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Nachgefragt
10/08/2021

Warum derzeit viele Kinder unter schweren Atemwegsinfekten leiden

Wie Experten den Anstieg erklären und wie banale von schweren Infekten unterschieden werden können.

von Elisabeth Gerstendorfer

Derzeit erkranken auffällig viele Kinder in Österreich an teils schweren Atemwegsinfekten, die im Krankenhaus behandelt werden müssen. Auslöser ist RSV, das Respiratorische Synzytial-Virus, das die oberen Atemwege betrifft. Reinhold Kerbl, Generalsekretär der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde, schätzt, dass derzeit etwa 50 bis 100 Kinder mit schweren Verläufen in Österreichs Spitälern behandelt werden.

„Am meisten betroffen sind Säuglinge im ersten Lebensjahr. RSV haben wir eigentlich jedes Jahr, allerdings ist der Gipfel meist erst zwischen Jänner und April“, sagt Kerbl. Heuer seien bereits im Sommer Fälle aufgetreten, im Herbst nahmen sie weiter zu. „Normalerweise haben wir um diese Jahreszeit noch nicht solche Anstiege, meist beginnt es nach Weihnachten, parallel mit der Grippe.“ Der Anstieg entspricht Beobachtungen des deutschen Robert-Koch-Instituts: Auch in Deutschland gibt es mehr kranke Kinder als sonst zu dieser Zeit. Zuvor erlebten Israel, die USA, Australien und Japan RSV-Ausbrüche.

Nachholeffekt

„Wir sehen jetzt einen Nachholeffekt. Aufgrund der Corona-Maßnahmen mit reduzierten Kontakten und vermehrter Hygiene gab es vergangenes Jahr praktisch keine RSV-Infektionen“, so Kerbl. Die Kinder konnten keinen Immunschutz aufbauen. RS-Viren sind sehr ansteckend – innerhalb einer Familie ist die Übertragung fast nicht zu verhindern.

Während Erwachsene nur einen Schnupfen bekommen, kommt es bei Kleinkindern häufig zu Husten, Bronchitis und Luftnot, die oft ambulant oder vom Kinderarzt behandelt werden kann. Manche erkranken jedoch schwer. Herbert Kurz, Vorstand der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde an der Klinik Donaustadt, behandelt derzeit zwei Kinder auf der Intensivstation, eines davon ist erst drei Wochen alt. „Junge Säuglinge und ehemalige Frühgeborene sind besonders gefährdet. Wenn man das Gefühl hat, das Kind hat Probleme mit der Atmung und bekommt schwer Luft, sollte man dringend einen Kinderarzt aufsuchen“, sagt Kurz.

Anzeichen für Atemnot sind ein Ein- und Ausziehen der Nasenflügel, Einziehungen oberhalb des Brustbeins oder zwischen den Rippen, sowie auffällige Atemgeräusche wie Pfeifen. Die Kinder atmen zudem schneller. Manche brauchen im Krankenhaus Flüssigkeit in Form von Infusionen, viele benötigen zusätzlichen Sauerstoff.

Keine Therapie

In seltenen Fällen müssen Kinder beatmet werden, Todesfälle sind sehr selten. „Eine spezifische Therapie gibt nicht, auch keine Impfung. Es können nur die Symptome gelindert werden“, betont Kurz. Gefährdete Frühgeborene erhalten alle vier Wochen eine RSV-Prophylaxe (ein Antikörper-Präparat). „Diese Prophylaxe wird saisonal gegeben, üblicherweise beginnen wir im November. Heuer haben wir sie auf Oktober vorgezogen“, sagt Reinhold Kerbl. Neben RS-Viren seien Anstiege bei anderen Virenerkrankungen zu beobachten. Ob der Nachholeffekt auch bei der Grippe auftreten wird, könne man jetzt noch nicht sagen.

Neben RSV-Viren seien auch Anstiege bei anderen Virenerkrankungen zu beobachten. Ob der Nachholeffekt auch bei der Grippe auftreten wird, könne man jetzt noch nicht sagen. Jedenfalls problematisch sei ein Personalmangel in der Pflege, der auch die Kinderabteilungen betrifft. „Das könnte lokal zu Problemen führen. Ich kenne Kliniken, die bereits Intensivbetten für Kinder sperren mussten, da sie zu wenig Personal haben. Wir sind in Österreich sehr gut vernetzt, sodass wir kein Kind unversorgt lassen, dennoch gibt es den Fachpflegemangel auch in unserem Intensivbereich“, berichtet Kerbl.  

Hoher Personalaufwand

Herbert Kurz betont, dass die Behandlung von Virenerkrankungen, insbesondere, wenn diese wie RSV, Covid-19 und Grippe, möglicherweise bald parallel auftreten, einen sehr hohen Personal- und Organisationsaufwand erfordert (mit sich bringt). „Eine Krankenpflegerin, die zu einem Säugling mit RSV ins Zimmer geht, muss genauso gut geschützt sein, wie bei der Behandlung von Covid-19-Patienten. Hinzu kommt, dass Kinder mit Virenerkrankungen nicht mit anderen Kindern gemeinsam in einem Zimmer liegen können, sodass es mehr Ressourcen braucht, die Station zu organisieren“, sagt Kurz.

Beide Experten sprechen sich dafür aus, dass die Grippeimpfung nicht ausgelassen wird. „Falls die Grippe sehr stark auftritt, dann haben wir im Kinderbereich eine ,Tridemie‘ – es gibt dann gleichzeitig RSV-, Influenza- und Covid-Fälle. Das sollten wir versuchen zu vermeiden“, so Kerbl.  Die Grippeimpfung ist – wie im vergangenen Jahr – für Kinder von zwei bis 15 Jahren kostenfrei und wird zum Teil nasal verabreicht.

 

Woran Sie erkennen, ob ein Infekt im Kindergartenalter banal ist

Soll das Kind zuhause bleiben oder nicht? Bei folgenden Symptomen sollte Ihr Kind nicht in Kindergarten oder Schule:

  • Fieber
  • starker Husten
  • Das Kind ist nicht fit, fühlt sich müde und unwohl.

Ein banaler Schnupfen ohne weitere Symptome ist kein Grund, das Kind zuhause zu lassen.

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