Demnächst fällt Beschluss, ob Senioren das AstraZeneca-Vakzin erhalten

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Wissen Gesundheit
02/02/2021

Impfexpertin: "Jeder zugelassene Impfstoff ist besser als keiner"

Ursula Wiedermann-Schmidt, Vorsitzende des Impfgremiums, im KURIER-Interview zur Empfehlung für das AstraZeneca-Vakzin.

von Ernst Mauritz

344.000 Dosen des Astra-Zeneca-Impfstoffes sollen bis Ende März nach Österreich geliefert werden – das Nationale Impfgremium empfiehlt dieses Vakzin für die 18- bis 64-Jährigen. Bei den Älteren sollen vorerst bevorzugt die mRNA-Impfstoffe eingesetzt werden. Sind sie nicht verfügbar, spreche in bestimmten Fällen aber auch bei Personen 65 plus nichts gegen das Vakzin von Astra Zeneca – der KURIER berichtete. Ursula Wiedermann-Schmidt ist die Vorsitzende des Impfgremiums.

KURIER: Dürfen Ärzte auch Personen über 65 mit diesem Vakzin impfen?

Ursula Wiedermann-Schmidt: Grundsätzlich ja, der Impfstoff ist ja für alle Altersgruppen in der EU zugelassen. Die Sicherheitsdaten sind für alle Altersgruppen – auch jene über 65 Jahre – vergleichbar gut, es gibt also kein Sicherheitsrisiko. Auch die Bildung von Antikörpern nach der Impfung ist in allen Altersgruppen vergleichbar. Wir erwarten eine vergleichbare Verringerung tatsächlicher Erkrankungsfälle, auch wenn es noch keine ausreichenden Belege gibt. Deshalb sollen bei den über 65-Jährigen die mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna bevorzugt werden. Aber wenn zum Beispiel bettlägrige Menschen kein Impfzentrum aufsuchen können, kann der Hausarzt auch den Impfstoff von Astra Zeneca verabreichen, den er in seinem Kühlschrank lagern kann. Jeder zugelassene Impfstoff ist besser als keiner.

Warum gilt die Empfehlung dann aber nur bis 65?

Weil ein offizielles Gremium sich streng an die wissenschaftliche Datenlage halten muss. Und die lautet: Sicher – ja. Antikörperbildung – ja. Nur zu den Erkrankungsfällen sind noch keine verlässlichen Aussagen möglich, deshalb ist die offizielle Empfehlung nur bis 64 Jahre möglich. Aber es gibt über 65-Jährige in gutem Gesundheitszustand, deren biologisches Alter jünger ist als das kalendarische – hier ist es sinnvoll, den leicht zugänglichen Astra-Zeneca-Impfstoff zu verabreichen. Aber bei älteren Personen mit mehreren Grunderkrankungen, deren Immunsystem geschwächt ist, sollte man auf jeden Fall versuchen, bis zum Vorliegen weiterer Daten einen mRNA-Impfstoff zu verabreichen, wo die hohe Wirksamkeit auch für diese Altersgruppe belegt ist.

Die deutsche Impfkommission sieht eine Anwendung bei über 65-Jährigen aber gar nicht vor.

In Deutschland werden alle Impfungen in Impfzentren verabreicht, bei uns auch vom Hausarzt. Natürlich sollte ein mRNA-Impfstoff bei über 65-Jährigen bevorzugt werden – aber wo es nicht anders geht, ist es besser, den Astra-Zeneca-Impfstoff zu verwenden als gar keinen. Die Europäische Arzneimittelagentur sagt dasselbe wie wir: Es gibt keinen Grund, Ältere nicht damit zu impfen, weil die Sicherheits- und Immunogenitätsdaten (Ansprechen des Immunsystems, Anm.) gut sind. Sie spielt aber den Ball der konkreten Empfehlung zurück an die nationalen Gremien.

Es besteht kein Risiko?

Nein. Man kann die Situation mit den Influenza-Impfstoffen vergleichen: Diese sind ohne Alterslimit zugelassen. Aber wenn man die Möglichkeit hat, verwendet man für ältere Menschen einen speziellen Impfstoff mit einer verstärkten Wirkung bei Älteren, die auch belegt ist.

Besteht nicht die Gefahr, dass Vertrauen in den Impfstoff verloren geht?

Im Gegenteil. Wir begründen ja die differenzierte Entscheidung sehr genau: Aber wir wollen Impfungen in dieser Pandemiesituation auch nicht verhindern. Diese Flexibilität, einzuschätzen, was bei mangelnder Impfstoffverfügbarkeit die beste Lösung für ihre Patienten ist, haben Ärzte.

Was bedeutet das für die Impfpläne?

Meiner Meinung nach ändert sich nicht viel. Es werden Februar, März auch größere Mengen von Biontech/Pfizer erwartet. Es gibt auch Risikogruppen bei den Unter-65-Jährigen, etwa Gesundheitspersonal, die das Astra-Zeneca-Vakzin erhalten können. Bereits in den kommenden Wochen sollen auch Wirksamkeitsdaten für über 65-Jährige vorliegen.

Der Astra-Zeneca-Impfstoff verhindert 60 % der Erkrankungen, die mRNA-Impfstoffe mehr als 90 %. Sind diese also „besser“?

Man kann die Studien nicht direkt vergleichen, weil ihr Aufbau, ihre Messeinheiten etc. unterschiedlich sind. Ein Vergleich wäre nur zulässig, wenn in einer Studie alle drei Impfstoffe untereinander verglichen werden. Alle zugelassenen Vakzine sind hoch wirksam. Entscheidend ist, wie es mit der Verhinderung von schweren Erkrankungen und Spitalsaufnahmen ausschaut. Und da ist der Impfstoff von Astra Zeneca zu nahezu 100 % wirksam.

In England wurden an einem Tag 600.000 Dosen verimpft – auch an Ältere.

England war mit extrem hohen Infektionszahlen in einer absoluten Notlage und hat eine Notfallszulassung erteilt. Das hat viele Nachteile – etwa auch, dass die Leute dann sagen, das ist nicht ausreichend geprüft, damit lasse ich mich nicht impfen. Es ist jetzt leicht, die EU zu kritisieren, aber im Sommer 2020, als die Verträge abgeschlossen wurden, wusste niemand, welcher Impfstoff eine Zulassung erhalten wird. In den kommenden Wochen wird sich die Liefersituation entspannen.

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