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Wissen Gesundheit
04/25/2020

Können wir das Coronavirus noch "ausrotten"?

Mit konsequenten Maßnahmen wäre das theoretisch regional möglich, praktisch gibt es Hürden. Und welche Rolle Wärme und UV-Licht spielen könnten.

von Ernst Mauritz, Christa Schimper

972 neu positiv getestete Personen weist die Statistik des Gesundheitsministeriums für den 26. März aus. 44 waren es am Donnerstag. Angesichts dieses positiven Trends fragen sich viele: Kann das Virus auch wieder verschwinden?

„Rein theoretisch wäre das denkbar“, sagt der Infektiologe Robert Krause von der MedUni Graz. Dazu muss die effektive Reproduktionsrate dauerhaft unter eins liegen (was derzeit in Österreich der Fall ist): Ein Infizierter steckt weniger als einen Menschen an, oder anders gesagt: Zehn Menschen stecken weniger als zehn Menschen an – die Zahl der täglichen Neuansteckungen geht also zurück, die Infektionsketten laufen irgendwann aus.

Praktisch ist das nicht so einfach: Erstens kann die Reproduktionsrate regional sehr unterschiedlich sein. „Und es muss gelingen, neu auftretende Infektionsherde rasch zu erwischen, Kontaktpersonen von Infizierten ausfindig zu machen und zu isolieren. Erschwert wird das durch die vielen Fälle ohne Symptome.“

Doch selbst dann, wenn dies in Österreich gelingen sollte, „können infizierte Personen durch die Einreise neue Infektionsketten in Gang bringen.“ Deshalb werde es am ehesten möglich sein, in Länder zu reisen oder aus solchen einzureisen, die ein ähnlich niedriges Niveau an Neuinfektionen haben wie Österreich.

„Eine Rarität“

„Derzeit schaut es jedenfalls recht gut aus“, betont Krause. „In unserer Notfallambulanz sehen wir nicht mehr täglich, sondern nur mehr alle zwei bis drei Tage einen oder zwei neue Fälle.“ Und die stammen hauptsächlich aus Risikokonstellationen, sagt er. „Also Menschen aus Pflegeheimen etwa, oder Pflege- und generell Gesundheitspersonal. Aber Infektionen aus der Gesamtbevölkerung sind mittlerweile eine Rarität geworden. Einen gesunden 35-Jährigen, der plötzlich an Covid-19 erkrankt, hatten wir schon seit einer Woche nicht mehr.“

Wie steht es um die Immunität?

Dass es noch möglich sein könnte, den Erreger weltweit zu eliminieren, hält der Osttiroler Infektiologe Gernot Walder angesichts seiner weiten Verbreitung nur mehr mit einer globalen Impfkampagne für möglich.

Und er verweist auf weitere mögliche Hürden bei einer raschen kompletten Virusausrottung: Er hat in Osttirol mit seinem Labor bei 147 Personen das neue Coronavirus nachgewiesen. Derzeit macht er Nachuntersuchungen, ob eine ausreichende Immunität aufgebaut wurde: „Nur Personen, die deutlich sichtbar krank waren, egal ob zu Hause oder im Spital, haben nach unseren ersten, vorläufigen Daten eine ausreichende Menge an Antikörpern gebildet, die das Virus auch neutralisieren können.“

Anders sei das Bild bei der großen Zahl jener Menschen mit milderen Verläufen: „Diese haben in der Regel nicht sehr viele Antikörper ausgebildet, zumindest zeigen das die bisherigen Tests.“ Man könne derzeit also nicht davon ausgehen, dass jeder, der eine Infektion durchgemacht hat, vor einer weiteren geschützt ist: „Das könnte aber bedeuten, dass – ohne Impfung – auch eine schützende Herdenimmunität nicht so einfach zu erreichen ist.“

Er bestätigt Beobachtungen, die auch in Südkorea schon gemacht wurden: „Wir haben Patienten, bei denen der PCR-Test (Nachweis von Erbmaterial des Virus, Anm.) aus dem Rachenabstrich schon negativ war und ein, zwei Wochen später ist wieder Virus-Erbgut nachweisbar – die Betroffenen haben dann aber meist schon lange keinen Beschwerden mehr. „Die Frage ist also: Wie lange kann man das Virus in sich tragen? Wie leicht tun wir uns als Einzelperson, es zu eliminieren?“ Fazit auch für Walder: „Wir müssen weiter versuchen, alles zu tun, damit sich möglichst wenig Menschen infizieren – nur wenn wir wachsam bleiben, können wir Erfolg haben und das Risiko einer zweiten Welle senken.“ Denn eines sei klar: „Das Virus hat noch nicht alle seine Karten aufgedeckt.“

Es ist eines der Lieblingsthemen von US-Präsident Trump im Zusammenhang mit dem Coronavirus: Man solle die Sonne genießen, diese sei schlecht für die Viren. Mehrfach äußerte er die Hoffnung, dass das Virus im Sommer verschwinden werde. „Tatsächlich könnten Wärme  und UV-Strahlung einen gewissen, aber wahrscheinlich keinen sehr starken Effekt haben“, sagt Infektiologe Robert Krause von der MedUni Graz. Zumindest sehe man das bei anderen Viren, die Atemwegsinfekte auslösen. Doch auch die vier lange bekannten „alten“ Coronaviren, die Erkältungen auslösen, verschwinden im Sommer nicht zur Gänze: „Wir weisen immer wieder einzelne Infektionen nach.“

„Es gibt Grund zur Annahme, dass sich das SARS-CoV-2-Virus im Winter etwas effizienter ausbreitet als im Sommer“, schrieb der Harvard-Epidemiologe Marc Lipsitch in Science. „Aber das alleine wird nicht ausreichen, um die Übertragung zu stoppen.“

Unbemerkte Ausbreitung?

Ähnlich sieht das auch der Virologe Christian Drosten in seinem NDR-Podcast: Wahrscheinlich werde ein neues, pandemisches Virus durch den Sommereffekt „nicht sehr stark gestoppt, aber durchaus ein bisschen“. Er befürchtet vielmehr, dass sich die Erkrankung langsam in der Bevölkerung ausbreiten könnte, wenn Infektionsketten nicht konsequent verfolgt und Maßnahmen zu rasch gelockert werden: „Und auf einmal hat man eine Wucht einer Infektionswelle innerhalb von einem Monat, die man nicht erwartet hatte.“ Und weiter: „Deswegen muss ich sagen, bedauere ich es in diesen Tagen so sehr zu sehen, dass wir gerade dabei sind, diesen Vorsprung hier in Deutschland vielleicht komplett zu verspielen.“