Wissen und Gesundheit
20.11.2017

Gewalt in der Familie: Jedes vierte Kind wird Zeuge

Die psychischen Folgen können enorm sein – Hilfe gibt es für die Betroffenen kaum.

"Aufhören, aufhören, bitte – hört endlich auf!" Wenn sich Vater und Mutter streiten, sind es oft die Kinder, die zu schlichten versuchen. Was Eltern ihren Kindern antun, wenn diese gewalttätige Auseinandersetzungen mit ansehen müssen, ist vielen nicht bewusst.

Welchen Stress das bedeutet, weiß Hedwig Wölfl, Geschäftsführerin der Kinderschutzeinrichtung Möwe: "Die psychischen Folgen sind sogar noch schlimmer, als wenn die Kinder selbst Opfer von Gewalt werden." Zu diesem Schluss kam kürzlich eine US-amerikanische Studie. Doch die Forschungslage ist noch dünn. Darauf weist sie am heutigen Welttag der Kinderrechte hin.

Die Gewalt, die Kinder in der Familie erleben, reicht von Erniedrigungen und Beschimpfungen bis zu körperlichen Attacken. "Wir kennen Fälle, wo Söhne das Leben ihrer Mütter retten, indem sie einschreiten", so Wölfl.

Angst, Schlafstörungen, Panikattacken, gestörtes Essverhalten oder Bindungstraumatisierung sind häufige Reaktionen der Kinder. Einige sind geradezu starr vor Schreck und dadurch sprachlos: "Das Zuhause, das ein Ort für Sicherheit und Geborgenheit sein sollte, wird zum Ort der Bedrohung. Ihre Eltern erleben sie plötzlich als anders, fremd, geradezu monströs." Manche plagen Schuldgefühle, weil sie glauben, die Eltern würden sich streiten, "weil ich als Kind böse war".

Das löst Schamgefühle aus. Die Kinder verhalten sich oft ähnlich wie viele Opfer häuslicher Gewalt – nach außen halten sie die Fassade der heilen Familie aufrecht: "Sie erzählen dann z. B., dass die Mutter die Treppe hinuntergefallen ist" erzählt die Kinderschutz-Expertin.

Spätestens wenn aus Kindern Jugendliche werden, beginnen viele, sich mit einem Elternteil zu identifizieren. Manche sind auf die Mutter wütend, weil sie sich das gefallen lässt. Denn zu 80 Prozent sind die Gewalttäter die Vater. Darauf weist Noch-Familienministerin Sophie Karmasin ( ÖVP) hin. "Das sehen wir bei den Betretungsverboten. 2016 wurden in Österreich 8637 solcher Verbote ausgesprochen. In mehr als der Hälfte der Haushalte lebten Kinder." (siehe Grafik)

Obwohl die Situation für die Kinder extrem belastend ist, gibt es wenig Hilfe. "Kinderschutz heißt auch Arbeit mit den Tätern, doch spezialisierte Angebote wie Antigewalttherapien sind rar", sagt Wölfl. Noch schlimmer sei, dass Zeugen von Gewalt nicht unter das Opferschutzgesetz fallen, sodass sie auch kein Anrecht auf eine psychotherapeutische Behandlung haben, wenn sie vor Gericht als Zeuge aussagen müssen. "Auch während Scheidungen erleben Kinder häufig Gewalt zwischen Eltern, weshalb hier eine Unterstützung nötig ist", fordern Kinderschützer.

Weil das Thema so wichtig ist, hat das Familienministerium in Kooperation mit der Möwe jetzt ein Buch gestaltet, das die Problematik kindgerecht vermittelt. Titel: "Auf hoher See". Illustration: Tanja Aranovych.

Martina Wolf, Geschäftsführerin der Österreichischen Kinderschutzzentren, hat das Buch mitkonzipiert: "Es zeigt, unter welch extremem Stress die Kinder stehen, wenn die Kommunikation zwischen den Eltern entgleist." Aber wo liegt der Unterschied zwischen Streit und Gewalt? Die Antwort gibt ein Mädchen, das an einem Workshop zum Thema teilgenommen hat: "Streit heißt, zwei sind sich uneins. Gewalt heißt, dass es weh tut."

Mit dem Buch will das Familienministerium einen Anreiz schaffen, dass in den Familien über Gewalt geredet wird. Und es soll ermutigen, sich Hilfe zu holen. Doch was sollten Nachbarn, Lehrer und Zeugen tun, die merken, dass Eltern einander Gewalt antun? "Stellen Sie nach außen klar, dass das verboten ist. Holen Sie Hilfe bei der Polizei, der Notrufzentrale oder Beratungsstellen", rät Wölfl.

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