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„Heatwave Anxiety“: Wenn Hitzewellen Angst und Panik auslösen

Temperaturen jenseits der 40 Grad lösen bei vielen Menschen längst mehr als nur Unbehagen aus. Fachleute beobachten eine wachsende „Hitzeangst“. Wer besonders betroffen ist und was helfen kann.
Extreme heat grips the Czech Republic

Der morgendliche Blick auf die handyeigene Wetter-App ist für die allermeisten Menschen banale Routine. Aktuell kommen beim Öffnen der diversen Applikationen allerdings unangenehme Stimmungslagen auf: Temperaturprognosen jenseits der 40 Grad gehen mit Unbehagen und Besorgnis, mitunter sogar mit Angst und Panik einher.

Als „heatwave anxiety“, also „Hitzeangst“, bezeichnet man im englischsprachigen Raum die Furcht vor extremer Hitze und der Aussicht, ihr nicht entkommen zu können. Studien zeigen inzwischen: Nach traumatischen Hitzeerlebnissen entwickeln viele eine Erwartungsangst vor der nächsten Hitzewelle, die zu Stress, Depressionen und Hilflosigkeit führen kann.

Wenn Wetterprognosen Angst auslösen

„Prinzipiell ist die Hitzeangst Teil einer Reihe von Klimagefühlen, die wir mehr und mehr in psychotherapeutischen Praxen erleben“, berichtet Psychotherapeut Markus Böckle vom Österreichischen Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP). Das Phänomen der Klimaangst (siehe Infobox unten) wird global bereits seit einigen Jahren beobachtet. Die Hitzeangst als eine auf konkrete klimatische Extrembedingungen bezogene Gefühlslage sei nun auch in Österreich relevant, „weil uns Hitzewellen zunehmend persönlich betreffen“, präzisiert Böckle.

„Während einer Hitzewelle gibt es einen deutlichen Anstieg von Stress, Angst und Depression. Die Aussicht, der Hitze nicht entkommen zu können, führt zu psychischen Problemen, die nicht unterschätzt werden sollten“, wurde Umweltmediziner Hans-Peter Hutter von der MedUni Wien bereits vor einigen Jahren in einer Aussendung anlässlich einer Hitzewelle zitiert.

Ängste im Zusammenhang mit Hitzewellen nehmen zu, betont auch die Psychologin Caroline Hickman von der Universität Bath im BBC-Interview. „Sobald Menschen ein traumatisches Ereignis wie eine Überschwemmung oder eine Hitzewelle durchlebt haben, erwarten sie das nächste mit Angst“, schildert Hickman, die Menschen mit Klimaangst therapeutisch begleitet.

Insbesondere Personengruppen und deren Angehörige, denen Hitze besonders zusetzt – etwa Mütter und Väter von kleinen Kindern, ältere und chronisch kranke Menschen oder pflegende Familienmitglieder –, werden derzeit verstärkt von Ängsten geplagt.

„Die Ausweglosigkeit hat mich umgehauen“

In sozialen Medien bringen sie ihre Sorge rund um die heftigen Hitzeperioden zur Sprache. Die österreichische Autorin und Neo-Mama Stefanie Sargnagel berichtet etwa bereits seit mehreren Wochen von der massiven Belastung durch die außergewöhnlichen Temperaturen. „Die Ausweglosigkeit der Hitze mit Baby hat mich umgehauen“, schreibt sie und kritisiert unter anderem fehlende politische Bemühungen im Kampf gegen die Hitze.

Auf große Resonanz stieß laut BBC kürzlich ein Beitrag der Britin Tavia Watts. Während der jüngsten Hitzewelle in England plagten Watts derartige Ängste um ihre Kleinkinder, dass sie beim abendlichen Vorlesen weinend den Raum verließ. Ihr Instagram-Video über die „sich wie Weltuntergang anfühlende“ Hitze wurde Zehntausende Male geliked.

Kaum jemand könne sich angesichts der aktuellen Temperaturen den körperlichen und psychischen Auswirkungen der Hitze entziehen, weiß Psychotherapeut Böckle. „Wir sprechen vor allem von schlechtem Schlaf, erhöhter Reizbarkeit, Konzentrationsproblemen und Stresszuständen, aber eben auch Gefühlen des Kontrollverlusts, der Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins.“ Böckle betont auch: „Angst ist, wie andere Gefühle auch, ein wichtiger Informant für uns Menschen. Sie zeigt uns, dass etwas gefährlich ist. Im Grunde ist eine Hitzeangst also eine gesunde Reaktion auf eine reale Bedrohung.“

In stressigen Lebenslagen suchen viele Entspannung in der Natur. Vor allem im dürregeplagten Osten des Landes bietet sich in Wäldern, an Grünflächen und Gewässern ein trostloses Bild. „Die wenigsten Menschen mögen gerne Wüsten“, sagt Umweltpsychologin Sabine Pahl von der Uni Wien. Blickt man auf eine derart veränderte, eigentlich vertraute Landschaft, kann die Unsicherheit steigen. Man beginnt sich zu fragen, was im Zuge des Klimawandels als Nächstes kommt. Das wirke „beängstigend“.

Gemeinschaftlich gegen die Hilflosigkeit

Was ist im Umgang mit der Hitzeangst hilfreich? Psychotherapeut Böckle plädiert dafür, die auftretenden Ängste bewusst wahrzunehmen, als realen und leidvollen Teil unseres Alltags anzuerkennen und nicht kleinzureden oder gar zu verdrängen. „Wenn man innerlich gegen die Angst arbeitet, kann das erst recht lähmen, was kontraproduktiv ist, wenn es darum geht, aus der Hilflosigkeit herauszukommen.“

Für die unmittelbare Bewältigung rät Böckle dazu, Nachrichten rund um die Hitze dosiert zu konsumieren. „Man sollte sich gezielt fragen: Wie viel Information brauche ich, und wo werden nur weiter Horrorgefühle befeuert?“ Zudem empfiehlt der Experte, in der Hitzekrise den Gemeinschaftssinn zu stärken. „Suchen Sie proaktiv Unterstützung bei anderen, um diese schwierige Zeit zu überbrücken. Erkundigen Sie sich bei der Familie, Freunden oder in der Nachbarschaft nach Möglichkeiten, klimatisierte Räume zu nutzen oder aus der besonders heißen Stadt rauszukommen. Sozialer Zusammenhalt hilft in dieser Hinsicht ganz praktisch gegen die Hitze und im Sinne eines Solidaritätsgefühls auch übergeordnet gegen Hoffnungslosigkeit.“

Langfristig könne man Gefühlen des Kontrollverlusts in Bezug auf den Klimawandel durch aktives Handeln ein Stück weit beikommen. „Man kann im Rahmen der Möglichkeiten die Wohnung möglichst hitzeresistent machen, sich lokalen Initiativen anschließen, die sich etwa für mehr Grünflächen einsetzen, oder sich politisch gegen den Klimawandel engagieren. Das stärkt das Gefühl von Selbstwirksamkeit.“

Einem hitzebedingten Angstempfinden kann auch eine ernsthafte psychische Problematik entwachsen, betont Böckle: „Personen, die bereits an einer psychischen Erkrankung leiden, zeigen durch die zusätzliche Belastung mitunter stärkere Reaktionen. Wenn der Alltag erheblich eingeschränkt ist, die Hoffnungslosigkeit durchgängig dominiert, man nicht mehr zur Ruhe kommt oder Panikattacken auftreten, ist es angebracht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.“

Stefanie Sargnagel fand jüngst letztlich bei Freunden und Verwandten Zuflucht, beschrieb sie auf Instagram. Ihr Appell: „Helft euren schwangeren Friends (Anmerkung: Freunden), euren kranken Friends, euren Friends mit vulnerablen Angehörigen, euren Friends mit Babys und Kindern.“

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