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Wissen Gesundheit
01/27/2020

Kreuzband: Wie man einem Riss vorbeugen und ihn behandeln kann

Ein Riss des vorderen Kreuzbandes im Kniegelenk zählt auch bei Hobbyskifahrern zu den häufigsten Verletzungen.

von Ernst Mauritz

Zuletzt hatte es im Profisport den Südtiroler Abfahrer Dominik Paris erwischt – Kreuzbandriss einen Tag vor dem ersten Training für die Abfahrt in Kitzbühel. Ende Dezember wurde Super-G- und Abfahrtsspezialist Hannes Reichelt in Innsbruck aus demselben Grund operiert. Ein Kreuzbandriss ist auch eine der häufigsten Verletzungen von Hobbyskifahrern – die Auslöser sind allerdings oft andere.

Zwei Kreuzbänder und zwei Seitenbänder  geben dem Kniegelenk halt. Wird das Knie zu sehr verdreht oder belastet,  können die Bänder überdehnt werden, einreißen oder ganz reißen. Manchmal werden dabei auch die Kapsel und Knochen des Kniegelenks verletzt. Das vordere Kreuzband ist das am häufigsten verletzte Band des Kniegelenks.

Martin Gruber ist Facharzt für Orthopädie und orthopädische Chirurgie, ärztlicher Leiter des „Medizinzentrums Alserstraße (MZA)“ in Wien und ÖSV-Arzt mit 15-jähriger Erfahrung mit den österreichischen Abfahrern. Von 2013 bis 2019 war er der verantwortliche Teamarzt bei den Rennen in Kitzbühel. Im Gespräch mit dem KURIER beantwortet er die wichtigsten Fragen zum Thema und gibt all jenen Tipps, die demnächst in den Skiurlaub starten.

KURIER: Auch wenn Kreuzbandverletzungen von Spitzensportlern Aufsehen erregen – sind sie nicht im Hobbysport das größere Problem?

Martin Gruber: Eindeutig, vielfach passiert die Verletzung gar nicht beim Fahren auf der Piste, sondern zum Beispiel beim Abschwingen oder Stehen vor der Liftstation oder vor der Hütte: Man ist unachtsam, müde, kippt um oder macht einfach nur eine ruckartige Bewegung. Das Knie wird verdreht, der Fuß ist aber noch im Skischuh und am Ski fixiert. Das Gelenk kann dann nicht aus. Und die Bindung geht nicht auf, weil sie dafür eine bestimmte Geschwindigkeit und ein gewisses Drehmoment benötigt.

Und wie kommt es beim Skifahren selbst zu einem Riss?

Beim Carvingski besteht die Gefahr, dass er bei zu hoher Geschwindigkeit rascher auslenkt, als die Muskulatur in der Lage ist zu reagieren. Ein Fuß wird verdreht, das Band reißt, sie fallen hin. In der Regel ist der selbst verschuldete Sturz und nicht die Kollision mit einem anderen Fahrer die Ursache eines Kreuzbandrisses. Solche Stürze sind auch wesentlich häufiger als Zusammenstöße.

Wenige Tag vor einer Skiwoche: Was kann man da noch zur Unfallvorbeugung tun?

Am besten ist eine Kombination aus Ausdauer-, Koordinations- und Krafttraining – aber wer erst jetzt damit beginnt, erreicht nicht mehr viel. Deshalb bekommt – neben einer reduzierten Belastung und der richtigen Einstellung der Bindung – das Aufwärmen eine noch viel größere Bedeutung. Leider wird es unterschätzt, weil kaum bekannt ist, wie es auf die Muskeln wirkt.

Welche Effekte hat es?

Bereits mit ein paar simplen Aufwärmübungen wie dem Schwingen der Beine, dem Kreisen der Arme oder der Hüfte verbessern Sie die Durchblutung der Muskulatur und geben ihr zu erkennen, dass sie jetzt arbeiten muss. Damit senken Sie nicht nur das Risiko einer mechanischen Zerrung und Dehnung. Sie verhindern auch, dass die Kohlenhydratreserven in den Muskeln – die Glykogenspeicher – rasch geleert werden, die Muskeln in den anaeroben, sauerstoffarmen Bereich kommen und durch den Anstieg von Laktat, Milchsäure, übersäuern. Das aber erhöht das Risiko eines Kreuzbandrisses beträchtlich.

Wenn das Kreuzband doch reißt, wird Urlaubern von Ärzten im Ferienort oft zur raschen Operation geraten. Zu recht?

Außer bei Spitzensportlern gibt es sonst bei einer reinen Kreuzbandverletzung keinen zwingenden Grund, sofort zu operieren. Natürlich kann es Begleitverletzungen geben, die eine sofortige Operation unumgänglich machen, etwa ein Meniskusausriss, aber das sind maximal 15 bis 20 Prozent der Fälle. Aus meiner Erfahrung ist es besser, das Knie mit einer Orthese, einer Schiene, ruhig zu stellen und die Verletzung abheilen zu lassen.

Gleichzeitig kann der Patient aber schon mit Physiotherapie beginnen und so die Muskulatur aufbauen. Wird dann erst nach zirka frühestens sechs Wochen ein neues Kreuzband eingesetzt, ist das Ergebnis besser und die Rehabilitationszeit kürzer.

Ist immer eine Operation notwendig?

Nein. Um das aber beurteilen zu können, ist es ebenfalls wichtig, die Verletzung abheilen zu lassen und danach ein individuelles Therapiekonzept auszuarbeiten. Die anatomische Variationsbreite des Knies ist groß. Manchmal ist einfach schon alleine aufgrund einer optimalen Übereinstimmung der Gelenksflächen eine gute Stabilität gegeben. Und dann hängt es von den individuellen Bedürfnissen ab: Wenn jemand sagt, er war ohnehin nur ausnahmsweise Skifahren und geht eigentlich viel lieber Radfahren oder Schwimmen, dann ist eine Operation oft wirklich nicht notwendig.

Wenn aber doch operiert werden muss: Kann manchmal auch das eigene kaputte Band noch gerettet werden?

 

Nur dann, wenn das Band an seiner Ober- oder Unterschenkelfixierung ein- oder abreißt, sonst aber noch intakt ist. Dann kann man das eigene Band wieder gut am Knochen fixieren. Ein Verstärkungsband, das mit der Zeit einheilt, nimmt vorübergehend die Zugbelastung vom eigenen Kreuzband. Allerdings ist bei maximal 20 Prozent der Verletzungen diese Methode anwendbar. Und bei Patienten über 30, maximal 35 Jahre halte ich sie nicht für zielführend, weil die Bandqualität dann nicht mehr so gut ist, dass eine ausreichende Regeneration zu erwarten ist.

Diese Methode ist wirklich nur für ganz bestimmte Fälle geeignet. Trotzdem wird damit zu vielen Patienten Hoffnung gemacht. Das Argument, man könne das eigene Kreuzband erhalten, wird auch eingesetzt, um Patienten zu einer raschen Operation zu bewegen – und nicht immer ist dann tatsächlich das eigene Band verwendbar.

Was hat sich bei den Standardoperationen mit einer Kreuzbandplastik geändert?

Früher hat man oft zwei Sehnen aus dem Oberschenkel entnommen und sie mit Schrauben am Knochen fixiert. Heute haben wir Verfahren, wo wir mit Druck die Sehne vollflächig an den Knochen pressen und sie gut mit diesem verwachsen kann. Dadurch ist die Stabilität größer – und wir kommen mit einer Oberschenkelsehne aus.

Aus den USA kommt die Methode von Spendersehnen: Tiefgefrorene Sehnen aus Spenderbanken, die nicht vom Empfänger selbst stammen. Dieses Verfahren ist etwa für Patienten eine Möglichkeit, deren Sehnen bereits mehrmals mit eigenem Gewebe rekonstruiert wurden und die nicht noch weitere Verletzungen im Oberschenkel in Kauf nehmen wollen. Abstoßungsreaktionen gibt es keine, es ist keine Immuntherapie notwendig. Sowohl bei den eigenen wie auch den Spendersehnen gibt es Vor- und Nachteile, insgesamt sind sie aber ziemlich gleichwertig. Die Verwendung von Spendersehnen wird sicher noch steigen.

Unfallhäufigkeit

Mehr als 25.600 Menschen verletzen sich laut einer Auswertung des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KFV)  jährlich bei Skiunfällen schwer.  Gebrochene Knochen und Sehnenverletzungen nach Stürzen machen den Großteil der Unfälle aus. Kopfverletzungen sind laut KFV aufgrund der hohen Helmtragequote rückläufig.

Unfallursachen

Neben Selbstüberschätzung und mangelnder Kondition sind viele Sportler mit zu hohen Geschwindigkeiten unterwegs. Ein Drittel der Verunglückten, die sich ein Quartier für einen längeren Aufenthalt gebucht haben, verunfallt bereits am ersten Tag. Mehr als 20 Prozent der Betroffenen sind zwischen 45 und 55 Jahre alt, so das KFV.

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