© Antun Mauch

Reportage
01/24/2021

Erdbeben in Kroatien: Wenn das Lebenswerk wegbricht

Die ersten Wohncontainer wurden aufgestellt. Sie können die zerstörten Häuser nicht ersetzen, aber sie bieten Schutz gegen die Kälte.

von Uwe Mauch

Wie viele Verluste kann ein Mensch in seinem Leben verkraften? Djurdja Dražetić aus dem Dorf Sibić unweit der mittelkroatischen Stadt Petrinja steht vor den Trümmern ihres Hauses und spricht sich Mut zu: „Vom Weinen alleine kann ich doch nicht leben.“

Das schwere Erdbeben kurz vor dem Jahreswechsel hat die vordere Hausmauer komplett weggerissen. Der Stromzähler liegt im Schutt. Der Kleiderkasten ihres verstorbenen Mannes steht offen: fein sortiert darin seine Sakkos, Hosen und Hemden.

„Mit ihm habe ich dieses Haus gebaut“, erzählt die 69-jährige Witwe in dem beinahe ausgestorbenen Dorf. „Mit ihm musste ich im Krieg unser Haus für mehrere Jahre verlassen. Bis zu seinem Tod war er bettlägrig. Er fehlt mir sehr. Hätte er jedoch noch gelebt, hätte ihn die Mauer in seinem Bett erschlagen.“

Am Vorabend haben ihr Freiwillige der Caritas einen Wohncontainer geliefert, diesen gut verankert und mit Wasser und Strom versorgt. Der schmucklose weiße Container ist vier Schritte breit und zehn Schritte lang, er enthält Bad, WC, rudimentär eine Küche mit E-Herd, einen Tisch, zwei Sessel beim Fenster sowie vier Stockbetten.

„Er ist großartig“

Bei allen, die dafür gespendet haben, möchte sich Djurdja Dražetić bedanken. Nie wird der Container ihr Haus ersetzen, doch im Moment rettet er sie über den strengen Winter: „Er ist großartig, es ist warm hier herinnen“, erzählt die Pensionistin nach 14 durchwachten Nächten in einem nicht winterfesten Wohnwagen.

Noch immer gibt es entlegene Dörfer, in denen die Menschen im Auto, im Stall oder im Keller ihres Hauses übernachten. Erst langsam bahnen sich die Helfer ihren Weg zu ihnen. Täglich rollen immerhin neue Baucontainer, Wohnwägen und Wohnheime in das seit dem Krieg bitterarme Erdbebengebiet. Es hat den Anschein, dass hier inzwischen mehr mobile Wohneinheiten geparkt sind als auf den Campingplätzen entlang der kroatischen Adriaküste.

Die Container der Caritas werden in Kroatien gefertigt. Es wurden und werden darüber hinaus mobile Wohneinheiten aus halb Europa, auch aus Österreich, geliefert. Zum Beispiel 82 Container des Innenministeriums, die Feuerwehren aus Niederösterreich und der Steiermark nur wenige Stunden nach dem Beben unter großem Applaus der kroatischen Öffentlichkeit in das Krisengebiet transportiert hatten.

Mit Spenden der KURIER-Leser werden in den nächsten Tagen weitere Container angeliefert und mit Heizkörpern, Küchengeräten und Internetzugängen ausgestattet. Spontan hat sich auch der in Liezen bzw. im Tourismus angesiedelte Familienbetrieb Gebetsroither der Hilfsaktion angeschlossen. So versicherte Harald Gebetsroither nach seiner Ankunft als Helfer in Petrinja: „Wir werden sechs komplett ausgestattete Wohnheime zur Verfügung stellen.“

Noch immer bebt die Erde im Landkreis nicht einmal 50 Kilometer südöstlich von Zagreb. Die Seismologen zählen bald 1.000 Beben. Djurdja Dražetić fürchtet sich nicht mehr: „Im Container fühle ich mich einigermaßen sicher.“

Sie hat beschlossen, sich nicht aufzugeben: „Im Frühjahr möchte ich in meinem Garten nach dem Rechten sehen, meine zehn Hühner werden mir auch helfen.“ Einstweilen gilt es, der Kälte im Container zu trotzen. Diesen teilt sie übrigens nächtens mit drei ebenso obdachlosen Nachbarn aus ihrem Dorf.

Ivica Vastic ist das Testimonial der KURIER-Spendenaktion, der österreichische Fußballtrainer mit familiären Wurzeln in Kroatien (seine Mutter wohnt bei Split, sein älterer Bruder Albert in der kroatischen Hauptstadt Zagreb), betont: "Für die Kroaten ist es eine Herzensangelegenheit, den Erdbebenopfern zu helfen. Umso mehr freut mich die Spendenaktion des KURIER. Ich fühle mit den Betroffenen mit. Mein Bruder wohnt in einem Hochhaus in Zagreb, von ihm weiß ich, wie bedrohlich die Beben sind."

 

Freiwillige: Sie verteilen auch Spenden aus Österreich

Die Polizisten der Republik Kroatien haben längst Erfahrung mit den Hilfskonvois aus Österreich: An der Grenze  überprüfen sie kurz und unbürokratisch die Papiere, dann geht es mit Blaulicht in Richtung Sisak, Petrinja, Glina. Dieses Szenario wiederholt sich auch an diesem Sonntag.

In Kroatien selbst ist die Hilfe der Freiwilligen nicht enden wollend – und damit auch unbezahlbar. „Ich könnte nicht schlafen, würde ich hier nicht helfen“, erklärt Štefica Škara in einer der Caritas zur Verfügung gestellten Lagerhalle am Stadtrand von Sisak. Die Lehrerin aus dem nahe gelegenen Velika Gorica hilft heute mit Freundinnen beim Paketieren von Kartoffeln und Karotten. In der Halle sind 300 Freiwillige, alle mit gelber Weste und klar definierter Aufgabe, im Einsatz.

Auf viele Freiwillige kann auch das Rote Kreuz im Erdbebengebiet zählen. Das ist auch deshalb wichtig, weil die kroatische Blaulichtorganisation nach der aktuellen Naturkatastrophe als offizieller Partner der Regierung in Zagreb und im Landkreis um Sisak und Petrinja agiert.

Daneben gibt es viele private Initiativen:  zum Beispiel jene des Buchhalters Ivan Pejnović und seiner Freunde, die seit mehr als drei Wochen täglich von Zagreb in ein fast vergessenes Dorf zwischen Petrinja und Glina fahren, um dort für die Not leidenden Bewohner, aber auch für freiwillige Helfer bis zu 600 Portionen pro Tag in ihren Zelten zu kochen.

Pejnović bilanziert stolz: „Bisher sind achtzig Leute unserem Aufruf gefolgt. Weil jeder jemanden mitbringt.“ Die freiwilligen Helfer kommen aus Dubrovnik ebenso wie aus Vukovar. Sie helfen nebenbei, Ressentiments aus dem Krieg zu überwinden.

Auch Unternehmen aus Österreich, die in Kroatien viel Geld investiert haben und generell einen guten Ruf als Arbeitgeber genießen, helfen im Erdbebengebiet, berichtet Sonja Holocher-Ertl, Leiterin des AußenwirtschaftsCenter in Zagreb.

Gemeinsam stark: Der KURIER kooperiert bei seiner Spendenaktion mit den beiden Hilfsorganisationen Rotes Kreuz und Caritas. Darüber hinaus unterstützen erfahrene Mitarbeiter des AußenwirtschaftsCenter Zagreb der Wirtschaftskammer (WKÖ) die Aktion mit ihrer in Kroatien erworbenen Expertise.

Caritas: Kennwort: „Kroatienhilfe Kurier“ Der IBAN des Spendenkontos der Caritas lautet: AT23 2011 1000 0123 4560

Rotes Kreuz: Kennwort: „Kurier Erdbebenhilfe Kroatien“.  Der IBAN des Rot-Kreuz-Spendenkontos lautet: AT57 2011 1400 1440 0144

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