umstände die Grunderklärung jeder Domestikation“ aufzeigen, sagt Kotrschal: „Eine tolle Arbeit.“

Tempo

Auch Thomas Bugnyar vom Department of Cognitive Biology der Uni Wien lobt das Experiment und kennt das Tempo der Domestikation: „Es geht relativ schnell, ein Merkmal hervorzuheben. Es wurde schon mehrfach nachgewiesen, dass das Prozedere funktioniert.“ Neuere Studien zeigen sogar, dass sich z.B. aus wilden Mäusen ganz ohne Selektion, allein durch die Nähe zum Menschen rasch weißfleckige Hausmäuschen entwickeln. Jetzt gehen Forscher den Zusammenhängen von Stammzellen, Stresshormonen, Verhalten und Aussehen nach.

Einzelgänger mit Geruch

Für die sibirischen Füchse steht längst fest: Sie verfügen über ähnliche kognitive Fähigkeiten wie Hunde und eine ausgeprägte Kommunikationsbereitschaft mit Menschen. Als Einzelgänger akzeptieren sie allerdings (noch?) keinen Rudelführer. Auch vom Geruch her eignen sie sich nicht zum Haustier.

Gewöhnungseffekt

Die wilden Füchse rund um Wien sind gerade dabei, sich an den Menschen zu gewöhnen. Stv. Forstdirektor-Weidinger: „Die Füchse können gut mit uns umgehen. Sobald sie merken, dass wir nicht gefährlich sind, verlieren sie die Scheu.“