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30.03.2018

Autismus: Wie ein Schulsprecher Vorurteile widerlegt

Welt-Autismus-Woche: 80.000 Menschen in Österreich leben mit der Diagnose. Viele leiden auch heute unter Stigmatisierung.

Der junge Mann weiß genau, was er will. Auf die Frage, was er eventuell einmal machen wird, antwortet er dezidiert: „Lehrer oder Politiker.“ Nachsatz zum Politiker: „Wie man einen Wahlkampf führt, das habe ich bereits gelernt.“

Und wie! Florian G. hat bei der Wahl zum Schulsprecher des Evangelischen Realgymnasiums in Wien-Donaustadt einen Erdrutschsieg errungen. Drei von vier Mitschülern haben für den Jungspund aus der 5B gestimmt. Dass er einer von geschätzt 80.000 Menschen in Österreich ist, die mit einer Autismus-Diagnose leben, hat bei diesem Votum so gut wie keine Rolle gespielt.

„Die Lehrer meiner Schule haben mich bisher sehr gefördert“, betont einer, der bereits im Kindergarten immer als Außenseiter gesehen wurde und der sich auch selbst immer am Rand der Gruppe sah.

„Das war eine Erlösung“

Die vier Jahre in der Volksschule beschreibt er sogar als Horror. Schon der Schulbeginn sei für ihn ein schier unüberwindbares Problem gewesen: „Ich wollte damals nicht einsehen, warum im September etwas Neues starten soll. Ich war fest davon überzeugt: Weder der Kalender noch das Kirchenjahr beginnen im September.“

Seine Mutter, die sich viele Vorwürfe machte, suchte anerkannte Ärzte und Psychologen auf. Doch die Experten waren sich alles andere als einig: Sie werteten Florians Verhaltensauffälligkeit in dieser Reihenfolge als nicht vorhandene Schulreife, als Hyperaktivität und dann als Wahrnehmungsstörung.

Erst eine Psychologin der Autistenhilfe stellte ein Asperger-Syndrom fest. Dessen Merkmale sind Schwächen in der sozialen Interaktion sowie stereotypes Verhalten mit eingeschränkten Interessen.

„Das war eine Erlösung“, sagt Florian G. mit einem Seufzer. „Endlich wusste ich, was mit mir los ist.“ Zuvor hatte er unter seiner Stigmatisierung sehr gelitten. „Auch dann, wenn Ärzte mit meiner Mutter in der dritten Person über mich sprachen.“

Kein Vorwurf

Dass seine Störung nicht früher erkannt wurde, will er den Fachleuten hingegen nicht zum Vorwurf machen: „Das war gar nicht so einfach. Denn ich bin weder Monk noch Rain Man. Es ist eher so, dass ich von beiden Anteile in mir trage.“

Wow! So viel Selbstreflexion – und das schon mit 15.

Seine Lehrer und Begleitlehrer in der Diakonie-Schule haben ihn bei seiner Persönlichkeitsentwicklung immer unterstützt, sagt er. „Von Anfang an haben sie mich mit meinen besonderen Bedürfnissen ernst genommen.“

Ein Beispiel von vielen sind die Schulpausen, die von autistischen Kindern oft gefürchtet werden, weil ihnen da die klaren Strukturen der Unterrichtsstunde abhandenkommen und das pure Chaos über sie hereinzubrechen droht. „Doch für mich finden sich immer Lehrer, die mit mir über den ATX oder andere tagespolitische Themen diskutieren wollen.“

Und er wäre nicht der geborene Schulsprecher, wenn er ihnen nicht auch deutlich machen würde: „Diese Schule ist weiß Gott nicht schlecht, aber das heißt noch lange nicht, dass sie perfekt ist.“

Der kritische Geist spricht selbstbewusst von einem Geben und Nehmen: „An unserer Schule unterrichten viele jüngere, sehr aufgeschlossene Lehrer. Und ich darf sagen, dass einige auch schon von mir etwas gelernt haben.“

Als besondere Stärke des Evangelischen Gymnasiums beschreibt der Schüler die soziale Durchmischung: So haben von den 24 Schülern in seiner Klasse fünf Autismus, weitere zwei eine diagnostizierte Lernschwäche. Fünf Schüler haben Fluchterfahrung. Allen Unkenrufen zum Trotz hat sich die neue Einrichtung binnen weniger Jahre einen guten Ruf im Wiener Schulwesen erarbeitet.

Florian G. wünscht sich, dass das Beispiel seiner Schule Schule macht. Und dass man Autismus nicht mehr als Schimpfwort verwendet. Menschen, für die sich ein sanftes Klopfen bereits wie ein Presslufthammer anfühlt oder für die ein Telefonat zur größten Herausforderung des Tages werden kann, „verdienen einfach mehr Respekt“.

Und Florian G. verdient es gehört zu werden, nicht nur zum Welt-Autismus-Tag.

Ein Weckruf der UNO

Die laufende „Autismus-Woche“ endet  mit dem Welt-Autismus-Tag am 2. April. Dieser wurde von der UNO ausgerufen, als Weckruf für mehr Achtsamkeit gegenüber einfachen Bildern und Vorurteilen.

Da sein, unterstützen, stärken – damit lässt sich Menschen mit Autismus-Diagnose wirksam helfen. In Österreich leben laut Schätzungen derzeit rund 80.000 Betroffene.

Die Diakonie unterstützt und stärkt Menschen mit Autismus: unter anderem mit inklusiven Schul-, Frühförderungs- und Wohnprogrammen sowie eigenen Beratungsstellen.

Nähere Infos unter: www.diakonie.at