"Alkohol ist bei vielen Männern mit ihrer Persönlichkeit verknüpft"
Wissen Sie noch, wann Sie Ihr erstes Bier getrunken haben? Waren Sie dabei volljährig? Vermutlich nicht. Und haben Sie es in einer Runde mit Freunden getrunken? Vermutlich ja.
Wenn es um Alkohol geht, liegt Österreich im unrühmlichen Spitzenfeld. Jeder vierte Erwachsene hierzulande konsumiert Alkohol im gesundheitsgefährdenden Ausmaß, rund 340.000 Menschen gelten als süchtig. Zwölf Liter reinen Alkohol konsumieren wir jeweils im Durchschnitt in einem Jahr, wie Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zeigen. Wir liegen somit auf dem sechsten Platz weltweit, vor Ländern wie etwa Frankreich oder Polen. Hinzu kommt: Alkohol ist hierzulande um elf Prozent billiger als im EU-Schnitt.
Selbstexperiment: Ein Jahr lang ohne Alkohol
Auch unser Nachbar Deutschland gilt nach wie vor als Hochkonsumland für Alkohol und liegt weltweit sowie innerhalb Europas ebenfalls im oberen Bereich. Alkohol ist tief in der deutschen und österreichischen Kultur verankert. Ein Prosit der Gemütlichkeit, man muss die Feste schließlich feiern, wie sie fallen! Oder?
Das dachte sich auch der deutsche Journalist und Autor Felix Hutt viele Jahre lang. Bis er eines Tages feststellte, wie sehr der Alkohol ihn und sein Leben beherrschte, obwohl er nur Gelegenheitstrinker war, noch weit entfernt von krankhafter Sucht. Die echten Alkoholiker, das sind doch die anderen ... Doch irgendwie nahmen die Gelegenheiten Überhand, die Trockenheitsphasen wurden kürzer, der Kater am Tag danach umso quälender.
Hutt fasste einen radikalen Entschluss: Er, seines Zeichens trinkfester und -freudiger 44-Jähriger, versuchte, ein Jahr lang keinen Alkohol zu trinken. Über diesen Selbstversuch hat er das Buch "Ein Mann, ein Jahr, kein Alkohol" (Goldmann Verlag) geschrieben. Was ihm dieses Experiment gebracht hat, wie schwer es für ihn war, in Runden mit Freunden nicht mehr mitzutrinken und wieso Alkohol gesellschaftlich noch immer stark mit dem Bild eines "echten Mannes" verbunden ist, erzählt Hutt im KURIER-Interview.
Alkoholkonsum hat viel mit "von Vätern vererbten Verhaltensmustern und einem archaisch anmutenden Gruppenzwang" zu tun, so Felix Hutt.
Sie schreiben in der Einleitung Ihres Buches, dass Ihnen Alkohol eigentlich nie wirklich geschmeckt hat, Sie aber trotzdem stets mitgetrunken haben. Warum fällt es uns so schwer, beim Gesellschaftstrinken "Nein" zu sagen?
Weil es in der sozialen Natur des Menschen liegt, dass er dazugehören möchte. Und wenn man seit der Kindheit und Jugend lernt, dass die breite Mehrheit bei bestimmten Anlässen Alkohol konsumiert, dann übernimmt man dieses Verhalten, um Teil der Gruppe zu sein. Alkohol ist die einzige Droge, für die man sich rechtfertigen muss, wenn man sie nicht mehr konsumiert.
Fällt es Männern schwerer als Frauen, Ihrer Beobachtung nach?
Ja, weil sich der Alkoholkonsum bei vielen Männern mit ihrer Persönlichkeit verknüpft hat. Auch heute noch gilt ein Mann, der viel vertragen kann oder der im Club teure Flaschen bestellt, für einige als besonders potent. Das gilt für die Ballermänner wie für die vermeintlich kultivierten Weinprofis. Beide haben das gleiche Problem, nur unterschiedliche Projektionsflächen.
Sie bezeichnen ihr früheres Trinkverhalten als "Alltagsalkoholismus", der aber kein Alkoholproblem war, wie man es sich gesellschaftlich vorstellt – da Sie ja nie mit einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus gelandet sind. Damit können sich wohl viele Menschen identifizieren. Wieso scheuen wir davor zurück, unser wie selbstverständliches Trinkverhalten als Problem wahrzunehmen?
Ich bin überzeugt davon, dass Alltagsalkoholismus ein großes gesellschaftliches Problem ist und beschreibe in meinem Buch, welche Schäden es anrichtet. Ich glaube, dass sich viele Alltagsalkoholiker/innen nicht wohlfühlen mit ihrem Konsum, sich aber nicht trauen, sich grundlegend zu hinterfragen und etwas zu ändern. Oft braucht es den einen ganz bösen Absturz, bevor das Erwachen kommt, das sieht man ja auch bei Prominenten. Bei vielen kommt das Erwachen nie, die süffeln immer weiter, bis sie dann die Abrechnung in Form von schwerwiegenden Krankheiten erhalten. Wenn ich mich frage, warum ich mich regelmäßig betäuben muss, was vielleicht in meiner Partnerschaft oder in meinem Job falsch läuft, wovor ich mit der Trinkerei eigentlich weglaufe, dann wird’s schnell unbequem, weil ich eventuell herausfinde, dass ich das falsche Leben lebe. Da ist der konstante Pegel ein willkommener Verdrängungsmechanismus.
Warum hat es für Sie nicht funktioniert, selbstbestimmter Alkohol zu trinken?
Weil ich Alkohol nie wegen des Geschmacks, sondern wegen des Effekts getrunken habe. Ich wollte rauschen, nicht genießen. Heute bin ich froh, aus dieser Spirale von Rausch und Kater heraus zu sein.
Was waren die größten Veränderungen, die Sie in Ihrem alkoholfreien Jahr an sich wahrgenommen haben?
Ich bin heute ein ausgeglichener, zuverlässiger Partner und Vater, schlafe sehr gut, bin sehr fit, habe keine gesundheitlichen Beschwerden und fühle mich sehr wohl.
Was war das Schwierigste an der Abstinenz für Sie?
Anfangs war es ein einziger Kampf, überall Verlockungen und Trigger, weil ich an vielen Orten und zu vielen Gelegenheiten getrunken hatte. Da musste ich oft einfach auch wegbleiben, weil ich es sonst nicht geschafft hätte. Aber das Schöne ist, dass die Abstinenz heute Alltag ist, ich mich zum Trinken überreden müsste.
Sie hatten in Ihrem Versuchsjahr auch "Rückfälle", etwa bei Feiern mit Freunden. War der Druck doch zu groß?
Ich wollte mir dabei beweisen, dass ich eine Ausnahme machen und danach wieder aufhören konnte. Dies ist mir geglückt, und das kann ich noch heute, würde es aber nicht weiterempfehlen. Ich will den Alkoholrausch und seine Nachwehen nicht mehr. Ich mag mich nicht mehr laut und betrunken, und noch weniger mag ich die melancholischen Verstimmungen am Tag danach.
Sie schreiben: "Ich trank in dem mir vorgegebenen Rahmen meiner männlichen Sozialisation" – was genau machte diese Sozialisation aus? Und warum ist sie "männlich"?
Ich kann nur für mein eigenes Aufwachsen sprechen – bin sicher, dass es auch unter jungen Frauen den Mitmachzwang gibt. Meine Sozialisation war gutbürgerlich in München. Meine Freunde und ich haben früh angefangen zu trinken und das auch nicht hinterfragt. Dass wir tranken, wenn wir uns trafen, stand für uns nicht zur Disposition. Dabei hatte sicher jeder seine eigene Motivation, seinen eigenen Fluchtgrund. Damals war das ein Abenteuer, heute wissen wir, dass es sehr bitter enden kann.
Männlicher Alkoholismus ist oft zum Nachteil der Frauen, Stichwort häusliche Gewalt. Auch dazu haben Sie für Ihr Buch recherchiert. Sie schreiben, dass Sie selbst vielleicht eines Tages die Frauen Ihrer Vergangenheit aufsuchen werden, um sich bei ihnen zu entschuldigen. Wofür?
Für Momente wie tolle Dinner im Urlaub, die so lange schön und romantisch waren, bis ich zu viel intus hatte. Wir hatten Konflikte wie viele Paare, die man ruhig hätte ausdiskutieren können, aber eben nicht, wenn man betrunken ist. Ich war für Argumente nicht mehr zugänglich und mochte mich in diesem Zustand nicht. Ich bin froh, dass es diesen Felix nicht mehr gibt.
Stichwort Erziehung: Wie viel Einfluss haben Eltern auf den späteren Alkoholkonsum ihrer Kinder?
Da empfehle ich Kapitel 5 meines Buchs, Seite 87: „Alkoholabhängigkeit ist bis zu 60 Prozent genetisch definiert. Kinder von süchtigen Eltern haben ein sechsmal höheres Risiko selbst zu erkranken.“ Neben der physischen Abhängigkeit prägt uns natürlich auch, was unsere Eltern uns vorleben. Wenn man als Kleinkind schon Bier und Wein bei Mama und Papa riecht, speichert man diese Gerüche unterbewusst ab und empfindet sie als normal.
Sie schreiben, dass Sie überzeugt davon seien, dass "der Alltagsalkoholismus deutscher Männer seine Wurzeln in unserem Aufwachsen" habe, weil das Trinken ein "verpflichtender Teil der Sozialisation" sei. Ist das heute noch so? Ist vielleicht ein Wandel im Denken der jüngeren Generation im Gange?
Ja, die GenZ hat ein völlig anderes Verhältnis zu Alkohol, die Statistiken zeigen, dass ihr Konsum deutlich zurückgeht. Das macht mir Hoffnung, dass sie mit einem anderen Problembewusstsein für diese gefährliche Volksdroge aufwachsen.
Wie können wir es schaffen, dieses gesellschaftliche Bild von "echte Männer trinken Alkohol", das in Deutschland und Österreich noch so präsent ist, gerader zu rücken?
Ihnen ein anderes Männerbild vorleben. Das muss vor allem in den Familien passieren, im direkten Umfeld, aber ich sehe da durchaus Fortschritte. Bei meiner Generation waren es die Väter aus der Nachkriegsgeneration, die harten Männerhelden aus Hollywood, die man im Kino bewunderte, die Rock’n’Roller mit mit ihren Jack Daniel’s-Flaschen - all das beeinflusste unser Männerbild natürlich.
Auch für alle anderen: Nichttrinker:innen galten und gelten oft als „Spaßbremsen“. Was kann man gegen dieses Image tun? Wie auf unangenehme Kommentare reagieren?
Ich würde nicht so viel darauf setzen, was andere von mir denken oder wie sie mein Verhalten kommentieren. Wenn ich auf meine Gesundheit achte und mich damit wohlfühle, dann ist es egal, was andere davon halten.
Sie beschreiben, dass während Ihrer eigene Schulzeit Sexualkunde unterrichtet wurde, aber kein vernünftiger Umgang mit Alkohol gelehrt wurde. Verorten Sie da eine Lücke oder fehlende Verantwortung im Schulbildungssystem?
Nicht nur in der Schule, sondern generell mangelt es an breiter Aufklärung über die Droge Alkohol, ihre Gefahren und den Schaden, den sie anrichtet. Vor und während der Fußballspiele im Fernsehen Aufklärungsclips statt Bierwerbung – solche Initiativen würden sicher etwas bringen.
Am Ende des Buches entscheiden Sie sich dazu, noch ein Jahr abstinent zu bleiben. Wie ging es Ihnen mit Ihrem zweiten Jahr?
Besser als im ersten, ich hatte keine größeren Rückfälle mehr.
Sind Sie heute auch noch (überwiegend?) abstinent? In welchen Situationen fällt Ihnen der Verzicht noch schwer?
Ja, ich lebe abstinent. Letztes Jahr hatte einer meiner besten Freunde seinen 50. Geburtstag. Da habe ich eine Ausnahme gemacht, es aber sofort danach wieder bleiben lassen.
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