© Antun Mauch

Interview
01/31/2021

Erdbeben + Corona: „Im Gehirn schrillen ständig die Sirenen“

Ausnahmezustand: Eine Zagreber Psychologin über die Ängste ihrer Landsleute, kollektives Trauma und konkrete Hilfe.

von Uwe Mauch

Das Coronavirus greift auch unsere Psyche an. Darüber hat der KURIER berichtet. Doch was, wenn nach dem Covid-19-Lockdown die Erde nicht aufhört zu beben, wenn die eigenen vier Wände keine Sicherheit mehr bieten?

Die schweren Erdbeben in Mittelkroatien haben nicht nur Häuser unbewohnbar gemacht, sie haben mehr als eine Million Menschen im Großraum Zagreb mental und körperlich angegriffen, auch solche, die zuvor gut geerdet im Leben standen.

Zu Schock und Angst gesellt sich jetzt Erschöpfung, weiß Marina Ajduković. Die Professorin für Psychologie und soziale Arbeit an der Universität Zagreb untersucht mit ihrem Team die psychischen Probleme ihrer Landsleute.

KURIER: Worunter leiden die Menschen nach zehn Monaten Erdbeben am meisten? Marina Ajduković: Unter dem Kontrollverlust, dem permanenten Gefühl, dass sie sich gegen diese Naturkatastrophe nicht wehren können.

Viele klagen jetzt, dass das schlimmer ist als Krieg.

Wir haben ausführlich zu den posttraumatischen Störungen nach unserem Krieg (1991 bis 1995; Anm.) geforscht. Der Unterschied: Im Krieg kennt man zumindest die Richtung, aus der ein Angriff zu erwarten ist. Das ist schon anders bei Corona, weil das Virus unsichtbar ist. Aber auch dagegen kann man sich einigermaßen schützen.

Aber nicht gegen die monatelange Angst vor Erdbeben.

Ja, wenn es einem öfters den Boden unter den Füßen wegzieht, ist das schlimmer. Im Gehirn schrillen ständig die Sirenen, Organe und Muskeln sind ständig mobilisiert.

Was löst das auf Dauer aus?

Bei unseren Befragungen geben die Leute an, dass sie schlecht schlafen, Albträume und Probleme mit der Verdauung haben, dass sie sich nicht konzentrieren können, sich nicht entspannen und das Leben nicht mehr genießen können. Wir stellen viele stressbedingte Symptome wie depressive Verstimmungen oder erhöhten Blutdruck fest.

Wer leidet am meisten?

Zunächst jene gar nicht kleine Gruppe aus meiner Generation. Da gibt es viele, die ihr Kriegstrauma nie wirklich verarbeiten konnten und die jetzt durch Corona und Erdbeben retraumatisiert werden. Die Region rund um Petrinja wurde nach dem Krieg im Vergleich zu Slawonien mit dem nationalen Symbol Vukovar arg vernachlässigt. Acht Jahre nach Kriegsende mussten wir feststellen, dass dort noch immer jeder Fünfte traumatisiert war. Es gibt aber auch in Zagreb viele Traumatisierte, vor allem die Unsichtbaren, die Armen, die weniger Gebildeten in den Vorstädten und in den Hinterhöfen der Hauptstadt.

Was macht dieser Cocktail aus Erdbeben plus Corona mit den Menschen?

Ich bin noch immer schockiert, dass wir über diese Frage nicht schon längst intensiv diskutiert haben. Nach den ersten schweren Beben im März des Vorjahrs ist man hier sehr schnell zur Tagesordnung übergegangen. Dann hieß es nur mehr „Covid, Covid, Covid“. Und derzeit redet man nur über die Erdbeben in Petrinja. Dabei ist es wichtig, dass wir uns die Langzeitfolgen ansehen. Wir können doch nicht so tun, als würde die Bevölkerung nicht schon seit Monaten unter der Mehrfachbelastung leiden. Noch ein unbearbeitetes kollektives Trauma wie nach dem Krieg wäre eine Schande für dieses doch entwickelte Land.

Wie kann geholfen werden?

Zurzeit heißt die Devise: Helfen wir den Helfern! Es sind so viele Freiwillige im Einsatz, die mit der Situation selbst nur schwer zurechtkommen. Die müssen wir stabilisieren. Dann müssen wir mit allen ins Gespräch kommen, die etwas loswerden möchten. Denen müssen wir Erste Hilfe leisten. Wir müssen ihnen in möglichst einfacher Sprache erklären, was mit ihnen, ihrem Körper und mit der Welt gerade passiert. Wenn sich dann die Lage einigermaßen wieder normalisiert, müssen wir für alle da sein, die Hilfe benötigen.

Und in weiterer Folge?

Müssen wir Lehrer, Ärzte, Krankenhauspersonal und alle anderen, die mit unseren Traumatisierten zu tun haben, für das Thema sensibilisieren, und zwar schon in ihrer Ausbildung. Sie müssen verstehen, warum Traumatisierte heute schnell Misstrauen aufbauen, müde, böse, genervt, irritiert wirken.

Ivica Vastic, Fußballtrainer mit familiären Wurzeln in Kroatien, derzeit auch Testimonial der KURIER-Hilfsaktion: „Für die Kroaten ist es  eine Herzensangelegenheit, den Erdbebenopfern zu helfen. Umso mehr freut mich die Spendenaktion des KURIER. Ich fühle mit den Betroffenen mit. Mein Bruder wohnt in einem Hochhaus in Zagreb, von ihm weiß ich, wie bedrohlich die Beben sind.“

 

Gemeinsam stark: Der KURIER kooperiert bei seiner Spendenaktion mit den beiden Hilfsorganisationen Rotes Kreuz und Caritas. Darüber hinaus unterstützen erfahrene Mitarbeiter des AußenwirtschaftsCenter Zagreb der Wirtschaftskammer (WKÖ) die Aktion mit ihrer in Kroatien erworbenen Expertise.

Caritas: Kennwort: „Kroatienhilfe KURIER“. Der IBAN des Spendenkontos der Caritas lautet: AT23 2011 1000 0123 4560

Rotes Kreuz: Kennwort: „KURIER Erdbebenhilfe Kroatien“.  Der IBAN des Rot-Kreuz-Spendenkontos lautet: AT57 2011 1400 1440 0144

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.