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23.04.2018

Problemfall Wirbelsäule: 20 Experten-Tipps für Rückenschmerzen

Orthopäden erklären die wichtigsten Ursachen für Rückenschmerzen und sagen, was die Wirbelsäule schützt.

Was  sind die Ursachen für Rückenschmerz?

Rückenschmerz hat vielerlei Facetten. „Wir unterscheiden zwischen spezifischem und unspezifischem Schmerz. Spezifisch –  etwa durch Bandscheibenvorfall. Unspezifisch– etwa muskulär bedingt“, sagt Irene Roniger, stv.  Leiterin der Abteilung für konservative Orthopädie, Orthopädisches Spital Speising.

Welche Rolle spielt das Alter?

Abhängig vom Lebensalter kann man unterschiedliche Gründe für Rückenschmerzen finden. „Der junge Patient um die 40 wird eher einen Bandscheibenvorfall haben, je älter der Patient wird, desto mehr werden Degenerationen ein Problem sein. Je älter der Patient wird, desto mehr werden Degenerationen ein Problem sein  – z. B. Wirbelgleiten (dabei verschieben sich Wirbel gegeneinander)oder die Einengung der Spinalkanals (Anm.: liegt im Inneren der Wirbelsäule, dort befinden sich Rückenmark und Nerven).  Bei sehr betagten Patienten ist es unter Umständen die durch Osteoporose bedingte Wirbelkörperfraktur – ein plötzliches Einbrechen eines Wirbelkörpers“, sagt Philipp Becker vom Wirbelsäulenzentrum des Orthopädischen Spitals in Speising.

Worauf ist bei Rückenschmerz zu achten?

Man sollte schauen: Ist es ein lokaler Schmerz oder strahlt er ins  Bein, in den  Arm oder in beide Beine aus?  „Im nächsten Schritt sollte man auf eine mögliche Schwäche oder Sensibilitätsstörung achten oder darauf, ob beim Gehen die Beine schwach werden“, rät Irene Roniger. Beim unkomplizierten Rückenschmerz, ohne Schwäche und Ausstrahlung, braucht es  ein Schmerzmittel,  Bewegung, aber keine Bettruhe.  „Wir brauchen auch nicht sofort ein Röntgen oder eine Magnetresonanzuntersuchung (MRT)“, sagt Philipp Becker.

Was sind ernst zu nehmende Alarmzeichen?

„Wir haben einige sogenannte Red Flags, wo man die Ursache näher abklären muss. Etwa bei jungen Patienten, wenn eine Lähmung da ist. Also wenn er ein Bein nicht bewegen kann, das Bein hängt, der Stuhl oder Harn nicht gehalten werden kann. Das sind Alarmsignale, wo man eine Bildgebung braucht. Doch die meisten Patienten haben einen unkomplizierten Rückenschmerz, der, so wie er gekommen ist, auch wieder vergehen wird“, so Oberarzt Becker. Achtung: Bei starken Schmerzen und möglichen Ausfällen sollte man keinesfalls zuwarten. In diesem Fall kann es zwar manchmal zu einer plötzlichen Schmerzfreiheit kommen, aber aufgrund eines Nervenwurzeltodes. Die dadurch entstandenen Ausfälle durch schmerzlose Lähmung sind kaum mehr rückgängig zu machen, auch nicht durch eine Operation.

Was tun bei einem Bandscheibenvorfall?

„Wenn der Patient Lähmungserscheinungen hat, wird nicht lange konservativ behandelt. Weil die Gefahr besteht, dass ein Schaden bleibt“, sagt Univ.-Prof. Michael Ogon, Leiter des Wirbelsäulenzentrums Speising.  Operiert wird auch, wenn es kein zufriedenstellendes Ansprechen auf die konservative Therapie gibt und der Schmerz über einen längeren Zeitraum nicht in den Griff zu bekommen ist.

Wie sehen da die Therapieschritte aus?

Die gute Nachricht: 90 Prozent der Betroffenen werden mit konservativen Methoden behandelt.  Hier gilt: „Wenn es ein bisschen ins Bein zieht, wird  versucht,  mit Medikamenten (entzündungshemmende Schmerzmittel), durch konventionelle Infiltrationen, kräftigende Übungen, Physiotherapie und physikalische Therapie etwas zu erreichen“, so Roniger.

Was passiert bei einer Infiltration?

Es wird ein Lokalanästhetikum mit einem entzündungshemmenden Kortisonpräparat im Bereich der Nervenwurzeln der Wirbelsäule  oder in deren Gelenke injiziert – das ist die konventionelle Infiltration. Bei der Infiltration gibt es auch noch die Möglichkeit der gezielten Vorgehensweise –  mit Röntgen oder Computertomografie. Der Bereich, der behandelt werden soll, wird mittels CT oder Röntgen dargestellt.  So lässt sich die Stelle, an der das Medikament eingespritzt werden soll, ganz genau lokalisieren.

Wie lange dauert ein Bandscheibenvorfall?

Das ist sehr unterschiedlich. „Manchmal behandelt man jemanden und er ist rasch schmerzfrei, manchmal dauert es sehr lange und in einigen eher seltenen Fällen muss man auch operieren“, so Irene Roniger. Becker: „Im Durchschnitt sollte man sechs bis acht Wochen Geduld haben.“ Hier spielt auch das Alter eine Rolle.

Gibt es neue, schonende OP-Methoden?

Becker: „Ja, wir haben nun die Möglichkeit einer endoskopischen Bandscheibenoperation, wo man mit einem sehr kleinen Zugang  per Endoskop direkt zum Bandscheibenvorfall geht und diesen sehr schonend entfernen kann.“ Das kommt allerdings nicht für alle Patienten in Frage und ist abhängig von der Anatomie. Auch bei der herkömmlichen Methode ist es ein sehr kleiner Schnitt, die Patienten werden rasch mobilisiert und sind meist am übernächsten Tag nach der OP schon wieder daheim.  In manchen Ländern wird die Bandscheiben-OP sogar tagesklinisch angeboten.

Spielt die klassische physikalische Therapie nach wie vor eine Rolle?

Ja, sie hat einen großen Stellenwert bei der Behandlung von Rückenschmerzen. Beispiel Schwellstrom: Er aktiviert die Rückenstrecker und ist eine gute Unterstützung für die Physiotherapie.

Um welche typischen Probleme handelt es sich im degenerativen Bereich?

Becker: „Da geht es vor allem um Osteochondrose, Gleitwirbel oder Spondiolisthese und um die Spinalkanalstenose. Diese drei Diagnosen beschäftigen uns am häufigsten.“

Wie wird Wirbelgleiten behandelt?

Da gibt es einen strukturierten Fahrplan – zunächst erfolgt die konservative Behandlung mit Stromtherapie, Physiotherapie, physikalischer Therapie. Der nächste Schritt ist die interventionelle Schmerztherapie mit gezielten Infiltrationen in die Wirbelbogengelenke, evtl.  in den Spinalkanal oder an die Nervenwurzel. Wenn das auch nicht den gewünschten Erfolg bringt, gibt es die operative Stabilisierung des Gleitwirbels. „Bei uns ist das die häufigste Operation. Für viele Patienten beginnt damit ein neuer Lebensabschnitt“, so Becker. Allerdings ist es da in Folge wichtig, die Muskeln weiterhin zu kräftigen, damit die angrenzenden Keile nicht überlastet werden. Roniger: „Der Erfolg ist nur die Hälfte der Operateur. Der Mensch muss mitarbeiten.“

Was genau passiert bei dieser OP?

Meistens sind zwei Wirbel betroffen – sie verschieben sich gegeneinander. Das wird verhindert, indem vier Schrauben gesetzt werden, die mit zwei Stäben verbunden sind. Statt der Bandscheibe kommt ein Platzhalter. In der Zeit nach der OP verbindet sich das zu einem Block und wächst zusammen. Zusätzlich wird der Nerv ausgefräst, damit er Platz hat und sich erholen kann.

Sind schon Kinder von Rückenschmerz betroffen?

„Durchaus. Es ist ein gesellschaftliches Problem, dass Kinder nicht mehr zum Sport und zu Bewegung angehalten werden. Das ist etwas, das uns generell nicht gut tut, weil Bewegung und Koordination sehr wichtig sind. Das alles lernt man in der Kindheit“, meint Irene Roniger.

Wie sieht ein rückenfreundlicher Lebensstil aus? 

Es ist wichtig, Vitamin D und Kalzium zu sich zu nehmen, als Osteoporose-Prophylaxe. Empfohlen wird viel Flüssigkeit, gesunde Mischkost und ein ausreichendes Bewegungspensum. Übergewicht schadet der Wirbelsäule. Roniger und Becker betonen: „Der Körper will Abwechslung haben, heißt:  monotones und stundenlanges Sitzen am Schreibtisch ist schlecht. Gleiches gilt für langes Stehen.“

Wie wichtig ist ein gutes Bett?

Die Matratze sollte sich der Körperform anpassen.   Bei starken Schmerzen nach dem Aufwachen sollte man sich das Bett genauer anschauen. Im Idealfall sind die Dornfortsätze in Seitenlage horizontal ausgerichtet. In der Rückenlage sollte ins Hohlkreuz noch eine Hand passen. Dann ist die Härte der Matratze ideal. Wichtig ist, dass die Schulter einsinken kann. Der Polster sollte so angepasst werden, dass der Kopf in einer entspannten Lage ist. „Nackenrollen sind eher nicht zu empfehlen, weil viele Patienten in eine Kurve gezwungen werden, die ihnen nicht gut tut“, so Roniger. Becker: „Der gute, alte Daunenpolster, den man zusammenquetschen kann, ist immer noch das Beste.“

Sollte der Rückenschmerz ganzheitlich betrachtet werden?

Becker: „Natürlich. Selbst, wenn operiert wird, operieren wir nicht nur die Bilder, sondern schauen immer den ganzen Patienten an. Hier ist es wichtig, sich als Chirurg anzusehen, wie jemand Schmerz verarbeitet und wie das für einen Patienten ist.  Wir operieren nicht den Schmerz, sondern die Lebensqualität. Das ist das neue Ziel der Chirurgie.“

Wie beurteilen Sie Selbsthilfe-Videos aus dem Netz bei Rückenschmerzen?

Gerade beim Bandscheibenvorfall ist sehr individuell zu entscheiden, welche Übungen indiziert sind und welche nicht. Man sollte das daher eher persönlich mit einem Physiotherapeuten abklären.

Welche komplementärmedizinischen Methoden empfehlen sich?

Roniger: „Ich arbeite gerne mit Osteopathie und Akupunktur. Zur Wirksamkeit der Akupunktur bei Rückenschmerz gibt es viele Studien, sie hilft aber nicht jedem.

Was bringt die Zukunft?

Bei der Diagnostik  das Bewegt-MR oder MR im Stehen, um zu sehen,  wie sich Wirbelkanal und Bandscheibe in  stehender Haltung verändern“, sagt Philipp Becker. In KH Speising wird derzeit an einem Bandscheibenersatz geforscht und an Therapien, um künftig die Bandscheibe zu regenerieren.