Langes Leben: Grüntee wirkt offenbar ganz anders als gedacht

Green tea
Antioxidantien machen Grüntee zum echten Gesundheitsbooster. Neue Forschungen offenbaren Spannendes über deren Wirkungsweise.

Grüntee hält das Herz gesund und beugt mitunter tödlichen Erkrankungen des lebenswichtigen Organs vor – und das schon ab drei Tassen pro Woche. Dieses vitale Potenzial der mit Wasser aufgegossenen Grünteeblätter wurde erst vergangenes Jahr durch eine chinesische Studie untermauert.

Für die schützende und lebensverlängernde Wirkung des Grüntees verantwortlich sind die darin enthaltenen Katechine (namens ECG und EGCG). Bisher ging man davon aus, dass diese Antioxidantien freie Radikale, sprich aggressive Zwischenprodukte unseres Stoffwechsels, in den Zellen einfangen und neutralisieren. Oxidative Schäden an Zellen, die für die Entstehung von Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen verantwortlich sind, können so reduziert werden.

Forschende der Schweizer ETH Zürich haben den Wirkmechanismus der Katechine zusammen mit Kolleginnen und Kollegen der deutschen Universität Jena nun genauer untersucht. Man betrachtete ihre Effekte bei Fadenwürmern eingehender und kam zu einem paradox anmutenden Schluss: Katechine im Grüntee hemmen oxidativen Stress nicht, sie befördern ihn.

Kurzzeitig mehr Zellstress

Tatsächlich zeigte sich in der unlängst im Fachblatt Ageing veröffentlichten Studie, dass die Antioxidantien aus dem Grüntee den oxidativen Stress steigern. Allerdings werden dadurch die Abwehrkräfte der Zelle trainiert – was wiederum langfristig die Widerstandskraft des Organismus erhöht.

Die Katechine aus dem Grüntee verhalfen den damit gefütterten Fadenwürmern zu einem längeren Leben und größerer Fitness.

"Grüntee-Polyphenole respektive Katechine sind also nicht Antioxidantien, sondern vielmehr Pro-Oxidantien, die ähnlich wie eine Impfung die Abwehrfähigkeit des Organismus verbessern", kommentiert Studienleiter und Internist Michael Ristow die Ergebnisse in einer Aussendung zur Studie.

Diese Steigerung der Abwehrfähigkeit laufe allerdings nicht über das Immunsystem, sondern über die Aktivierung von Genen, welche bestimmte Enzyme hervorbringen. Diese Enzyme inaktivieren in den Fadenwürmern die freien Sauerstoffradikale, sind also quasi körpereigene Antioxidantien.

Hinter der perfekten Tasse Grüntee steckt eine kleine Wissenschaft: Beim Kauf auf Bio-Qualität achten (konventionell angebaute Tees enthalten oft Pestizide und Schwermetalle) und mit 80 Grad heißem Wasser aufgießen (aufkochen und 5 Min. auskühlen lassen). Danach 2 Minuten ziehen lassen. Der Tee sollte frisch getrunken werden, sonst verflüchtigen sich die gesundheitsfördernden Katechine. Es lohnt sich aber, den Tee nicht brennheiß zu trinken: Studien zeigen, dass  heiße Getränke das Risiko für Speiseröhrenkrebs erhöhen.

Sport und kalorienarmes Essen

Studienleiter Ristow beschäftigt sich schon länger mit diesem Phänomen, das auch beim Sport auftritt. Bewegung steigert oxidativen Stress ebenfalls kurzfristig – auch hier profitieren die Abwehrmechanismen des Körpers. In Tierversuchen zeigte sich der gleiche Effekt auch bei Mäusen, die man mit kalorienreduzierter Kost fütterte. Die Nager wurden älter als Artgenossen, die normales, kalorienreiches Futter erhalten. Die Erkenntnisse aus dieser Studie lassen sich laut Ristow auf den Menschen übertragen.

Die Mediziner trinkt täglich Grüntee und rät auch anderen dazu. Vorsicht sei bei Grünteeextrakten oder- konzentraten geboten. "Ab einer gewissen Konzentration wird es toxisch", wird Ristow zitiert. Hochdosierte Katechine würden die Mitochondrien so stark hemmen, dass dies zum Zelltod führe, was vor allem in der Leber gefährlich werden könne. Wer diese Polyphenole in zu hohen Dosen zu sich nehme, riskiere also Schäden an Organen.

Japanische Grünteesorten liefern am meisten Katechine. Aber auch andere grüne Tees enthalten ausreichende Mengen.

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