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Wissen Gesundheit
02/27/2022

Lockdown-Pionier Tomas Pueyo: "Eine neue Welle ist unwahrscheinlich"

Mit "Hammer und Tanz" hat Tomas Pueyo das globale Pandemiemanagement geprägt. Nun plädiert er für ein Ende der Maßnahmen. Österreich sollte aber noch vorsichtig sein.

von Valerie Krb

Tomas Pueyo war einer der Ersten, der vor Corona gewarnt hat. Mit seinem Konzept „Hammer und Tanz“ von Lockdowns und Lockerungen hat er die Strategie vieler Länder vorgegeben. Mit Omikron sei nun das Ende der Krise gekommen, sagt er und findet: Wir sollten wieder anfangen zu leben. Pueyo nennt dafür aber Bedingungen.

KURIER: Sie haben das Ende der Pandemie ausgerufen. Warum sind Sie sich so sicher?

Tomas Pueyo: Man muss nur einen Blick auf die Daten werfen. Normalerweise ändert sich die Welt nicht so schnell. Deshalb glauben die Menschen, ihre Erkenntnisse sind von Dauer. In einer Pandemie trifft das aber nicht zu. Die Datenlage ändert sich schnell, deswegen müssen wir auch unsere Überzeugungen rasch anpassen.

Was ist jetzt anders?

Es gibt mehrere Parameter. Omikron ist ansteckender und kann die Immunisierung besser umgehen – jeder wird sich also infizieren. Zudem gibt es kaum Gründe, die Verbreitung zu stoppen. Die Sterblichkeitsrate ist erheblich niedriger. Dadurch werden bald 95 Prozent der Menschen Immunität aufgebaut haben, entweder aufgrund einer Infektion oder der Impfung. Außerdem gibt es mit Paxlovid eine effektive Behandlung. Das Covid-Medikament kann schwere Verläufe und Hospitalisierungen um zumindest 90 Prozent verhindern. Wenn wir all diese Faktoren betrachten, ergibt das eine geringere Sterblichkeitsrate als bei der Grippe.

Das Konzept von Hammer und Tanz hat also ausgedient?

Das Konzept war für die Zeit gedacht, in der es geschrieben wurde. Im März 2020 hatten wir keine Ahnung, was vor sich geht. Menschen starben, und wir mussten das stoppen. Viele Industrieländer reagierten mit harten Lockdowns, die teils nicht gerechtfertigt waren. Und in der jetzigen Situation sind sie es noch viel weniger.

Das heißt, wir sollten alle Maßnahmen sofort beenden?

Wir sollten all jene Maßnahmen beenden, die wir auch in den kommenden Jahren nicht aufrechterhalten wollen. Also weg damit. Aber dafür gibt es Bedingungen. Zuerst müssen wir abwarten, bis die Omikron-Welle zu Ende ist. Außerdem muss die Behandlung mit Paxlovid zur Verfügung stehen. Wenn das zutrifft, ist die pandemische Phase von Corona beendet.

Viele Länder wie Österreich heben ihre Maßnahmen nun auf. Ist das zu früh?

Wenn die genannten Voraussetzungen nicht erfüllt sind, kann das Gesundheitssystem kollabieren. Wichtig ist, dass Regierungen Bedingungen für die Lockerung kommunizieren – also wenn aktive Fälle oder Hospitalisierungen unter den Faktor X sinken, dann öffnen wir.

Der 40-jährige Franzose Tomas Pueyo ist Stanford-Absolvent, ehemaliger Berater im Silicon Valley und Datenanalyst. Derzeit arbeitet er als Chief Product Officer für die Großhandelsplattform Ankorstore.

10 Millionen Mal wurde sein Artikel „The Hammer and the Dance“ gelesen. In seinem letzten Beitrag „Game over“ ruft er das Ende der Pandemie aus.

In Österreich ist das nicht geschehen.

Das ist ein Problem, weil es eine Debatte in der Bevölkerung auslöst – manche sind für die Lockerungen, manche dagegen. Das Kernproblem im Pandemiemanagement ist der Mangel an Vertrauen. Und es ist selbst verschuldet, weil Regierungen nicht fähig waren, ihre Entscheidungen zu erklären. Und wenn das nicht geschieht, fragen sich die Menschen, warum man ihnen vertrauen soll.

Viele Experten warnen vor einer neuen Welle im kommenden Herbst. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Wenn sich die Datenlage ändert, müssen wir neu evaluieren. Aber das heißt nicht, dass wir jetzt nicht öffnen sollten, nur weil wir nicht wissen, was in Zukunft passieren wird. Zudem bräuchte es eine neue Variante, die nicht nur die Immunität umgeht, sondern auch virulenter ist, die Sterblichkeitsrate erhöht und nicht mit Paxlovid behandelbar ist. Das ist unwahrscheinlich, wenn man betrachtet, wie sich das Virus bisher entwickelt hat.

Ist eine generelle Impfpflicht ein angemessenes Mittel, um gerüstet zu sein?

Regierungen sollten Menschen niemals dazu zwingen, sich impfen zu lassen. Nur weil Politiker es nicht geschafft haben, das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen, haben sie nicht das Recht dazu. Ich halte es aber für vertretbar, in manchen Bereichen eine Impfpflicht einzuführen – wie für Geschäfte, soziale Aktivitäten oder um bei bestimmten Firmen zu arbeiten.

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