Wissen | Gesundheit
01.07.2018

Heute vor 200 Jahren wurde Ignaz Semmelweis geboren

Zu Lebzeiten mehr verachtet als verehrt, rettet seine Erkenntnis noch immer jährlich Millionen Menschen das Leben.

Die schlechte Luft der Großstadt oder ein Milchstau in der Brust galten lange als Ursache für den Tod vieler Mütter im Kindbett. In der Mitte des 19. Jahrhunderts versuchte der ungarische Arzt Ignaz Semmelweis mit diesen Theorien aufzuräumen. Seine Beobachtung: Auf Geburtshilfe-Stationen, in denen die Patientinnen von geistlichen Schwestern oder Hebammen betreut wurden, war die Sterblichkeit weitaus geringer als auf Stationen, in denen Ärzte Kontakt zu den Gebärenden hatten. Die Mediziner hatten vorher oft Leichen seziert und kamen „mit an der Hand klebenden Cadavertheilen“, so Semmelweis, zu den Frauen. Das einfache Händewaschen mit Seife, wenn es denn überhaupt gemacht wurde, nützte wenig.

Am Allgemeinen Krankenhaus in Wien führte der vor genau 200 Jahren (1. Juli 1818) geborene Arzt 1847 mit großem Erfolg sofort die Desinfektion der Hände ein. Doch seine Kollegen hatten oft nur Spott, Hohn und Verachtung für ihn übrig. „Je stärker seine Beweise waren, desto energischer ist der Widerstand gegen ihn geworden“, sagt der Gründer des Semmelweis-Vereins, Bernhard Küenburg. Von Keimen wusste man noch nichts. Und die Vorstellung, dass Ärzte mit ihren eigentlich helfenden Händen, den Tod brachten, sei vielen schon aus Gründen des Standesdünkels absurd erschienen, so Küenburg.

Semmelweis versuchte mit Nachdruck, die Praxis der Hände-Desinfektion zu etablieren. „Er hat Ärzte und Schwestern praktisch gezwungen“, meint Didier Pittet von der Universitätsklinik Genf. Es war eine unangenehme Prozedur. Mindestens fünf Minuten sollten Ärzte und Schwestern ihre Hände in die aggressive Chlorkalk-Lösung halten und so für keimfreie Haut sorgen. „Es war ein sehr gutes Mittel, aber sehr schlecht für die Hände“, so Pittet, der die „Saubere-Hände-Kampagne“ der Weltgesundheitsorganisation ( WHO) extern leitet. Laut WHO werden dank der Kampagne jährlich fünf bis acht Millionen Menschenleben gerettet.

Keine Selbstverständlichkeit

Immer noch ist das wiederholte Desinfizieren der Hände in Krankenhäusern keine Selbstverständlichkeit. Selbst in Europa würden nur in 50 Prozent der von der WHO definierten Anlässe die Hände mit einer Alkohollösung keimfrei gemacht, erklärt die Hygiene-Expertin des Allgemeinen Krankenhauses Wien, Elisabeth Presterl. Das macht den Keimen das Leben unnötig leicht. Rund 10 000 bis 15 000 Todesfälle gehen nach Schätzungen in Deutschland jährlich auf Infektionen zurück, die sich Patienten erst in der Klinik holen. „Rund ein Drittel dieser Infektionen ist durch mehr Hygiene vermeidbar“, sagt Petra Gastmeier, Leiterin des Nationalen Referenzzentrums (NRZ) für Surveillance von nosokomialen (im Spital erworbenen) Infektionen in Deutschland.

Ein besonders hohes Infektionsrisiko haben Patienten mit schwachem Immunsystem und solche, denen ein Katheter gelegt wurde. Um das Risiko von Infektionen zu senken, sollten laut Gastmeier auch Besucher von Krankenhäusern ihre Hände desinfizieren, am besten beim Betreten des Krankenhauses und bei Eintritt ins Patientenzimmer.

Dass Ärzte und Pflegepersonal die Handhygiene teils vernachlässigen, ist laut Gerd Fätkenheuer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie (DGI), vor allem auf Zeitknappheit zurückzuführen. „Die Einwirkzeit von alkoholhaltigen Desinfektionsmitteln beträgt in der Regel 30 Sekunden. Eine Pflegekraft hat in ihrer Schicht locker 100 Patientenkontakte“, so der Infektiologe. Das bedeute mindestens 50 Minuten Desinfektionszeit. „Bei Personalknappheit und der Eile auf vielen Stationen ist das kaum machbar“, sagt Fätkenheuer.

Schlechte Vorbilder

Semmelweis' Botschaft für mehr Hygiene wird durch die Kampagne „Aktion Saubere Hände“ verstärkt verbreitet.  „Die Handdesinfektion muss wie das Anlegen des Sicherheitsgurts im Auto in Fleisch und Blut übergehen“, sagt Gastmeier. Insbesondere ältere Ärzte seien oft schlechte Vorbilder für die Assistenzärzte, weil die Handhygiene kein Teil ihrer Ausbildung gewesen sei. Nach den Erfahrungen von Pittet ist das Pflegepersonal deutlich eifriger als die Ärzte. Küenburg ermuntert alle Patienten, selbstbewusst dem medizinischen Personal gegenüberzutreten: „Herr Professor, haben sie sich schon die Hände desinfiziert?“, müsse eine ganz normale Frage sein.

Das wäre im Sinne von Semmelweis, dem lange nach seinem Tod doch noch als „Retter der Mütter“ verehrten Mediziner. Dessen Vertrag in Wien wurde 1849 nicht mehr verlängert. Er ging nach Budapest und sorgte in zwei Kliniken auch dort für einen Rückgang der Sterblichkeit unter Wöchnerinnen. Schließlich wurde er - inzwischen wohl geisteskrank - in Wien in eine Irrenanstalt gesperrt, wo er schließlich starb.

Die Umstände seines Todes sind nicht ganz geklärt. Womöglich wurde er bei einem gescheiterten Fluchtversuch so schwer von den Wärtern geschlagen, dass er 1865 an den Verletzungen starb. „Heute würde er mit Sicherheit zu den Favoriten für den Nobelpreis zählen“, ist sich der Rektor der Medizinischen Universität Wien, Markus Müller, sicher.