Das neuartige Coronavirus hält die Welt in Atem.

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Wissen Gesundheit
03/11/2020

Mikrobiologe: "Diese Viren-Epidemie wird sicher nicht die letzte sein"

Mikrobiologe Michael Wagner verurteilt im KURIER-Interview die anfängliche Verharmlosung des neuartigen Coronavirus.

von Marlene Patsalidis

Experte Michael Wagner, Leiter des Zentrums für Mikrobiologie und Umweltsystemwissenschaft an der Universität Wien, sieht "keinen Grund zur Panik, aber auch keinen Grund die Dinge zu verharmlosen".

KURIER: Viele wundern sich, warum das Coronavirus viel aggressiver bekämpft wird als die saisonale Grippe. Können Sie den Hintergrund erklären?

Michael Wagner: Es ist eine dramatisch andere Situation. Erstens ist die Sterblichkeit bei COVID-19 (Name der Krankheit, die durch das Virus ausgelöst wird, Anm.) deutlich höher. Zweitens werden durch einen Infizierten mehr Personen angesteckt als bei der saisonalen Grippe. Drittens gibt es gegenüber dem neuartigen Coronavirus keine Immunität in der Bevölkerung. Bei der saisonalen Grippe haben viele schon schützende Antikörper gebildet, weil sie denselben oder einen nah verwandten Virusstamm der Grippe schon hatten oder geimpft sind. Es gibt eine gewisse Herdenimmunität. Diese Wellenbrecher in der Gesellschaft, die die Epidemie bremsen könne, gibt es beim neuen Coronavirus nicht. Ich fand es deswegen unangebracht, dass einige Experten zu Beginn der Epidemie Vergleiche mit der saisonalen Grippe gezogen haben und sogar meinten, dass sich vor diesem Virus niemand fürchten müsse. Das passt mit dem vorhandenen Wissen nicht zusammen und die Menschen sind nun natürlich verwirrt, warum von der Politik derart drastische Maßnahmen ergriffen werden müssen. Es besteht kein Grund zur Panik, aber auch kein Grund die Dinge zu verharmlosen.

Gegen Grippe ist eine Impfung verfügbar, die nur von rund acht Prozent der Österreicher in Anspruch genommen wird. Glauben Sie, ein Impfstoff gegen Corona würde besser angenommen werden?

Es wird darauf ankommen, wann die Impfung kommt. Wenn bis dahin 70 Prozent der Bevölkerung die Krankheit durchgemacht haben, breitet sich das Virus nicht weiter stark aus und die Angst wird sinken. Dann werden die Impfzahlen möglicherweise nicht überwältigend hoch sein. Ich glaube aber schon, dass die Bevölkerung jetzt versteht, was passiert, wenn man solche Epidemien unterschätzt und wie wertvoll Impfungen sind. Hätten sich mehr Österreicher gegen die Influenza geimpft, wären jetzt in den Krankenhäusern etwa mehr Betten für COVID-19 Patienten frei. Ich hoffe darum sehr, dass sich in diesem Herbst viel mehr Personen gegen Influenza impfen lassen.

Könnten in den kommenden Jahren noch andere ähnliche Epidemien drohen?

Coronaviren gelten schon lange als Kandidat für weltweite Epidemien, da sie es gelegentlich schaffen, Artgrenzen zu überwinden. Es gibt in Fledermäusen, die auch Ursprung der aktuellen Epidemie sind, noch viele verwandte Coronaviren. Forscher weisen seit der SARS-Epidemie auf dieses Gefahrenpotenzial hin. Es wurde nur nicht ausreichend ernstgenommen. Diese Epidemie wird sicher nicht die letzte Viren-Epidemie sein, mit der sich die Welt auseinandersetzen muss. Vor allem neu auftretende Influenza-Varianten haben das Potential eine Pandemie auszulösen.

Was soll der Einzelne jetzt tun?

Das persönliche Risiko für den Einzelnen ist je nach Alter und Gesundheitszustand sehr unterschiedlich. Es sind vor allem ältere und vorerkrankte Menschen, die am Coronavirus sterben könnten. Deswegen haben wir alle eine gesellschaftliche Verantwortung, um diese Menschen zu schützen. Das Virus liebt Menschenansammlungen, daher müssen alle für eine gewisse Zeit soziale Kontakte einschränken. Wenn man über 15 Minuten und näher als zwei Meter mit einem COVID-19-Erkrankten in Kontakt ist, steigt das Ansteckungsrisiko stark. Nähe im öffentlichen Raum gilt es zu vermeiden. Da muss sich jeder überlegen, welche Maßnahmen er ergreifen will, abseits der verordneten.

Wo lauern die größten Ansteckungsfallen?

Überall dort wo viele Menschen auf engem Raum sind. Im öffentlichen Nahverkehr, bei Großveranstaltungen, in Hörsälen. Darum sind die von der Politik getroffenen Maßnahmen so wichtig.

Manche Experten sagen, man könnte sich auch über die Luft anstecken.

Laut momentanem Wissensstand ist die Tröpfcheninfektion im Umkreis einer erkrankten Person der wichtigste Ansteckungsweg. Die gängigen Mundschutzmasken bieten hier keinen Schutz vor einer Infektion, schützen jedoch andere, wenn man selbst infiziert ist. Das Virus wird auch mit dem Stuhl ausgeschieden, aber es gibt bislang meines Wissens nach keine Studien, die zeigen, dass diese Viren noch infektiös sind.

Beschwerden
Häufige Anzeichen einer Ansteckung sind Fieber, trockener Husten, Kurzatmigkeit, Schnupfen und Abgeschlagenheit. Auch Halskratzen, Kopf- und Gliederschmerzen sowie Schüttelfrost können auftreten.

81 Prozent
der Erkrankten haben ein mildes Krankheitsbild. Auch ohne Fieber. Zu schweren Verläufen kommt es bei rund 14 Prozent der Fälle.

Krankheitsverlauf
Eine schwere Infektion kann eine Lungenentzündung, ein schweres akutes Atemwegssyndrom, Nierenversagen oder
den Tod verursachen.

Risikogruppen
Obwohl schwere Verläufe bei gesunden Menschen auftreten können, haben ältere Personen, Raucher und Personen mit Vorerkrankungen (z. B. Herzerkrankungen, Asthma, Diabetes, Krebs) sowie einem geschwächten Immunsystem ein erhöhtes Risiko dafür.

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