© Getty Images/iStockphoto/GlobalP/IStockphoto.com

Wissen

Domestikation: Wird der Fuchs zum Haustier?

Sibirische Forscher experimentieren seit 60 Jahren am handzahmen Silberfuchs - mit Erfolg.

05/24/2018, 06:48 AM

Sie haben geflecktes Fell, sind lebenslang verspielt und wedeln mit dem Schwanz - wie das sonst nur Hunde tun. Seit den 1950er-Jahren werden in Russland SilberfĂŒchse - eine spezielle Farbvariante des Rotfuchses - auf eine besondere Eigenheit hin gezĂŒchtet: Freundlichkeit dem Menschen gegenĂŒber. "Das Experiment hat unser VerstĂ€ndnis des ZĂ€hmungsprozesses erneuert", sagt der US-Forscher Lee Dugatkin, der ein Buch ĂŒber das Projekt geschrieben hat. "Als unsere Vorfahren begannen, Tiere und Pflanzen zu domestizieren, hat sich alles verĂ€ndert. Das Fuchs-Experiment lehrt uns, wie."

Russisches Experiment

Es war der russische Biologe Dmitri Beljajew, der das Experiment vor fast 60 Jahren startete, zur BlĂŒtezeit der Sowjetunion. Er wollte prĂŒfen, ob sich FĂŒchse ebenso domestizieren lassen wie einst der Wolf - um auf die biologischen Mechanismen schließen zu können, die bei der ZĂ€hmung wilder Tiere greifen. Anfangs musste Beljajew extrem vorsichtig agieren, denn Genforschung war im Land damals verboten. Beljajews großes GlĂŒck: Er arbeitete in der lukrativen Pelzindustrie und konnte seine Forschung heimlich in Gang bringen.

Der lange Weg zur Domestikation

Jahr fĂŒr Jahr, von Generation zu Generation, wurden und werden die zahmsten SilberfĂŒchse gesucht und weitervermehrt. "Es wird getestet, wie sozial sie sich zu Menschen verhalten“, erklĂ€rt Dugatkin. Zehn Prozent der sozialsten Tiere werden ausgewĂ€hlt." Im Herzen Sibiriens etablierte Beljajew zusammen mit der Biologin Ludmila Trut dafĂŒr eine besondere Fuchs-Farm nahe Akademgorodok, einem Wissenschaftsort aus Sowjetzeiten bei Nowosibirsk. In langen Reihen stehen dort HolzhĂŒtten mit Auslaufgehegen fĂŒr die Tiere. Andere HĂ€user und Menschen seien weit und breit nicht zu sehen, sagt Dugatkin, der die Farm mehrfach besuchte.

Anfangs Ă€nderte sich kaum etwas, die FĂŒchse blieben aggressiv und bleckten angriffslustig knurrend die ZĂ€hne, wenn sich ein Mensch nĂ€herte. 1963 aber wurde ein MĂ€nnchen namens Ember geboren, wie Dugatkin in seinem gemeinsam mit der inzwischen 84-jĂ€hrigen Ludmila Trut verfassten Buch FĂŒchse zĂ€hmen (Springer Verlag) schreibt. Embers Besonderheit: Er wedelte heftig mit seinem SchwĂ€nzchen. "Schwanzwedeln in Reaktion auf den Menschen ist eine fĂŒr den Hund typische Verhaltensweise, und bis zu diesem Tag waren Hunde auch die einzigen Tiere gewesen, bei denen man dieses Verhalten beobachtet hatte."

Handzahm

Immer neue Eigenschaften kamen hinzu: Die Tiere leckten die HĂ€nde ihrer Betreuer, rollten sich auf den RĂŒcken, um sich den Bauch kraulen zu lassen, behielten ihre Welpen-Verspieltheit lĂ€nger als ihre wilde Verwandtschaft. "Diese zahmeren FĂŒchse schienen einfach nicht erwachsen werden zu wollen", so Dugatkin. "Sie duldeten sogar, dass Menschen ihnen direkt in die Augen sahen, und sie schienen den Blick zu erwidern." Bei wilden Tieren und selbst bei Hunden gilt der direkte Blick als Herausforderung, die Aggression nach sich zieht.

60 Jahre seien ein "evolutionĂ€rer Wimpernschlag", sagt Dugatkin, Evolutionsbiologe an der University of Louisville. Und doch reichte diese Zeit aus, um die eigentlich als EinzelgĂ€nger lebenden FĂŒchse immer hundeĂ€hnlicher werden zu lassen. "Die gezĂ€hmten FĂŒchse sind nicht nur so ruhig wie ein Schoßhund", sagt Dugatkin. "Inzwischen sehen viele der FĂŒchse auch aus wie Hunde. Sie haben kurze, runde Schnauzen, RingelschwĂ€nze und Schlappohren." Ganz ohne Training folgten sie menschlichen Gesten und Blicken. Wilde FĂŒchse können das nicht.

Noch ein Merkmal setzte sich durch: Viele der Tiere sind gefleckt, manche haben gar einen hellen Stern auf der Stirn, wie Hunde und Pferde. Schon lange rĂ€tselten Forscher, warum ZĂŒchter von Haustieren auf Merkmale wie Schlappohren, RingelschwĂ€nze und Gesichter nach dem Kindchenschema hĂ€tten Wert legen sollen, erklĂ€rt Dugatkin. "Bauern, die Rinder hielten, hatten schließlich keinen Vorteil dadurch, dass ihre Rinder schwarz-weiß gefleckt waren. Und was interessierte es Schweinehalter, ob ihre Tiere RingelschwĂ€nze hatten?"

Destabilisierende Selektion

Beljajew habe zur ErklĂ€rung die Theorie der destabilisierenden Selektion entwickelt, schreibt der US-Forscher. Demnach verĂ€ndert sich bei der Domestikation die AktivitĂ€t von Genen, ohne dass Mutationen im Spiel sind. Nicht das Erbgut selbst wird verĂ€ndert, sondern die IntensitĂ€t, mit der bestimmte seiner Abschnitte abgelesen und in MolekĂŒle wie Hormone umgesetzt werden. Das erklĂ€rte auch, warum die Forscher in so kurzer Zeit zahme Tiere schaffen konnten.

Beljajew reichte Artikel bei internationalen Fachjournalen ein. 1969 erschien der erste in englischer Sprache außerhalb der Sowjetunion veröffentlichte Artikel mit dem Titel Domestication in Animals, wie es im Buch heißt. Seine Theorie weitete der Russe auf ein weiteres seiner Ansicht nach domestiziertes Lebewesen aus: den Menschen. Auch bei ihm hat demnach der Selektionsdruck zu niedrigeren Stresshormon-Blutspiegeln alles begĂŒnstigt, was das weniger aggressive Jugendstadium verlĂ€ngerte. "Im Grunde sind wir domestizierte - selbstdomestizierte - Primaten", erklĂ€rt Dugatkin.

4200 Euro fĂŒr ein Haustier

Beljajew starb 1985. Sein Projekt lebte unter Ludmila Truts FĂŒhrung weiter. In den von politischem und wirtschaftlichem Umbruch geprĂ€gten 1990er Jahren kĂ€mpfte die Farm ums Überleben. Heute seien die Finanzen stabil, auf der Station lebten rund 500 Tiere, erzĂ€hlt Dugatkin. "Niedliche, flauschige, entzĂŒckende Schlingel" seien ihre FĂŒchse, meint Trut. Seit einiger Zeit vermittelt sie ihre Lieblinge als Haustiere - auch nach Westeuropa und Nordamerika und zum stolzen Preis von umgerechnet 4200 Euro. Dugatkin schĂ€tzt die Zahl in den vergangenen fĂŒnf Jahren verkaufter Tiere auf einige Dutzend.

Zwar wĂŒrden die FĂŒchse von den ZĂŒchtern nicht ausgebildet und die KĂ€ufer mĂŒssten selbst dafĂŒr sorgen, dass die Tiere stubenrein werden, sagt der US-Forscher. Aber: "Sie sind gut zu trainieren, und die Gefahr fĂŒr ein Herrchen, von einem domestizierten Fuchs gebissen zu werden, ist nicht grĂ¶ĂŸer, als von einem Hund gebissen zu werden." Auch Trut ist von den VorzĂŒgen ihrer liebenswerten Zöglinge ĂŒberzeugt: "Ich hoffe, dass sie als neue Haustierart registriert werden können". Russischen Medien sagte sie, der Fuchs könne so seinen mystischen Charakter als Wesen aus Fabeln und MĂ€rchen verlieren und in das reale Leben der Menschen eintreten.

GeruchsbelÀstigung

Eine unangenehme Eigenart ihrer wilden Vorfahren haben die Tiere allerdings nicht abgelegt, wie Dugatkin sagt. "Sie haben einen strengen Geruch, ein wenig wie Moschus."

Kommentare

Kurier.tvMotor.atKurier.atFreizeit.atFilm.atImmmopartnersuchepartnersucheSpieleCreated by Icons Producer from the Noun Project profilkat