Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

Hitzewellen: Warum manche Senioren sie viel heftiger wahrnehmen

Hitze setzt älteren Menschen besonders zu. Eine Studie aus Österreich zeigt: Nicht alle Seniorinnen und Senioren erleben Extremwetter gleich. Welche Rolle Armut, Wohnort und Bildung spielen.
Eine ältere Frau mit Brille und gemustertem Oberteil sitzt im Freien und kühlt sich mit einem Fächer ab.

„Dass ältere Menschen ganz besonders an den gesundheitlichen Auswirkungen von Hitze und Extremwetterereignissen leiden, ist uns allen bewusst“, schickt Jasmin Riederer im KURIER-Interview voraus. „Was bislang vernachlässigt wurde, ist der Blick darauf, dass Klimaextreme Seniorinnen und Senioren in unterschiedlichem Ausmaß beschäftigen“, sagt die auf Klimagerontologie spezialisierte Forscherin von der Karl Landsteiner Privatuniversität in Krems.

Riederer verweist auf den sozialen Hintergrund, der maßgeblich beeinflusst, wie Menschen außergewöhnliche Wetterlagen erleben. Menschen jenseits der Lebensmitte leiden nicht nur unter der Hitze, sie verfügen auch über ein langjähriges Gedächtnis in Bezug auf klimatische Veränderungen. Weil ihr Anteil in der Gesellschaft wächst, werden ihre Bedürfnisse für die Klimapolitik wichtiger. „Zum Beispiel, wenn es darum geht, Hitzeschutzmaßnahmen wie Beschattung oder Kühlung auf sie zuzuschneiden.“

In Zusammenarbeit mit Altersarmutsforscher Lukas Richter von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften St. Pölten hat Riederer deshalb untersucht, wie Menschen ab 50 Jahren Extremwetter wahrnehmen – Hitze und Dürre, aber auch Stürme, Starkregen und Überschwemmungen. Außerdem prüfte man, welche sozialen und wirtschaftlichen Faktoren diese Sichtweise prägen.

Soziale Faktoren prägen Hitze-Erleben

Für die im Fachblatt Frontiers in Psychology veröffentlichte Studie wertete das Team österreichische Daten aus der europäischen SHARE-Studie aus, einer regelmäßig durchgeführten Umfrage zu Gesundheit, Altern und Ruhestand.

Es zeigte sich: Der Wohnort macht einen Unterschied. Ältere Menschen in Großstädten bemerken häufiger eine Zunahme von Extremwetterereignissen als Menschen in kleineren Städten oder auf dem Land. Ein möglicher Grund: In dicht bebauten Städten sind die Folgen des Klimawandels, vor allem Hitze, stärker spürbar. Menschen in ländlichen Regionen deuten Wetterveränderungen möglicherweise eher als normale saisonale Schwankungen.

„Am Land hat man in der Regel mehr Anpassungsmöglichkeiten“, erklärt Riederer. „Mehr Grün, vielleicht ein Haus mit Garten.“ In Städten sei Armut präsenter, sagt Riederer. „Oft haben Menschen in Städten aus finanziellen Gründen weniger Wohnraum als Menschen, die am Land wohnen oder dort einen Zweitwohnsitz besitzen.“

Beim Geschlecht fanden sich keine messbaren Unterschiede, auch wenn andere Studien nahelegen, dass Frauen den Klimawandel und seine Folgen deutlicher wahrnehmen. „Unter anderem, weil Frauen im Alter eher armutsgefährdet sind und sich daher schlechter gegen Extremwetter schützen können.“

Personen mit höherem Bildungsniveau nahmen häufiger eine Zunahme von Wetterextremen wahr als Personen mit niedrigerem Bildungsniveau. Auch Menschen mit großen finanziellen Problemen berichteten häufiger von zunehmenden Wetterextremen. Moderate finanzielle Schwierigkeiten änderten die Wahrnehmung kaum – verglichen mit Menschen in gesicherten Verhältnissen.

Die Ergebnisse passen zu früheren Daten. „Wenn ich mir Beschattung oder eine Klimaanlage leisten kann, macht das einen Unterschied bei meiner Lebensqualität und wie ich extreme Hitze mitbekomme“, sagt Studienmitautor Richter.

Einsamkeit und fehlende Netzwerke

Menschen ordnen klimatische Veränderungen in ihrer Umgebung also nicht nur anhand messbarer Wetterveränderungen ein. Vielmehr prägen unsere Lebensumstände und persönlichen Erfahrungen unsere Wahrnehmung des Wetters maßgeblich.

Insbesondere in Österreich steckt klimagerontologische Forschung noch in den Kinderschuhen, betont Riederer. Ihre Bedeutung werde wachsen, ist die Forscherin überzeugt. Erst kürzlich warnten heimische Forscherinnen und Forscher vor den langfristigen Folgen zunehmender Hitze für Gesundheit und Pflegeversorgung. Das Zusammenspiel von Klimawandel und Bevölkerungsalterung sei „eine unbequeme Realität, der sich die Politik mit höchster Priorität stellen muss“, heißt es in einer Sammelpublikation von 40 Forschenden aus 25 Institutionen, darunter die MedUni Wien. Ziel müsse es sein, klimagesundes Altern unter den veränderten Umweltbedingungen zu ermöglichen.

„Der demografische Wandel ist in vollem Gange“, betont auch Riederer. „Dazu kommen mehr Alleinlebende und wachsende Einsamkeit. Netzwerke, die in wetterbedingten Ausnahmesituationen unterstützen, verschwinden. Vor diesem Hintergrund sind weiterführende Studien wichtig“, sagt Riederer. Sie arbeitet bereits an einer Folgestudie, die Bundesländer bei der Hitzewahrnehmung vergleicht.

Kommentare