Wissen | Gesundheit
31.03.2018

Persönliche Lebenserfahrung: Mama ging ins Heim

KURIER-Serie "Wege der Pflege": Irgendwann war das Seniorenhaus für Mama die beste Idee. Nur wollte sie das nie so sehen.

Vielleicht sehen Junge das schon anders, aber bis zu meiner Generation erzeugt das Wort „Heim“ viel Bitterkeit. Ich bin 40 Jahre alt und „ins Heim abschieben“ war seit meiner Kindheit der geflügelte Begriff für den schäbigen Umgang mit den eigenen Eltern und Großeltern.

Das Bild wurde besser, als meine Großmutter väterlicherseits ins Heim ging. Ich war Anfang Teenager und glaube, sie wollte es selbst. Vielleicht glaube ich es nur, weil mir der Blick über Wien gefiel, den ich von ihrem Balkon im fünften Stock hatte, das Pensionistenheim lag auf einer Erhebung der noblen Vorstadt. Ich dachte mir damals, am liebsten würde ich auch direkt von zuhause hierher ziehen, Essen bekommen, Hilfe beim Aufräumen. Ich war jung.

Als es dann um Mama ging, war ich älter. Und es fühlte sich ganz anders an.

Mama war immer eine gesellige Frau, schupfte zwanzig Jahre lang einen Friseursalon. Aber weil das Leben zu ihr auch gemein gewesen war, hatte sie einen Hang zur Bitterkeit. Sie lebte allein, seit ich mit 21 ausgezogen war und irgendwann ließ die Gesundheit nach, nichts Schlimmes, aber Entscheidendes: schlechter stehen und gehen, mehr Atemprobleme, organische Leiden.

Wenn die eigene Mama in der Nacht stürzt und man erst am Tag danach vom Krankenhausbesuch erfährt. Wenn man sie einmal dehydriert knapp vor bewusstlos findet. Wenn man sich nicht mehr einreden kann, dass sie die Wohnung noch im Griff hat. Selbst 70 Quadratmeter sind groß, wenn der eigene Radius kleiner wird. Raum für Raum wird zur Abstellkammer. Alten Menschen fehlt die Kraft, Ballast abzustoßen. Bücher verstauben, viel zu oft läuft nur der Fernseher, der Herd steht still.

Irgendwann drängt sich der Satz stärker in den eigenen Kopf, den man lange nicht rauslässt: Du solltest dich für ein Heim anmelden.

Meine Mama ersparte mir dann jahrelang nichts. Ich wurde zum Sohn, der die Mutter ins Heim abschieben will, in dem „nur alte Leute“ sind. Immer öfter trafen Sätze wie „Ich kann das doch alles noch“ und „Das wirst du doch für deine Mutter tun können“ aufeinander. Die Ironie fiel nur mir auf.

Des Kindes Kampf

Ich verstehe, dass viele Töchter und Söhne diesem Kampf ausweichen, er ist nicht leiwand. Auch die Elterngeneration verbittert mit „Heim“. Absurderweise kopierten Mama und ich die Dialoge, die sie früher mit ihrer Mutter führte. In den neuen Rollen fanden wir uns beide nicht zurecht.

Und doch lohnt sich der Kampf. Nach einem organischen Totalausfall, einer flüchtigen Begegnung mit der Endlichkeit und zehn Wochen Krankenhaus, sah Mama die Welt ein bisschen anders. Sie wollte sich für ein „Pensionisten-Wohnhaus“ anmelden, wie das offiziell heißt. „Aber nur anmelden, Axel.“ Dann kamen drei Monate Gegenwehr. „Ich geh, wann ich will. Angemeldet bin ich ja.“ Ein Sommer noch in der Wohnung, die alten Muster flammten auf. Im Herbst plötzlich ein Anruf: „Du, ich war gestern wen in der Seegasse besuchen, ich will jetzt dorthin.“ Im Oktober 2015 zog Mama ins „Haus Rossau“. Ich war überrascht, wie schnell der Platz frei ist und überraschter, wie schnell Bewohner einziehen müssen: Sieben Tage hatten wir. Mit 73 Jahren sind sieben Tage verdammt wenig. Aber es war gut.

Ein neues Zuhause

Heute sitzt Mama im Speisesaal bei ihren klugen, älteren Tischnachbarn. Es sind überraschend viele Nichtbewohner beim Mittagessen, ein Mädchen holt Wasser für Oma und ihre Eltern. Eine Mittvierzigerin im Businessgewand isst mit einer Frau, die wahrscheinlich ihre Mutter ist. Kurz vor Ostern kommt viel Besuch.

Mama isst mit Genuss, während ich mit Christine Lapp spreche, der Direktorin des Hauses Rossau: „Es ist uns wichtig, die Angehörigen ins Boot zu holen, es ist ja eine große Sache für neue Bewohner. Deshalb bitten wir vor dem Einzug, dass uns Menschen Löcher in den Bauch fragen. Dann ist die Eingewöhnung einfacher.“ Sie kennt die Gründe, viele wollen Sicherheit für die Eltern, eine überschaubare Umgebung und Ansprache. „Kontakte sind gut. Der Mensch ist ein soziales Wesen.“

Mama wurde kein grundlegend anderer Mensch, sie würde nie sagen: „Ja, es geht mir sehr gut.“ Sie bleibt bei ihrer Version, dass es zu Hause schöner war, aber immerhin: „Es ist schon nett hier. Leichter. Und alle Mitarbeiter sind freundlich und bemüht.“ Die „anderen Bewohner“ sind zwar „lauter alte Leute, und, weißt du, viele sind komisch“. Aber Mama sitzt jeden Nachmittag in der Tratschrunde beim „Marktplatz“, der Illusion eines kleines Cafés in der Halle.

Ich maße mir nach all den Jahren und Wellen an, meine Mama besser zu kennen: Sie ist hier wesentlich stabiler geworden als früher. Sie raucht weniger. Sie ist ein bisschen aufgeblüht. Sie mag ihre 28 Quadratmeter-Wohnung. Beim Einzug stritten wir darüber, ob sie den 40 Jahre alten, dunklen, längst schäbigen Wandverbau mitnimmt. Ich bestand auf neuen, hellen, vor allem kleineren Möbeln. Sie ringt sich zu Sätzen wie „Das hast du mir schon schön eingerichtet“ durch.

Bevor ich mit dem Fotografen komme, geht sie zum Friseur, der ins Haus kommt. Das vielfältige Angebot von Ausflügen bis Chor nimmt sie nur sporadisch wahr. Mama lebt selbstbestimmt, hat Pflegestufe eins. Wenn der Pflegebedarf einmal steigt, ist sie schon hier.

Plötzlich hat sie es eilig. „Ich muss um drei zum Geburtstagsfest. Heute werden die Märzgeborenen gefeiert.“ Die Mama wurde vor zwei Wochen 75. Und ich kann mir mittlerweile vorstellen, dass sie 100 wird.

„Um Gottes Willen, bloß nicht“, sagt sie. Die Mama.

Info: Was einst das Pensionisten-Heim war

Häuser zum Leben: In den 30 „Häusern zum Leben“ des Kuratoriums der Wiener  Pensionisten-Wohnhäusern der Stadt Wien (KWP) leben rund 8900 Bewohner. Es ist damit der größte Anbieter in Österreich und bietet Betreutes Wohnen (Menschen mit Pflegestufe in einer Wohnung im Pensionisten-Haus), Unterstütztes Wohnen (ohne Pflegest.) und Gepflegt.Wohnen (24-Std.-Pflege im stationären Bereich). Die stationäre Pflege wird derzeit wegen steigender Nachfrage auf gut 2000 Plätze aufgerüstet.

Hauptgründe für den Einzug sind heute eine komfortablere, aber überschaubare Wohnung, gesicherte Betreuung im Krankheitsfall, soziale Kontakte und Freizeitgestaltung. Täglich wird frisch gekocht, Frühstück und Mittagessen werden gemeinsam eingenommen (keine Pflicht).

Neben den Häusern zum Leben betreibt das KWP  ein Zentrum für Demenzkranke, Remobilisations-Stationen, Betreuung für ältere Menschen mit Behinderungen und Angebote für Senioren mit Migrationshintergrund und Pensionistenklubs.

Haus Rossau: Im Haus zum Leben in der Wiener Seegasse (9. Bezirk) leben derzeit 248 Menschen, 118 davon haben eine Pflegestufe, weitere 80 werden gelegentlich mobil bertreut. 26 sind auf der stationären Pflege. Da der Bedarf besonders innerstädtisch steigt, wird umgebaut: Ab Oktober 2019 stehen dann 108 Plätze im stationären Bereich zur Verfügung – davon 96 in Einzelzimmern.