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24.06.2018

Im Spital: Der tägliche Kampf gegen gefährliche Erreger

Auch 200 Jahre nach Semmelweis ist Hygiene ein heikles Thema und eine große Herausforderung. Ein Lokalaugenschein im Wiener AKH.

Ein Endoskop in einem der vielen Operationssäle des AKH Wien, dem größten Spital Österreichs und einem der größten Krankenhäuser Europas: Der Chirurg führt damit Scheren oder Zangen in den Körper des Patienten ein, um etwas zu diagnostizieren, zu behandeln oder zu entfernen. Bei einem weiteren Eingriff werden Klemmen, die dazu dienen, Körpergewebe zu fixieren, verwendet. Auf jedem dieser OP-Werkzeuge lauern potenzielle Gefahren. Unsichtbare Mikroorganismen, die die Instrumente verunreinigen und so eine mögliche Infektionsquelle sind.

Hygienemängel

Denn auch im 21. Jahrhundert kommt es immer wieder zu Hygieneskandalen. Vor einigen Jahren etwa in Deutschland, an der Uni-Klinik Mannheim, oder einer Klinik in München, als OP-Instrumente nicht ausreichend sterilisiert wurden. Die Folge waren hohe Infektionsraten. Offenbar gibt es nicht nur in der Dritten Welt Aufholbedarf. „Dort, wo Sand ins Getriebe gerät, kann es leichter zu Problemen und Hygienefehlern kommen“, sagt Univ.-Prof. Elisabeth Presterl, Leiterin der Abteilung für Krankenhaushygiene und Infektionskontrolle des AKH Wien/MedUni Wien. Dazu zählen etwa Personalmangel und Kostenfaktoren, genauso wie mangelndes Bewusstsein und Hektik.

In jedem Krankenhaus gibt es Vorschriften und Protokolle, wie mit „kontaminierten“ Medizinprodukten umgegangen wird. Der Weg des Endoskops und der Klemme ist klar definiert. Nachdem die Instrumente auf der Station vorgereinigt, von Blut und organischen Materialien befreit werden, landen sie in der „Z-Steri“, der Zentral-Sterilisation des AKH Wien. Die zentrale Aufbereitungseinheit für Medizinprodukte liegt auf Ebene 3 H, im „Bauch“ des Hauses. „Es ist das Herz der Hygiene“, sagt Presterl. Auf einer Fläche von 2500 Quadratmetern wird mit einer komplexen Sterilgutlogistik gearbeitet, „das Sicherheitsnetz ist mehrstufig“. Alles ist zertifiziert.

Hohe Verantwortung

Wir befinden uns zunächst auf der „unreinen“ Seite der Einheit. Es ist laut, permanent rattern Container mit gebrauchten Instrumenten herein. Pinzetten, Scheren, Nadelhalter und anderes Instrumentarium, das im Laufe eines Tages im Spitalsalltag anfällt, um danach in einem stufenweisen Prozess „rein“ und erneut gebrauchsfähig gemacht zu werden, sprich: steril.

Jeder Mitarbeiter trägt hier große Verantwortung. Das beginnt bei der Vorreinigung sofort nach Gebrauch: „Wenn sich da einmal was festsetzt oder verkrustet, ist das problematisch. Verunreinigung, zum Beispiel Proteine, die fixiert sind, sind schwierig wegzukriegen“, sagt Presterl. Ein Mitarbeiter zerlegt ein Zystoskop, mit dem Harnblasenspiegelungen durchgeführt werden. Dann legt er es auf spezielle Weise in ein Reinigungs- und Desinfektionsgerät. „Das sind eigene Geräte, ähnlich wie Geschirrspüler, hier werden Instrumente so gewaschen, dass kein Schmutz zurückbleibt“, erläutert die Stationsleiterin Andrea Foit.

Das Reinigen der Endoskope ist besonders heikel, weil sie einen Hohlraum haben. „Je verwinkelter, desto aufwendiger. Da versteckt sich gerne was“, sagt Presterl. Desinfiziert wird mit Wasser bei hohen Temperaturen, Mechanik, Reinigungsmittel und Druck. Chemie wird eingesetzt, wenn es sich um hitzeempfindliche Medizinprodukte handelt, die maximal 55 Grad aushalten. Akribie ist in der „Z-Steri“ oberstes Gebot, ein Mitarbeiter desinfiziert gerade die Plastikmappen, in denen die Reinigungs-Gebrauchsanweisungen für Instrumente aufbewahrt werden. Man nennt das „wischdesinfizieren“.

Potenzielle Erreger

Wir leben in keiner sterilen Umgebung, auch nicht im Krankenhaus. Man kann es sich wie einen gigantischen Organismus vorstellen, in den jeder seine Körperflora mitbringt. Potenzielle Erreger sind überall unterwegs. „Für Kranke in einem Spital ist das eine große Gefahr, mit jeder lebensrettenden Maßnahme werden auch Infektionen begünstigt“, sagt Presterl. Die Mitarbeiter der Zentralsterilisation werden in eigenen Fachkundelehrgängen eingeschult und sollen gewährleisten, dass die gebrauchten Instrumente keine anderen Patienten infizieren. Jeder Gegenstand wird daher so behandelt, als wäre er mit hochgefährlichen Krankheitserregern besiedelt.

Faktor Handhygiene

In einer Ära der Hochleistungsmedizin eine stets komplexer werdende Herausforderung. Desinfektion und Sterilisation sind heute exakt definierte Hightech-Vorgänge. Neben der Sterilisation der Geräte hat die Händehygiene einen hohen Stellenwert. „It’s in Your Hands“ lautet das WHO-Motto im Jahr 2018. Weil Hände bei mangelnder Hygiene als eine der wichtigsten Überträger von Keimen gelten – auch lebensgefährlicher. In einer Klinik wie dem AKH besonders tückisch, weil es hier viele schwerkranke Patienten gibt. Optimale Händehygiene senkt die Infektionsrate um bis zu 30 Prozent.

In Österreich sterben pro Jahr 2400 Menschen an Krankenhausinfektionen. Laut einer Untersuchung der MedUni Wien liegt die Wahrscheinlichkeit, sich in einem Wiener Spital mit einem Keim zu infizieren, bei vier Prozent. Ein täglicher Kampf, immer noch passieren Fehler. „Neben Überlastung und Hektik spielt mangelnde Kommunikation eine Rolle“, sagt die Hygieneexpertin.

Vielfach-Kontrollen

Wir wechseln in den Bereich „rein“. Andrea Foit bittet uns, Haube, Schutzmäntel, Schuhschutz anzulegen – und die Hände gründlich zu desinfizieren. Es ist hier etwas ruhiger, zu hören sind die Dampfsterilisatoren. Sie arbeiten mit gesättigtem Wasserdampf und Druck, Instrumente müssen auf spezielle Weise eingeschlichtet werden, damit Dampf und Hitze überall dazukommen. „Die Instrumente werden erst verpackt, dann sterilisiert, nur so ist Keimfreiheit gewährleistet“, sagt Andrea Foit. Auch riesige Instrumentencontainer, etwa für orthopädische Operationen, kommen in den Sterilisator. Pro Monat werden zirka 21.000 Instrumente in der Z-Steri sterilisiert, 253.000 Stück pro Jahr.

Zurück zur Klemme und zum Endoskop aus dem OP-Saal des AKH Wien, vom Beginn dieser Reportage. Gereinigt, desinfiziert, kontrolliert, verpackt, sterilisiert und erneut kontrolliert, werden sie nun mit einem Etikette versehen, an dessen Strichcode erkennbar ist, in welchem Gerät das Instrument wann war, welcher Mitarbeiter damit zu tun hatte und es freigegeben hat. Ein Indikator, der im Rahmen des Sterilisationsprozesses von Blau auf Schwarz umschlägt, zeigt die Richtigkeit des Vorgangs, er sollte im OP-Saal nochmals kontrolliert werden, bevor das Instrument ausgepackt und verwendet wird. „Bevor diese Klemme wieder bei einem Patienten verwendet wird, wurde sie von sechs verschiedenen Augenpaaren und Händepaaren kontrolliert“, sagt Andrea Foit. Ein neuer Kreislauf beginnt.

 

Wer war Ignaz Semmelweis?

200 Jahre „Retter der Mütter“: Am 1. Juli 2018 jährt sich der Geburtstag von Ignaz Semmel- weis zum 200. Mal. Er hatte Mitte des 19. Jhdts. erkannt, dass die Sterblichkeitsrate an Geburtshilfe- Stationen höher war, in denen Ärzte und Studierende arbeiteten, die auch Leichensektionen durchführten. Er veranlasste  sie dazu, sich vor  Entbindungen und Untersuchungen Schwangerer die Hände gründlich mit  Chlorlösung und später mit Chlorkalk zu desinfizieren. Die Sterblichkeit sank so auf 1,3 Prozent.  Der Chirurg und Geburtshelfer gilt als Erfinder der Händehygiene. Er starb im Alter von 47 Jahren.

Die Semmelweis-Klinik ist bald Geschichte

Eine wechselvolle Geschichte hat das Wiener Spital, das nach dem „Retter der Mütter“ benannt wurde: Die Semmelweis-Frauenklinik wurde 1943 im ehemaligen Findelhaus der nö. Landesregierung in Währing eröffnet. In den folgenden Jahrzehnten erwarb sie sich den Ruf als renommierte Geburtsklinik. Derzeit werden dort rund 5500 Frauen pro Jahr stationär behandelt.  Bald wird sie aber Geschichte sein: Im Zuge des neuen Spitalskonzepts wird die Klinik voraussichtlich 2019 in das neue Krankenhaus Nord in Floridsdorf übersiedelt. Das hätte schon 2016 passieren sollen, scheiterte aber an den enormen Verzögerungen auf der Skandal-Baustelle.

Bereits 2012 wurden drei Pavillons der Semmelweis-Klinik an einen privaten Investor verkauft, hier ist mittlerweile die private Amadeus-Musikschule untergebracht. Der Immobilien-Deal sorgte für heftige Kontroversen, die bis heute andauern. Der Investor hatte die Pavillons um 14,2 Millionen Euro von der Stadt Wien erworben – weit unter dem tatsächlichen Wert, wie sich später herausstellte. Im Zuge des Verkaufs ist zudem der Verdacht auf Geldwäsche erhoben worden. Auch eine weitere Liegenschaft wurde viel zu günstig verkauft.  Was mit den Pavillons aus der Zeit der Jahrhundertwende passiert, in denen derzeit noch die Frauenklinik untergebracht ist, soll sich dem Vernehmen nach demnächst entscheiden.