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Wissen Gesundheit
06/30/2020

Chinesische Forscher warnen vor neuem Schweinegrippe-Virus

Ein neuer Virusstamm, der auch Menschen gefährlich werden könnte, wird in Schweinen in China häufiger. Wie Experten die Gefahr einschätzen.

Eine neue Pandemie auf eine sich noch immer ausbreitende Pandemie: Das ist so ziemlich die schlimmste Vorstellung für viele Wissenschafter. Dass dies aber nicht völlig auszuschließen ist, zeigt jetzt eine neue Studie. Darin warnen chinesische Forscher vor einem neuen Influenzavirus-Stamm mit der Bezeichnung G4. Dieser Stamm hat Ähnlichkeiten mit dem Schweinegrippevirus von 2009/2010.

Für die Studie - sie erschien im Fachmagazin PNAS  -  wurden Nasenabstriche von fast 30.000 Schweinen aus Schlachthäusern in zehn Provinzen analysiert. Diese Abstriche wurden zwischen 2011 und 2018 entnommen. Dabei fanden die Wissenschaftler 179 Influenzavirusvarianten, bei einem Großteil davon handelte es  sich um den Stamm G4.

"Die Häufigkeit dieses G4-Virus hat seit 2016 in diesen Schweinen stark zugenommen und es ist der dominierende Typ, der in den Schweinen zirkuliert", schreiben die Forscher. Und: "Diese G4-Viren haben alle essenziellen Kennzeichen, die sie zu einem Kandidaten für ein pandemisches (sich weltweit ausbreitendes, Anm.) Virus machen." Allerdings sind diese 30.000 Tiere nur ein ganz kleiner Ausschnitt der Realität: Insgesamt gibt es 500 Millionen Schweine in China.

"Die präsentierten Daten zeigen, dass das ein Schweinegrippe-Virus ist, das dazu bereit ist, im Menschen aufzutauchen", kommentiert der australische Evolutionsbiologe Edward Holmes in Science die Studie. "Man muss das genau überwachen." Zumal Laborstudien gezeigt haben, dass diese Viren Zellen aus dem Atemwegstrakt infizieren und sich darin gut vermehren können. Und es lassen sich auch Frettchen damit leicht infizieren.

"Weckt Sorgen"

Besorgniserregend sei, dass Arbeiter in den Schweinefabriken zunehmend Antikörper gegen das Virus zeigen - Infektionen der Arbeiter mit dem Erreger werden also häufiger. 35 von 338 Arbeitern (10,4 Prozent) hatten bereits eine Infektion hinter sich, bei den 18- bis 35-Jährigen waren es sogar 20,5  Prozent. In der Allgemeinbevölkerung konnten die Forscher bei 4,4 Prozent Antikörper nachweisen. Es gebe Anzeichen, dass die Infektiosität des Virus zugenommen habe. "Das erhöht aber die Gelegenheit für eine Anpassung des Virus an den Menschen und weckt Sorgen im Hinblick auf eine künftige Generation an pandemischen Viren", schreiben die Wissenschafter in ihrer Studie.

Allerdings: Bisher handelt es sich offenbar um reine Infektionen vom Schwein zum Menschen. Bei zwei Personen, bei denen eine akute Infektion beobachtet wurde, gab es keine Sekundärinfektion zu weiteren Personen.

Auch wenn die chinesischen Forscher betonen, dass eine stärkere Überwachung notwendig ist, halten viele Experten das Risiko einer weiteren Pandemie zum jetzigen Zeitpunkt noch für gering.

"Influenza kann überraschen"

"Die Wahrscheinlichkeit, dass diese spezielle Virusvariante eine Pandemie auslöst, ist sehr gering", zitiert Science die US-Evolutionsbiologin Martha Nelson, die Schweine-Influenzaviren in den USA und ihre Ausbreitung auf Menschen untersucht. "Aber die Influenza kann uns überraschen, und es besteht die Gefahr, dass wir Influenza und andere Bedrohungen negieren."

Eine Hoffnung zerstreuen die Experten übrigens gleich ganz zu Beginn ihrer Studie: Ihre Daten deuten daraufhin, dass eine Infektion mit dem Schweinegrippevirus keinen Schutz vor G4-Viren bietet.