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Wissen Gesundheit
11/10/2021

Wie Schüler den Weg aus der psychischen Krise finden

Professionelle Hilfe soll für Jugendliche niederschwellig zugänglich sein. Auch Sport verbessert die Lebenszufriedenheit.

Heranwachsende sind zahlreichen Belastungen ausgesetzt: Konflikte mit Eltern oder Gleichaltrigen, Stimmungsschwankungen und ein gesteigertes Risikoverhalten kommen häufig vor. Die Bundesschülervertretung und der Österreichischen Bundesverband für Psychotherapie sind sich daher einig: Es braucht jetzt Unterstützung für psychisch belastete Schülerinnen und Schüler. Mit der Kampagne “Erste Hilfe für den Kopf” wollen sie akute Hilfe aufzeigen. Unterdessen zeigt eine Schweizer Studie, dass Jugendliche Stress gezielt mit Sport abbauen können.

Stigmatisierung

Die Schülerschaft fordert eine Gleichstellung der psychischen mit der physischen Gesundheit: Es ist ganz normal zum Arzt zu gehen, wenn man sich den Fuß verstaucht, aber sobald jemand erzählt, er besuche seine Psychotherapeutin, sorgt das für Aufsehen, Erschrockenheit und viele entsetzte Fragen. “Aufgrund vieler Stigmata und Vorurteile trauen sich Kinder und Jugendliche nicht, über ihre psychischen Belastungen zu sprechen. Gemeinsam müssen wir jetzt jungen Menschen helfen, ihre Not früh zu erkennen, sich trauen diese auszusprechen und Hilfe anzunehmen”, sagt die Bundesschulsprecherin Susanna Öllinger.

Zusätzliche Belastung durch die Pandemie

Durch die zusätzliche Belastung der vergangenen 1,5 Jahre haben Studienergebnisse ihren Höhepunkt erreicht. “Leider hat es erst eine Pandemie mit erschreckenden Statistiken und Umfragewerten geschafft, das Thema in die Mitte der sozialen Diskussion zu stellen und diesem mehr Wichtigkeit zuzuordnen. Die Zahlen müssen ein Weckruf sein, um jetzt zu handeln und wir zeigen einen Weg vor, wie es gehen kann”, sagt Öllinger.

Lockdowns und Social Distancing haben Spuren hinterlassen

„Aktuelle Studienergebnisse zeigen, dass die psychischen Belastungen durch die Coronakrise bei jungen Menschen noch immer enorm sind - meine persönlichen Befürchtungen haben sich hier leider bewahrheitet. Kinder und Jugendliche müssen innerhalb kürzester Zeit sehr große Entwicklungsleistungen erbringen. Diese wichtigen Reifeprozesse und die Identitätsfindung wurden in den vergangenen anderthalb Jahren durch Lockdowns und Social Distancing teils abrupt gestoppt. Es braucht hier definitiv mehr psychotherapeutische Unterstützung, und zwar muss diese erste Hilfe direkt vor Ort an den Schulen niederschwellig verfügbar sein”, sagt Barbara Haid, Präsidiumsmitglied des Österreichischen Bundesverband für Psychotherapie ÖBVP.

Kampagne: Niederschwelliger Zugang zu Hilfe

Die Bundesschülervertretung widmet ihre heurige Jahreskampagne “Erste Hilfe für den Kopf” dem Thema der psychischen Gesundheit. Das Ziel der Kampagne ist es, auf das Thema aufmerksam zu machen. Durch das gemeinsame Projekt der BSV und dem ÖBVP wolle man für schnelle Hilfe sorgen: In jeder Schule sollen Plakate hängen, auf denen ein QR-Code zu sehen ist, welcher direkt auf eine Website führt, bei der alle hilfreichen und nützlichen Plattformen und Anlaufstellen übersichtlich aufgelistet und verlinkt sind.

“Ziel der Plakate soll sein unkompliziert und in wenigen Sekunden alle wichtigen Angebote und Informationen auf einen Blick zu sehen und somit niederschwellige Angebote und direkte Kontaktwege direkt in die Schule zu bringen”, sagt der stellvertretende Bundesschulsprecher Michael Scharf. “Sobald wir einer einzigen Person damit helfen konnten, hat sich unsere Arbeit bereits ausgezahlt und unser Ziel, schnell und unkompliziert Hilfe zu leisten, wurde erreicht”, fügt der BMHS Bereichssprecher Michael Scharf hinzu.

Beispielgebendes Projekt

“Das Konzept FIT4SCHOOL ist bereits fertig und an Tiroler Schulen etabliert. Es trifft auf großes Interesse und wird von allen Seiten gut genutzt und angenommen – sowohl von Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer, als auch den Eltern. Durch die Pandemie hat sich die Situation speziell für diese Gruppen massiv verschärft, daher braucht es dringend Beratung und Unterstützung von Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten”, berichtet die Leiterin des Projektes Fit4School Béa Pall.

Spass am Sport bringt mehr Lebenszufriedenheit

Auch eine Studie aus der Schweiz zeigtm wie Jugendliche Stress reduzieren können. Körperliche Aktivität kann helfen, die Lebenszufriedenheit zu verbessern. Dabei spielt die intrinsische Motivation eine entscheidende Rolle, wie Forschende der Universität Basel herausgefunden haben.

Jeder vierte Junge und jedes dritte Mädchen in der Schweiz fühlt sich in der Schule oder in der Lehre gestresst. Wie gelingt es, das Stresslevel zu senken und dadurch die Lebenszufriedenheit zu steigern? Körperliche Aktivität kann dabei unterstützen, weil sie eine stresspuffernde Wirkung hat. Entscheidend ist die intrinsische Motivation, die die Jugendlichen veranlasst, sich zu bewegen. Das haben Forschende des Departements für Sport, Bewegung und Gesundheit und der Fakultät für Psychologie der Universität Basel herausgefunden. 864 Jugendliche im Alter von 16 bis 25 Jahren nahmen an der Befragung daran teil.

Motivation ist das Um und Auf für die positive Wirkung

 
Die körperliche Aktivität beeinflusste die Lebenszufriedenheit positiv: Sie zeigte eine stresspuffernde Wirkung. Dies gilt allerdings nur, wenn die Bewegung aufgrund intrinsischer Motivation geschieht. Ist diese vorhanden, gilt: intensive körperliche Aktivität kann den negativen Effekt von Stress auf die Zufriedenheit hemmen.

Unter intrinsischer Motivation versteht man das Handeln aus einem inneren Antrieb: Die Aktivität selbst bereitet einem Spass, äussere Faktoren spielen keine Rolle. Dem gegenüber steht die extrinsische Motivation, welche die Verhaltenssteuerung durch äussere Anreize wie Belohnung, Bestrafung oder Erwartung anderer umschreibt.

Zeitmangel und Scham bremsen Sportbegeisterung

Die Forschenden unterstreichen mit ihren Erkenntnissen nicht nur die Bedeutung von intrinsisch motivierten Aktivitäten, sondern vor allem ihre Bedeutung während des Jugendalters. Eine Zeit, in der es viele extrinsische Gründe gibt, die verschiedenen Formen der körperlichen Betätigung aufzugeben: Heranwachsende Mädchen geben Zeitmangel, das Gefühl der Inkompetenz oder die Sorge um ihr Aussehen beim Sport als Gründe an, mit der körperlichen Betätigung aufzuhören oder sie zu reduzieren. Auch Jungen berichten, dass das Aussehen ihres Körpers sie davon abhält, sich sportlich zu betätigen.

Selbstbestimmung und Erfolgserlebnisse befeuern Hobbysportler

Im Gegensatz dazu führt die intrinsische Motivation zu einer regelmässigen und insbesondere langfristigen Teilnahme an körperlichen Aktivitäten. Es ist daher umso wichtiger, diese Motivation und das autonome Interesse der Jugendlichen an körperlichen Aktivitäten zu fördern. «Mehr Selbstbestimmung bei der Auswahl der Sportart, Erfolgserlebnisse beim Sporttreiben sowie das Gefühl der sozialen Eingebundenheit könnten hier erste Schritte sein», hebt die Psychologin Silvia Meyer hervor. Sie resümiert: "Wir wollten zeigen, dass Sport – unter der Bedingung, dass er intrinsisch motiviert ist – zu einer besseren Stressbewältigung beitragen kann."
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