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Wissen Gesundheit
11/27/2020

Hausarzt: "Viele, die in Quarantäne sind, sitzen in der Virussuppe"

Allgemeinmediziner Erwin Rasinger über innere Quarantäne und Antigen-Massentests.

von Ernst Mauritz

Erwin Rasinger ist Allgemeinmediziner in Wien und war bis 2017 ÖVP-Gesundheitssprecher im Nationalrat.

KURIER: Wie wirkt sich die Zweite Welle bei Ihnen in der Ordination aus?

Erwin Rasinger: Ich hatte unter meinen Patienten bisher rund 30 Fälle – bis auf zwei konnte ich alle zu Hause betreuen. Aber dieses Virus verhält sich – wie kein anderes – wie ein Chamäleon: Manche haben gar keine Symptome, andere sind über Monate beeinträchtigt. Bei einer Grippe sind die meisten Menschen nach einer Woche gesund. Bei dem Coronavirus gibt es Patienten, die sich über Wochen nicht erholen. Die sagen, „Herr Doktor, mir geht es einfach nicht gut, ich stehe komplett neben mir, bin wie erschlagen, ich laufe nur auf 50 Prozent.“ Diese Patienten sind zwar beim PCR-Tes negativ, aber es geht ihnen einfach nicht gut. Das ist ein großer Unterschied zur Influenza, der Grippe: Da sind die meisten nach einer Woche gesund. Es gibt bei der Grippe ja auch den alten Spruch: Mit Arzt dauert sie sieben Tage, ohne Arzt eine Woche. Beim Coronavirus ist das ganz anders.

Ohne einen Test ist eine eindeutige Unterscheidung zwischen herkömmlicher Erkältung, Grippe und Covid-19 (der vom Coronavirus ausgelösten Erkrankung) nicht möglich. Aber gibt es doch Hinweise, die in die eine oder andere Richtung deuten?

Starke typische Schnupfensymptome wie eine rinnende Nase sprechen eher gegen Corona. Geruchs- und Geschmacksverlust ist hingegen fast immer ein Hinweis auf eine Infektion mit SARS-CoV-2. Husten kann, muss aber nicht ausgeprägt sein. Ähnlich ist das beim Fieber: Oft liegt die Temperatur nur zwischen 37,5 und 38,5 Grad Celsius. Manche haben auch gar kein Fieber. Tritt nach ungefähr sieben Tagen Atemnot auf, muss man sehr vorsichtig sein. Ich bin da im engen Kontakt mit den Patienten, und wenn die Atemnot zunimmt, ist es notwendig, ein Spital aufzusuchen. Aber sehr viele Patienten können mit den klassischen fiebersenkenden, entzündungshemmenden Mitteln bei Virusinfektionen gut zuhause betreut werden.

 

Wie sehen Sie die geplanten Antigen-Massentests ?

Sie sind eine gute Chance, an bisher unbekannte Infektionsketten heranzukommen. Wir wissen, dass Infizierte 48 Stunden vor den ersten Symptomen bereits infektiös sind – und dass rund 45 Prozent kaum bis keine Symptome haben. Das übergeordnete Ziel muss es sein, diese noch unerkannten Infektiösen herauszufischen, selbst auf die Gefahr, dass falsch Positive zwei drei Tage in Quarantäne sein müssen, bis die Entwarnung durch den PCR-Test da ist. Aber das Wichtigste ist: Wer in einem Test positiv ist, muss sofort informiert werden, wie er sich zu Hause verhalten muss – dass er auch in eine innere Quarantäne gehen muss. Damit die Massentests erfolgreich sind, müssen auch blitzschnell Konsequenzen gezogen werden.

Was bedeutet das?

In einer Studie aus Wisconsin, USA, hat sich die Hälfte der Haushaltsangehörigen, die mit einem SARS-CoV-2-Positiven zusammenlebten, angesteckt. Ich habe in Familien meiner Patienten mehrere Infektionsketten gesehen. Auf diese Weise können also an einem Tag mit 5.000 Neuinfektionen mehr als 2.500 weitere nur durch häusliche Übertragungen entstehen – und das müssen wir verhindern. So viele können sie mit Contact Tracing niemals aufspüren. Sie können aber das Risiko einer Zweitansteckung zu Hause reduzieren: Wenn möglich, sollte die infizierte Person in einem eigenen Zimmer mit eigenem Bett untergebracht werden. Fünf Tage lang, die Hauptansteckungszeit, sollte sie beim Verlassen des Zimmers immer eine FFP2-Maske tragen. Türklinken sollten desinfiziert, Handtücher getrennt verwendet und aufbewahrt, generell auf Hygiene geachtet werden.

Und: Regelmäßiges Lüften, alle zwei Stunden für zwei drei Minuten. Aber das tut kaum jemand. Viele, die in Quarantäne sind, sitzen in der Virussuppe. Die Menschen sind in Bezug auf Corona overnewsed and underinformed - jede und jeder ist fast schon ein kleiner Virologe, aber an den Basisinformationen fehlt es oft.

Fehlt es an Wissen?

Ich muss mit meinen Patienten nicht über Maskentragen, Abstand oder Händehygiene reden – das wissen alle. Hier hat die Aufklärung gewirkt. Aber die wenigsten wissen, wie sie sich zu Hause verhalten müssen, wenn jemand infiziert ist – dem wurde bisher zu wenig Augenmerk geschenkt. Dass sich in einem Raum, in dem zuvor eine infektiöse Person war, noch Aerosole mit Viruspartikeln befinden können und diese lange in der Luft bleiben, das wird unterschätzt. Bereits eine Minute lüften reduziert die Aerosolmenge massiv. Deshalb wird in Deutschland nicht nur wie bei uns die AHA-Regel (Abstand / Hygiene / Alltagsmasken) kommuniziert, sondern AHA + L, also Lüften noch dazu. Ich lüfte in der Ordination, wann immer es geht.

Die Bedeutung der Aerosole für eine Infektion wurde lange unterschätzt. Eine zeitlang hat man ja die jungen Menschen und die Partys für viele Infektionen verantwortlich gemacht. Aber das stimmt so nicht. Das macht sicher nicht den Hauptteil aus. Wenn ich meine Patienten frage, wo sie sich angesteckt haben, können sie es in den meisten Fällen nicht sagen.

Was können Patienten und Angehörige noch tun, um sich und andere zu schützen?

Wenn mir meine Patienten diese Frage stellen, empfehle ich die Einnahme von Multivitaminpräparen, die Selen, Zink und die Vitamine C und D enthalten. Aber auch regelmäßiges Gurgeln mit einer antiviralen Lösung oder das Befeuchten der Schleimhäute, zum Beispiel durch Meersalz-Sprays, kann das Infektionsrisiko senken. Und bei bereits Infizierten könnte dadurch die Menge der ausgeschiedenen Viren sinken.

Werden Sie sich impfen lassen?

Wenn die jetzt veröffentlichten Daten mit einer Schutzwirkung von bis zu 95 Prozent stimmen, dann bin ich der Erste, der sich impfen lässt und der seinen Patienten sagt, bitte lasst euch impfen, es schützt euch. Unter meinen Patienten sind Menschen mit schweren Lungenerkrankungen wie COPD,  mit Transplantationen, sehr alte Menschen mit Herzschwäche, übergewichtige Menschen: Sie sind alle in Gefahr und müssen so rasch als möglich geschützt werden. Und als Arzt ist mir die Impfung auch deshalb wichtig, weil ich im Dienst keinen Schaden an anderen anrichten will und keine Infektion weitergeben will.

Der deutsche Virologe Christian Drosten hat sich dafür ausgesprochen, bereits bei einem Kratzen im Hals bzw. einer rinnenden Nase zu Hause zu bleiben.

Es ist sicher sinnvoll, lieber einmal zu viel, als einmal zu wenig zu Hause zu bleiben. Wenn man bei ersten Symptomen zu Haus bleibt, merkt man ohnehin bald, wie sich der Gesundheitszustand entwickelt. Abwarten und vorsichtig zu sein ist sicher angeraten.

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