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Wissen Wissenschaft
08/28/2021

Der Mann, der als Erster vor Corona warnte

Tomas Pueyo entwickelte das Konzept "Hammer und Tanz" von Lockdowns und Lockerungen und ist damit der Architekt der globalen Corona-Strategie.

von Valerie Krb

Er warnte als einer der Ersten vor dem Coronavirus und wusste früh, was zu tun ist. Mit seinem Modell „The Hammer and the Dance“ gab er die Corona-Strategie für zahlreiche Länder vor. Tomas Pueyo, Stanford-Absolvent, Datenanalyst und ehemaliger Berater im Silicon Valley, ist jener Mann, der zur Bewältigung der Pandemie strikte Lockdowns – genannt Hammer – gefolgt von Phasen der Lockerung – also Tanz – vorgeschlagen hat. Der 39-Jährige hat Regierungen im Corona-Management beraten und gehört zu den führenden Pandemieerklärern, obwohl er selbst kein Virologe ist.

KURIER: Brauchen wir den Hammer noch, jetzt, da wir die Impfung haben?

Tomas Pueyo: Überhaupt nicht. Der Hammer war ein Werkzeug für die Anfangsphase der Pandemie. Damals breitete sich Corona auf der ganzen Welt aus, und wir wussten nicht, was zu tun ist. Der Hammer war ein Weg, um Infektionsfälle zu reduzieren. Um besser zu verstehen, wie wir Corona bekämpfen können und um uns Zeit zu verschaffen. Sobald das erledigt war, wäre es an der Zeit gewesen, zu tanzen. Aber Europa hat nie zu tanzen gelernt.

Inwiefern? Es gab ja immer wieder Lockerungen.

In der Phase des Tanzens ist das Contact Tracing ein wesentlicher Faktor. Also so viel testen wie möglich, um Infizierte zu identifizieren und dann deren Kontakte zu eruieren. In Europa hat man zwar getestet, aber auf den Rest vergessen. Das Contact Tracing wurde nie ausgeschöpft. Dazu hätte man nämlich sagen müssen: Entweder, du sagst mir, wer deine Kontaktpersonen waren, oder es gibt Konsequenzen. So wusste man nie wirklich, wer infiziert war. Länder, die das Contact Tracing gut hinbekommen haben, haben auch die Pandemie besser gemanagt.

Welche Länder sind denn bisher am besten durch die Krise gekommen?

In der ersten Phase der Pandemie waren das Länder wie Südkorea, Japan, Australien, Neuseeland und Island. Dort gab es wenige Infektionen und nur geringe wirtschaftliche Folgen. Sie dachten, sie müssen beim No-Covid-Ansatz bleiben, um aus der Pandemie herauszukommen. Doch dann kamen die Mutationen. Das war zwar keine Überraschung, diese Länder waren aber nicht darauf vorbereitet. Die zweite Phase haben die USA besser gemeistert, weil sie den Fokus auf Impfungen gelegt haben.

Sie haben Regierungen beraten, und Ihre Strategie wurde zum globalen Wegweiser. Haben Sie mit dieser Resonanz gerechnet?

Nicht im Geringsten. Ich habe zwar gehofft, dass die Menschen mir zuhören werden, aber ein derartiges Echo kann man nicht erwarten.

Wieso haben Sie angefangen, sich mit Corona zu beschäftigen?

Das ist einfach so passiert. Ich mag es, Postings zu schreiben. Und als Corona Anfang 2020 überall auf der Welt auftauchte, fand ich es wichtig, darüber zu schreiben. Die Rückmeldungen auf Social Media waren enorm, also habe ich weitergemacht. Irgendwann wollte ein Freund von mir die gesammelten Informationen weiterleiten, also habe ich alles in meinem ersten Artikel „Why you must act now“ zusammengefasst. In dieser Zeit habe ich sehr wenig geschlafen. Aber ich dachte mir, ich werde nie wieder die Möglichkeit haben, den Menschen auf diese Weise zu helfen.

Tomas Pueyo wurde 1982 in Nantes, Frankreich, geboren und studierte in Stanford Business Administration. Er war Berater im Silicon Valley und arbeitet für die Online-Lernplattform Course Hero in den USA. Beim diesjährigen Europäischen Forum Alpbach sprach er über die Perspektiven nach Covid.
 
Das Konzept „The Hammer and the Dance“ sieht  kurze, harte Einschnitte durch strikte Corona-Maßnahmen vor, gefolgt  von längeren Perioden mit Lockerungen.

20 Millionen Mal wurde Pueyos Artikel „The Hammer and the Dance“ gelesen. Sein erster Artikel „Why you must act now“ 40 Millionen Mal.

Sie haben unzählige Daten zu Corona gesammelt und treffsichere Prognosen erstellt. Werden wir die Pandemie je überwinden können?

Darüber kann ich nur spekulieren. Ich glaube, dass das Virus mit der Zeit endemisch wird, also nur mehr örtlich begrenzt auftreten wird. Denn es ist sehr schwer, es auf der ganzen Welt auszulöschen. Als Folge wird das Virus immer wieder mutieren. Das heißt aber nicht, dass es immer aggressiver wird. Das wahrscheinlichste Szenario ist, dass es sich wie die Grippe verhalten wird. Die Menschen werden eine Immunität entwickeln, ob auf natürliche Weise oder durch eine Impfung. Ein anderes Szenario ist, dass das Virus seine Aggressivität beibehalten wird und wir uns immer wieder gegen neue Varianten impfen lassen müssen. Aber ich hoffe sehr, dass das nicht passieren wird.

Wie verändert die Pandemie unsere Gesellschaft?

In vielerlei Hinsicht. Es ist offensichtlich, dass wir uns dieser Art von Viren bewusster geworden sind. Nicht ganz so offensichtlich sind die Folgen des Homeoffice. Viele Menschen haben sich daran gewöhnt, von zu Hause aus zu arbeiten. Und je mehr Menschen das machen, desto besser werden die Technologien. Das hat zur Folge, dass die Menschen arbeiten können, von wo aus immer sie wollen. Und sie können sich Jobs in Ländern aussuchen, wo der Steuersatz geringer ist. Es wird also zu einem Steuerwettbewerb kommen. Auf der anderen Seite müssen Unternehmen nicht zwingend Menschen anstellen, die auch vor Ort sind. Sie können ihre Mitarbeiter in der Ukraine oder Indien haben. Und wenn es sie nur die Hälfte kostet, werden sie das auch tun.

Das Homeoffice führt also zu Offshoring?

Ja. Bis jetzt wurden hauptsächlich Produktionsstätten ausgelagert. In Zukunft aber wird das auch mit Angestellten in Büro-, Handels- und Dienstleistungsbetrieben passieren. Europa wird dadurch weniger Möglichkeiten haben, diese Generation an Arbeitskräften zu besteuern.

Was ist die dringlichste Aufgabe zu diesem Zeitpunkt der Pandemie?

Impfen, impfen, impfen. Wir müssen die Produktion erhöhen und den Impfstoff in jedem Teil der Welt herstellen, nicht nur in Industrieländern. Es hilft uns nichts, wenn wir in Europa den dritten und vierten Booster bekommen, die Menschen in Afrika aber noch gar nicht geimpft sind. Weil so das Virus immer weiter mutieren kann. Zeitgleich müssen wir die Zulassungen von Impfungen beschleunigen, wenn sie für Mutationen adaptiert werden. Wir können die Risiken nicht im selben Maße berücksichtigen wie vor der Pandemie und müssen Entscheidungen auch mit weniger verfügbaren Daten treffen.

Die Impfkampagne geriet früher als gedacht ins Stocken. Was haben wir falsch gemacht?

Ich denke, die Botschaft wurde nicht richtig vermittelt. Die Bereitschaft unter Älteren ist höher, weil auch die Sterblichkeitsrate in dieser Gruppe höher ist. Viele Jüngere hingegen denken sich, warum sollte ich mich impfen lassen, wenn das Virus für mich nicht so gefährlich ist. Ihnen muss klar kommuniziert werden, dass immer noch das Risiko von Long Covid besteht. Und dieses liegt immerhin bei zehn Prozent. Es kann etwa den IQ vermindern, diese Probleme können erst zehn bis 20 Jahre später auftreten. Das ist ernstzunehmen. Außerdem braucht es die Botschaft von politischer Seite: Man schützt nicht nur sich selbst mit der Impfung. Es ist wie beim Führerschein. Du musst ihn nicht haben. Aber wenn du fahren willst, brauchst du ihn. Dasselbe gilt für die Impfung. Du musst nicht am gesellschaftlichen Leben teilhaben, aber wenn du es tust, brauchst du sie.

Also bräuchte es eine generelle Impfpflicht?

Nein, der Staat hat abseits davon genügend Hebel. So kann er sagen: Alle, die im öffentlichen Dienst arbeiten, müssen geimpft sein. Und ebenso alle, die am öffentlichen Leben teilhaben wollen. Man kann nicht andere aufgrund persönlicher Befindlichkeiten in Gefahr bringen.

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