Abnehm-Medikamente: Wirksam, aber nicht ohne Risiken
Die bisherigen Abnehmmedikamente werden mittels Spritze verabreicht. Tabletten werden bald erwartet.
Mit den Abnehmmedikamenten können Menschen mit Adipositas innerhalb eines Jahres bis zu ein Viertel ihres Ausgangsgewichts abnehmen. Für viele, die unter Folgeerkrankungen des Übergewichts leiden und schon zahlreiche erfolglose Abnehmversuche hinter sich haben, sind die Mittel ein lang ersehnter Hoffnungsschimmer.
Zugelassen sind sie für Menschen ab einem Body Mass Index (BMI) von 30 kg/m² sowie ab einem BMI von 27 kg/m², wenn Zusatzerkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen bestehen. Doch auch immer mehr Menschen, die diese Kriterien nicht erfüllen, greifen zu den Spritzen, um überschüssige Kilos abzubauen.
Nebenwirkungen werden oft beiseite geschoben
Dass es sich bei den oft als „Abnehmspritzen“ bezeichneten GLP-1-Rezeptoragonisten um ein Medikament mit potenziellen Nebenwirkungen handelt, wird dabei beiseite geschoben. Vor allem in den ersten Wochen, wenn die Dosis gesteigert wird, kann es zu Durchfall oder Verstopfung kommen. „Sehr häufig sind Übelkeit und ein unangenehmes Völlegefühl, weil das Essen länger im Magen bleibt. Auch von Sodbrennen berichten viele Patienten – von Erbrechen, wie es in einigen Studien beschrieben wird, höre ich im Alltag hingegen kaum“, sagt Internistin Johanna Brix, Leiterin der Adipositasambulanz der Klinik Landstraße.
Diese Beschwerden lassen meist nach, wenn sich der Körper an das Medikament gewöhnt. Einige mögliche Nebenwirkungen entstehen, weil man durch das Medikament weniger isst – es verlangsamt die Magenentleerung, sodass das Sättigungsgefühl länger anhält. Dadurch essen die meisten kleinere Portionen und verlieren so Gewicht. Brix: „Weniger Kalorien heißt oft auch weniger Vitamine und Spurenelemente, was etwa zu Haarausfall führen kann. Man muss bei Verwendung der Abnehmmedikamente darauf achten, was man isst und dass man gesund isst.“
Vielen falle dies zwar leichter als ohne die Medikamente, da Heißhunger auf Süßes oder andere ungesunde Lebensmittel meist zurückgeht. Wer aber seine Ernährung nicht umstellt, sondern zwar weniger, aber ungesund isst, kann Mangelerscheinungen entwickeln.
Internistin Johanna Brix ist "kein Fan des schnellen Gewichtsverlusts".
Risiko von Gallensteinen
Eine weitere mögliche Folge, die im Auge behalten werden sollte, ist die Bildung von Gallensteinen. Vor allem, wenn der Gewichtsverlust schnell erfolgt, steigt das Risiko für Gallensteine, weil sich die Zusammensetzung und der Abfluss der Galle verändern. Durch den Abbau von Körperfett wird mehr Cholesterin freigesetzt, das über die Galle ausgeschieden wird – schmerzhafte Gallensteine können entstehen. Gleichzeitig wird bei sehr fettarmer oder insgesamt geringer Nahrungsaufnahme die Gallenblase seltener entleert. Die Galle staut sich, was die Steinbildung zusätzlich begünstigt.
Zudem können Entzündungen der Bauchspeicheldrüse auftreten – auch in Zusammenhang mit Gallensteinen. Adipositas und Diabetes sind aber per se Risikofaktoren für eine Bauchspeicheldrüsenentzündung. „Die Zusammenfassung der Produktmerkmale für Mounjaro warnt, dass Gallensteine, Gallenblasenentzündung und Bauchspeicheldrüsenentzündung gelegentliche Nebenwirkungen sind – sie können bis zu eine von 100 Personen betreffen“, heißt es dazu von Hersteller Eli Lilly.
"Kein Fan des schnellen Gewichtsverlusts"
Auch bei den Abnehmmedikamenten von Novo Nordisk sind diese Komplikationen als mögliche Nebenwirkung in Fachinformation und Beipackzettel angeführt. „Ich bin kein Fan des schnellen Gewichtsverlusts – es ist aber ein Dilemma, weil das Medikament selbst zu zahlen ist. Gleichzeitig freut man sich, wenn die Gewichtsabnahme funktioniert und es kommt immer wieder vor, dass Menschen selbst mit der Dosis experimentieren, weil sie hoffen, dass es noch schneller geht – dazu muss man aber sehr gut aufgeklärt sein“, sagt Brix. Oft seien die Erwartungen an die Medikamente zu hoch und angefeuert durch rasche erste Erfolge.
Schwere Sehschädigungen in Dänemark
Schwere Nebenwirkungen sind selten. Kürzlich sorgten Berichte über eine mögliche Degeneration des Sehnervs mit bleibender Sehverschlechterung für Aufsehen. In Dänemark erhielten im November 2025 vier Patienten eine Entschädigung vom Staat, nachdem sie nach der Anwendung des Abnehmmedikaments Wegovy bzw. des Diabetesmedikaments Ozempic schwere Sehschäden erlitten hatten. Sie entwickelten die Augenkrankheit NAION (nicht-arteriitische anteriore ischämische Optikusneuropathie). Durch eine plötzlich auftretende Durchblutungsstörung des Sehnervs kommt es meist zu einem plötzlichen, schmerzlosen Sehverlust.
Bereits im Juni 2025 wurden in Übereinstimmung mit der EMA die EU-Fachinformation und die Patientenbroschüren für alle von Novo Nordisk vermarkteten Produkte mit Semaglutid – dem Wirkstoff von Wegovy und Ozempic – aktualisiert und NAION als sehr seltene Nebenwirkung, das heißt sie kann bis zu eine von 10.000 Personen betreffen, aufgenommen, antwortet der dänische Pharmahersteller auf KURIER-Anfrage. Und weiter: „Novo Nordisk hat eine Analyse aller klinischen Studien mit GLP-1-Rezeptoragonisten durchgeführt. Nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft lassen diese Daten keinen kausalen Zusammenhang zwischen der Anwendung von GLP-1-Rezeptoragonisten und NAION-Ereignissen erkennen.“ Zu den Risikofaktoren für NAION zählen unter anderem Adipositas, Diabetes, Bluthochdruck und Schlafapnoe. Der Hersteller des Konkurrenzprodukts, Eli Lilly, rät in der Fachinformation Patientinnen und Patienten, „vor der Einnahme von Mounjaro mit ihrem Arzt, ihrem Gesundheits- und Krankenpfleger oder ihrem Apotheker zu sprechen, falls sie ein Problem mit den Augen haben.“
Wirkung
Die in Abnehmmedikamenten enthaltenen Wirkstoffe regulieren den Appetit, indem sie ein oder mehrere Darmhormone nachahmen. Sie erhöhen das Sättigungsgefühl, man isst weniger und nimmt ab. Dazu müssen sie je nach Präparat wöchentlich oder täglich gespritzt werden.
17 Prozent
der Bevölkerung in Österreich über 15 Jahre gelten laut WHO-Definition als adipös. Jeder Zweite ist laut Österreichischer Adipositasgesellschaft übergewichtig (BMI zwischen 25 und 29 kg/m²).
Tabletten
Kurz vor Weihnachten wurde eine Abnehmtablette von Novo Nordisk in den USA zugelassen. 2026 wird neben der europäischen auch die Zulassung weiterer oraler Abnehmmedikamente erwartet. Sie müssen dann nicht mehr gespritzt werden.
Schilddrüsenkrebs?
Ebenfalls kein kausaler Zusammenhang wurde laut Novo Nordisk zwischen Schilddrüsenkrebs und bestimmten GLP-1-Rezeptoragonisten, darunter die Wirkstoffe Semaglutid und Liraglutid der Medikamente Wegovy, Ozempic und Saxenda, gefunden. Tierstudien hatten ein erhöhtes Risiko für Schilddrüsenkarzinome gezeigt, dies war auch bei Tirzepatid, dem Wirkstoff von Mounjaro, der Fall.
Bei Eli Lilly heißt es dazu, dass die „menschliche Relevanz dieser Befunde unbekannt ist“. Humanstudien wären zu widersprüchlichen Ergebnissen gekommen. Während einige auf ein erhöhtes Risiko hindeuteten, war dies bei anderen nicht der Fall. US-Forschende kamen im Jänner 2025 zu dem Schluss, dass möglicherweise verstärkte Wachsamkeit und Früherkennung das Risiko für die Diagnose eines Schilddrüsenkarzinoms erhöhe.
Beide Pharmaunternehmen betonen, dass Patientensicherheit oberste Priorität habe und alle Meldungen über Nebenwirkungen oder unerwünschte Wirkungen sehr ernst genommen werden.
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