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Faktencheck
05/03/2021

Frau verlor Hirnwasser nach falschem Nasen-Rachenabstrich

Laut HNO-Experten ist sehr viel schief gelaufen. Es handelt sich um eine "extreme Rarität". Kein Grund zur Sorge.

von Elisabeth Gerstendorfer

Es klingt nach einer Horror-Meldung, die aktuell kursiert: Eine Frau im niedersächsischen Osnabrück soll im Jänner bei einem Nasen-Rachenabstrich derart verletzt worden sein, dass sie anschließend über Wochen Hirnwasser verlor. Zunächst habe die Frau unter Kopfschmerzen gelitten, wie die Neue Osnabrücker Zeitung berichtet. Die klare Flüssigkeit, die ihr aus der Nase lief, wurde erst später als Hirnwasser identifiziert. Im April wurde die Verletzung der Frau festgestellt und in einer 90-minütigen Operation behoben. Doch was steckt tatsächlich dahinter? 

Konrad Sommer, Chefarzt der Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde im Marienhospital Osnabrück, erklärte gegenüber der Zeitung, dass es sich um eine „absolute Rarität“ handle.

Faktencheck

Der KURIER fragte bei Konrad Sommer in Osnabrück nach, der die Patientin behandelte. „Das Hauptproblem war, wie der Test bei ihr stattgefunden hat."

"Die Testerin stand etwas erhöht, zusätzlich hatte die Patientin den Kopf in den Nacken gelegt und die Testerin hat das Stäbchen nach oben Richtung Augenhöhle eingeführt, also eine komplett falsche Anwendung durch die Testerin und das ganze Setting des Tests war falsch“, erklärt Sommer. Der HNO-Experte betont allerdings, dass ein derartiger Vorfall, bei dem mehrere Dinge falsch laufen, extrem selten ist.

Richtiger Abstrich

Das Stäbchen sollte nie nach oben eingeführt werden, sondern stets in Richtung der Ohrmuscheln, also parallel zum Gaumen. Das betont auch Christian Müller, Leiter der Allgemeinen Ambulanz an der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten an der MedUni Wien. „Derjenige, der den Abstrich macht, sollte geschult sein. Wenn man wo ansteht, darf man nicht mit Druck dagegen gehen – mit Gewalt darf man keinen Abstrich machen. Es darf kein Widerstand sein und wenn doch, dann geht es nicht, dann muss man den Abstrich über den Mund nehmen“, so Müller.

Schädelknochen durchstoßen "ausgeschlossen"

„Die Schädelbasis, also der Knochen, der die Nasenhaupthöhle und die Nasennebenhöhle vom Gehirn abtrennt, ist großteils relativ dick und schützt das Gehirn sehr gut. Dass man bei einem gesunden Menschen bei korrektem Einführen des Stäbchens die Schädelbasis durchstößt, ist ausgeschlossen“, betont Müller.

Der Schädelbasisknochen, auch Rhinobasis genannt, ist ein stabiler Knochen, der nur an der Stelle, wo die Riechnerven ins Gehirn kommen, dünner ist. Dort kommt allerdings das Wattestäbchen beim Abstrich nicht hin – außer in dem äußerst seltenen Fall der betroffenen Frau aus Osnabrück.

Nur bei Vorschäden möglich

„Das Gehirn befindet sich im Liquor, der Hirnflüssigkeit, und wird über die Hirnhäute und den Schädelknochen geschützt. Die Hirnhaut, die innen am Schädelknochen anliegt, ist die harte Hirnhaut. Erst wenn Knochen und Hirnhaut einen Defekt aufweisen, ist es möglich, dass Hirnflüssigkeit in die Nase gelangt“, sagt Müller.

Dies könne nach Operationen entstehen, nach einer mechanischen Schädigung, also einem Schädel-Hirn-Trauma mit leichter Verschiebung des Schädelknochens, nach Entzündungen oder durch spontane Fistelbildung – es liegt jedenfalls eine Diagnose vor, die behandlungsbedürftig ist. „Es ist denkbar, dass bei einem Patient, bei dem bereits Vorschäden vorliegen, und bei dem dann noch der Abstrich nach oben hin gemacht wird, statt zum Nasenboden hin, es zu einer Verletzung kommen kann. Das ist aber ebenfalls extrem unwahrscheinlich“, betont Müller.

Aus seiner Tätigkeit in der HNO-Ambulanz des Wiener AKH sind Müller keine ähnlichen Fälle bekannt.

Was kann man selbst tun?

Für die zu testende Person sei es wichtig, den Kopf bei nicht gehobenem Kinn gerade zu halten. Ein Zurückneigen des Kopfes sei kontraproduktiv und führe geradewegs in Richtung der Schädelbasis, lautet die Empfehlung des HNO-Leitfadens der Ärztekammer.

Müller empfiehlt zudem, die Nasenseite auszusuchen, wo man mehr Luft bekommt, denn dort tue es weniger weh, wenn das Wattestäbchen an der Nasenscheidewand ankommt. Diese Berührung könne brennen und unangenehm sein, aber sollte keine Schmerzen auslösen. „Der Abstrich erfolgt Richtung Ohrläppchen, entlang des Nasenbodens, also parallel zum Gaumen, nicht nach oben entlang des Nasenrückens“, erklärt Müller.

Nicht verunsichern lassen

Auch Konrad Sommer, der die Patientin mittlerweile entlassen konnte – ihr geht es wieder gut – betont: „Dieser Fall sollte andere nicht verunsichern. Wenn Laien Tests durchführen, sollte aber ein Mindestmaß an anatomischen Kenntnissen vorhanden sein.“ Wer Ängste beim Abstrich hat, solle dies mit der abstreichenden Person besprechen und könne durchaus sagen, dass der Abstrich Richtung Ohrmuschel erfolgen soll und niemals nach oben.

Die Österreichische Ärztekammer verwies zu Beginn der Massentests in Österreich jedenfalls darauf, dass die Abstriche fachgemäß ausgeführt werden sollen. „Zum Start der Massentests wurde dokumentiert, dass es bei den Abstrichen durch Laien zu falsch durchgeführten Abstrichnahmen gekommen ist. Eine fachkundige Vorgehensweise ist von besonderer Wichtigkeit – nicht nur, um ein korrektes Testergebnis zu erhalten, sondern auch, um Verletzungsrisiken zu vermeiden“, betonte ÖÄK-Präsident Thomas Szekeres Anfang Dezember. Dazu wurde ein Leitfaden zur korrekten Technik und den Risiken der Abstrichnahme aus dem Nasenrachen erstellt. 

Hierzulande gebe es in einigen Bundesländern außerdem bereits die Möglichkeit, PCR-Gurgeltests in Anspruch zu nehmen. Das Angebot wird stetig ausgeweitet. Es gebe aber keinen Grund zur Sorge.

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