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Warten auf Omikron-Vakzin wegen Sommerwelle kaum sinnvoll

Zeitlinger erwartet "ordentliche Sommerwelle". Noch viele Fragen zu angepassten Impfstoffen.

06/24/2022, 06:02 AM

Die aktuelle Covid-19-Situation ist f├╝r den klinischen Pharmakologen Markus Zeitlinger mit jener im Herbst 2021 vergleichbar: "Das hei├čt, man kann sich ausrechnen, dass es eine ordentliche Sommerwelle geben wird." Dieser Befund sei epidemiologisch klar abzusehen. Wann man nun zur vierten Impfung schreiten sollte, sei trotzdem "schwer zu beantworten". Ein starkes Argument f├╝r ein Warten auf an die Omikron-Variante angepasste Vakzine sieht Zeitlinger momentan aber nicht.

Klar sei, dass der Impfschutz auch nach drei Stichen mit der Zeit abnimmt. Nach zwei Monaten des Maximalschutzes l├Ąsst er nach. Es folgt ein "relativ starker Knick nach vier bis f├╝nf Monaten", nach dem auch die Durchbruchsinfektionen zunehmen, sagte der Leiter der Universit├Ątsklinik f├╝r Klinische Pharmakologie der MedUni/AKH Wien zur APA. Daten aus Israel zeigen aber deutlich, dass sich mit einer erneuten, in der Regel gut vertr├Ąglichen Auffrischung die Zeit quasi zur├╝ckdrehen l├Ąsst, und die Antik├Ârpertiter wieder auf das urspr├╝ngliche Niveau bzw. dar├╝ber gehoben werden. Das funktioniere "grunds├Ątzlich in allen Personengruppen", wobei der Effekt freilich bei vulnerablen Gruppen st├Ąrker ausf├Ąllt. Ebenso klar ist aber mittlerweile, dass auch nach dem erneuten Booster die Schutzwirkung mit der Zeit wieder abnimmt.

├ťber-75-J├Ąhrige jetzt impfen

Werden breitere Bev├Âlkerungsgruppen aufgefrischt, "schl├Ągt sich das in sinkenden Infektionszahlen nieder", so Zeitlinger: "Diese Dinge spielen jetzt alle bei der ├ťberlegung zum Zeitpunkt des Boosterns mit." Ist wie momentan davon auszugehen, dass eine hohe Sommerwelle anrollt, sollten sich Menschen vermehrt ├╝berlegen, schon jetzt aufzufrischen. Rechne man hingegen eher mit einer gro├čen Herbstwelle, w├Ąre es kl├╝ger, m├Âglichst viele Leute erst knapp davor zu boostern.

Um gut ├╝ber die Sommerwelle zu kommen, sollten sich jetzt jedenfalls vor allem Menschen mit schwachem Immunsystem und ├ťber-75-J├Ąhrige den vierten Stich holen, sagte Zeitlinger. Bei Menschen um die 60 r├Ąt der Experte "eher" zur baldigen Auffrischung, wenn die letzte Impfung mehr als sechs Monate zur├╝ck liegt.

Auch Impf-Experte Herwig Kollaritsch geht davon aus, dass mit Herbst f├╝r die meisten Menschen eine Auffrischungsimpfung notwendig sein wird. Die gro├če Boosterwelle mit dem dritten Stich liegt dann bereits ├╝ber ein dreiviertel Jahr zur├╝ck und auch der Schutz vor schweren Erkrankungen nehme damit ab. Insgesamt w├╝rden bis zum Herbst 4,5 Mio. ├ľsterreicher ihre Immunit├Ąt verlieren. Es mache deshalb Sinn, die Impfempfehlung davor besonders herauszustreichen.

Mit Herbst sei durch Ferienende und vermehrte R├╝ckkehr in geschlossene R├Ąume wieder ein besonders hohes Risiko zu erwarten, sich im Alltag zu infizieren - auch wenn der Anstieg diesmal aufgrund der Sommerwelle weniger stark ausfallen k├Ânnte. Personen mit Grunderkrankungen, sehr alten Menschen und jenen mit besonders vielen Sozialkontakten empfiehlt der ebenfalls an der MedUni Wien t├Ątige Kollaritsch, schon davor f├╝r einen optimalen Impfschutz zu sorgen.

Omikron-Anpassung vielleicht falsches Pferd

J├╝ngere Menschen, f├╝r die die Bedrohung durch die Infektion in der Regel nicht so gro├č ist, br├Ąuchten sicher nicht vor dem Ablauf eines halben Jahres zum Booster schreiten, meint Zeitlinger. Als j├╝ngerer Mensch ohne Vorerkrankungen m├╝sse man auch nicht unbedingt unter den Ersten sein, die die f├╝r Herbst erwarteten, an die Omikron-Variante angepassten mRNA-Impfstoffe erhalten. Droht die Zeit zwischen den Stichen l├Ąnger als neun Monate zu werden, fahre man letztlich eher besser mit einer erneuten Impfung mit einem herk├Âmmlichen Wirkstoff, so Zeitlinger.

"Nicht gering" sei mitunter die Wahrscheinlichkeit, dass man mit der Omikron-Anpassung gar auf das falsche Varianten-Pferd setzt. ├ťber all dem schwebt die M├Âglichkeit einer neuen dominanten Mutationsanh├Ąufung im SARS-CoV-2-Erreger, die auch wieder n├Ąher an urspr├╝nglicheren Varianten sein k├Ânnte.

W├Ąhrend der zum rollierenden Zulassungsverfahren bei der Europ├Ąischen Arzneimittelbeh├Ârde (EMA) angemeldete neue Impfstoff von Biontech/Pfizer "nur gegen die Omikron-Variante gerichtet ist", setzt man bei dem Moderna-Vakzin auf eine Kombination aus herk├Âmmlichem- und Omikron-Impfstoff. Die Datenlage zu beiden Vakzinen sei noch l├╝ckenhaft. Bei Moderna sei aber mittlerweile klar, dass der Impfschutz bei einem Booster mit dem angepassten Vakzin gegen├╝ber der urspr├╝nglichen Wuhan-Variante gleich gut bleibt.

Fragen seien aber noch dazu offen, um wie viel besser der Schutz gegen├╝ber Omikron ausf├Ąllt. Es gebe aber Hinweise, dass dieser nicht exorbitant h├Âher sein d├╝rfte und die vierte Impfung mit dem herk├Âmmlichen Vakzin laut Zeitlinger "fast gleich viel kann". Wie es um die neutralisierende Wirkung gegen├╝ber den BA.4/BA.5-Untervarianten bestellt ist, k├Ânne man anhand der Informationen von Moderna eigentlich kaum beurteilen, so der Experte: "Auf den angepassten Impfstoff zu warten, ist f├╝r mich momentan das schw├Ąchste Argument."

Noch schw├Ącher wiege die Argumentation, dass eine erst k├╝rzlich durchgemachte Infektion lange sch├╝tze. Auch hier gehen die Antik├Ârpertiter mit der Zeit deutlich zur├╝ck. "Wenn ich vor einem Monat Omikron gehabt h├Ątte, w├╝rde ich mich jetzt auch nicht impfen lassen", so Zeitlinger. F├╝r Ungeimpfte mache es aber schon drei Monate nach Infektion sehr wohl wieder Sinn, wie Studien zeigen.

In den n├Ąchsten Wochen erwartet Zeitlinger ├╝berdies Zulassungen f├╝r die Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna f├╝r Kinder im Alter von sechs Monaten bis zum Ende des sechsten Lebensjahres seitens der EMA. Hier sind die Wirkstoff-Dosen im Gegensatz zur Erwachsenen-Impfung auf ein Zehntel bzw. ein Viertel reduziert.

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