Wissen | Gesundheit
11.07.2018

Ganzheitsmedizin: Was sie kann und wem sie hilft

© Bild: Getty Images/iStockphoto/zilli/iStockphoto

Tag der Ganzheitsmedizin. Von Akupunktur bis Osteopathie: Worauf man bei komplementärmedizinischen Methoden achten muss.

Seit 60 Jahren gibt es eine Akupunkturambulanz in Wien. 30 bis 50 Patienten werden täglich am Neurologischen Krankenhaus Rosenhügel behandelt. Zum Jubiläum wurden die Daten von 3500 Patienten aus den vergangenen zehn Jahren gezeigt: „Bei mindestens 75 Prozent aller Patienten mit sämtlichen Diagnosen konnten die Beschwerden signifikant verbessert werden“, sagt die Medizinerin Karin Stockert, Präsidentin der Österr. Gesellschaft für Akupunktur. Besonders gut profitierten Schmerzpatienten.

Dieser Teilbereich der Traditionellen Chinesischen Medizin ist nur eine der Therapieformen, die vom Österreichischen Dachverband für ärztliche Ganzheitsmedizin erfasst werden. Heute, Mittwoch, organisiert der Dachverband den ersten Österreichischen Tag der Ganzheitsmedizin.

„Trotz der unbestritten großen Erfolge der konventionellen Medizin klagen Patienten in vielen Fällen über weiterhin bestehende Gesundheitsprobleme und über ein eingeschränktes Wohlbefinden“, sagt Univ.-Prof. Michael Frass, Präsident des Dachverbandes. Die Komplementärmedizin biete ergänzende Angebote: „Dabei wird nicht nur ein Organ erfasst, sondern der gesamte Mensch.“ Mit teilweise obskuren Alternativmedizin-Angeboten wolle man auf keinen Fall verwechselt werden.

© Bild: Getty Images/iStockphoto/solomonjee/iStockphoto

Komplementärmedizin“ beinhaltet jene  Medizinformen, die gegenwärtig als Ergänzung zur Schulmedizin bzw. konventionellen Medizin angesehen werden.70 Prozent er Österreicher nehmen komplementärmedizinische Methoden in Anspruch. 22 Mitglieder hat  der „Österreichische Dachverband für ärztliche Ganzheitsmedizin“, etwa die Gesellschaften für Ayurveda, Akupunktur, Neuraltherapie, Aromatherapie, Osteopathie, Homöopathie.

NIcht trennen

Schulmedizin und Komplementärmedizin zu trennen, sei nicht sinnvoll, sagt Hannes Schoberwalter, Leiter des Referates für Komplementäre und Traditionelle Medizin der Wiener Ärztekammer und Spezialist für Neuraltherapie. „Die Ganzheitsmedizin versteht sich als Zusammenschluss von Schul- und Komplementärmedizin. Es gibt nur eine Medizin oder keine Medizin. Deshalb bin ich gegen den Begriff Alternativmedizin“, so Schoberwalter. Und: „Für esoterische Themen stehen wir nicht zur Verfügung.“

Komplementäre Methoden haben auch ihre Grenzen, wie Prim. Andreas Kainz betont. Er leitet die Physikalische Abteilung in der Wiener Privatklinik und ist Vizepräsident der Österreichischen Ärztegesellschaft für Osteopathie, osteopathische Medizin und klinische Osteopathie. „Schwere akute Krankheiten wiemassive seelische Störungen gehören nicht zum Anwendungsbereich der Osteopathie.“

Kostbarstes Werkzeug

Klassisch ist ihr Einsatz bei akuten oder chronischen Schmerzzuständen des Bewegungsapparates, aber auch bei Beschwerden der Atemwege oder des Verdauungsapparates zum Beispiel wird Osteopathie eingesetzt.

„Der Osteopath arbeitet mit dem besten und kostbarsten Werkzeug des Menschen, mit den Händen“, so Kainz. Wenn er gefragt werde, was ein Osteopath mache, antworte er: „Wir sind Uhrmacher. Wir suchen das Rädchen im Körper, das hängen geblieben ist.“ Viele Patienten würden aber erst dann kommen, wenn sie eine wahre Ärzte-Odyssee hinter sich und die Diagnose „Damit müssen sie jetzt leben“ bekommen haben. Kainz: „Oft fangen wir erst an diesem Punkt zu arbeiten an. Dabei sollten wir viel mehr im präventiven Bereich tätig sein.“ Denn „bei bereits zerstörten Systemen“ könne auch die Osteopathie nur mehr begleitend helfen.

© Bild: Getty Images/iStockphoto/karelnoppe/iStockphoto

„Wir warten leider zu oft darauf, dass die Leute krank werden“, sagt auch Schoberwalter. „Aber je mehr Methoden ich anbieten kann, umso mehr Möglichkeiten habe ich auch zu helfen.“

Beim Dialog zwischen Komplementärmedizin und Schulmedizin seien die USA schon deutlich weiter als Österreich: Dort gebe es bereits mehrere wichtige Universitäten, wo man Integrative Medizin vollinhaltlich studieren könne. Aber auch in Europa bestehen bereits an mehreren Universitätskliniken Institute und Zentren für Komplementärmedizin. „In Österreich beschränkt man sich leider nach wie vor auf müßige Grundsatzdiskussionen der existenziellen Berechtigung zwischen beiden medizinischen Themen.“ Dem Dachverband gehe es aber um einen Brückenbau: „Schließlich muss man bei gesundheitlichen Beschwerden oft nicht mit großen Geschützen auffahren, sondern kann den Patienten auch mit milden Verfahren helfen.“

"Ein seriöses Angebot auf ärztlicher Basis"

Der Internist und Intensivmediziner Univ.-Prof. Michael Frass ist Spezialist für „Homöopathie bei malignen (bösartigen, Anm.) Erkrankungen.  „Jeder weiß, dass speziell Krebspatienten komplementärmedizinische Methoden in Anspruch nehmen“, sagt  er im Schau-TV-Interview mit Martina Salomon, stv. KURIER-Chefredakteurin: „Deshalb wäre es unklug, hier wegzuschauen – denn nicht jede komplementärmedizinische Methode ist ungefährlich.“

Michael Frass im Gespräch mit Martina Salomon. © Bild: Kurier/Gerhard Deutsch

Der  Dachverband für ärztliche Ganzheitsmedizin stehe für ein seriöses Angebot für die Patienten auf ärztlicher Basis: Ganzheitsmedizin sehe den Patienten als Ganzes: „Und das sind neben den durch Messungen erfassbaren Teilen des Menschen auch die nicht messbaren. Damit kann man für die Patienten oft sehr viel mehr tun, als wenn man nur einen Teil der Medizin – die  Schulmedizin oder konventionelle Medizin – anwendet.“

Oft entstehe der Eindruck, dass in der Öffentlichkeit der Komplementärmedizin ein sehr starker Gegenwind entgegengebracht wird: „Dem wollen wir entgegenwirken. Wir sind alle ausgebildete Ärzte und haben noch ein Zweitstudium – die Ausbildung zum Komplementärmediziner – absolviert, mit einem theoretischen und einem praktischen Teil.“ Und die Wirkung der Verfahren könne man nicht auf die Effekte der verstärkten Zuwendung zu den Patienten reduzieren. Vorwürfe, Beweise der Wirksamkeit fehlten, stimmten längst nicht mehr: „Es gibt eine Fülle von Studien.“