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Faktencheck
04/16/2020

5G ist schuld und Chlor trinken hilft: Die Corona-Verschwörungstheorien

Die Corona-Pandemie bringt auch teils gefährliche Verschwörungstheorien hervor.

von Andreas Puschautz

Seit Beginn des Jahres hält SARS-CoV-2 die Welt in Atem, dennoch gibt es über viele Aspekte des neuartigen Coronavirus noch keine gesicherten Erkenntnisse. Auch, wann es Medikamente oder gar eine Impfung geben wird, ist nach wie vor ungewiss.

Ein Umfeld, wie gemacht für Verschwörungstheorien. Denn: Je verunsicherter Menschen sind, je weniger gesichertes Wissen es über ein Phänomen gibt, desto fruchtbarer ist der Boden, auf dem diese Theorien gedeihen.

Das Problem: Während sich Fake News, also als Nachrichten getarnte und widerlegbare Falschnachrichten, oftmals relativ leicht erkennen und aufklären lassen, ist das bei in die Welt gesetzten Gerüchten manchmal deutlich schwieriger.

So ergab auch eine vergangene Woche veröffentlichte Analyse der Universität Münster, „dass es, anders als Politiker, Journalisten und die Öffentlichkeit vermuten, kein nennenswertes Maß an frei erfundenen Nachrichten gibt”, wie Studienautor Thorsten Quandt sagte.

Vielmehr habe sich gezeigt, “dass sich die Alternativmedien während der Corona-Krise gerne die Faktenlage zurechtbiegen und Gerüchte sowie einzelne Verschwörungstheorien verbreiten".

In Bezug auf das Coronavirus teilen sich die kursierenden Theorien auf zwei große Themenkomplexe auf: Einerseits auf die Entstehung und Verbreitung des Virus und andererseits auf vermeintliche Kuren gegen die durch das Virus ausgelöste Lungenkrankheit Covid-19. Ein Überblick:

Ursprung: Labor

Eine der ersten Verschwörungstheorien war die Behauptung, SARS-CoV-2 wäre in dem 2017 in Wuhan gegründeten, nationalen chinesischen Labor für Biosicherheit gezüchtet worden und von dort wahlweise entkommen oder absichtlich freigesetzt worden. In der zentralchinesischen Stadt hatte die Coronavirus-Pandemie ihren Ursprung genommen. Eine These, die zuletzt auch US-Präsident Donald Trump wieder ins Spiel brachte.

Labortechniker testet Proben von Coronavirus-Verdachtsfällen in Wuhan

Eine internationale Forschergruppe verwies die Theorie des menschgemachten Virus jedoch bereits Mitte März ins Reich der Mythen. „Unsere Analyse zeigt klar, dass es kein Konstrukt aus dem Labor oder absichtlich verändertes Virus ist“, schrieben die Wissenschaftler im Fachjournal Nature Medicine.

Damit sind automatisch auch alle Theorien, die den Ursprung des Virus wahlweise dem US-Militär, dem Iran, der Pharmaindustrie oder Microsoft-Gründer Bill Gates (ja, wirklich) in die Schuhe schieben wollen, vom Tisch.

Verbreitung: 5G

Um den neuen Mobilfunkstandard ranken sich in einschlägigen Kreisen schon seit langem wildeste Verschwörungstheorien. Sogar Vögel sollen in 5G-Testgebieten vom Himmel gefallen sein (sind sie nicht). Kein Wunder also, dass 5G auch mit der Verbreitung des Coronavirus in Zusammenhang gebracht wird.

Der konkrete Vorwurf: Die Strahlung der 5G-Masten schädige das menschliche Immunsystem, weswegen das Virus leichtes Spiel habe. In Großbritannien wurden darum bereits Mitarbeiter von Telekommunikationsfirmen angegriffen und Brandanschläge auf Sendemasten verübt – letzteres geschah zuletzt auch in den Niederlanden.

Zwar haben Laborstudien, etwa an Mäusen, in der Vergangenheit Effekte von Mobilfunkstrahlung auf den menschlichen Körper nachgewiesen. Ob diese jedoch auch negative gesundheitliche Folgen nach sich ziehen – oder überhaupt nur mit der realen Strahlenbelastung vergleichbar sind, ist jedoch umstritten.

Darüber hinaus beziehen sich diese im Labor gemessenen Effekte auf eine potenziell krebserregende Wirkung der Mikrowellenstrahlung. Mit einer angeblich durch 5G ausgelösten Schwächung des Immunsystems hat das nichts zu tun.

Noch kruder ist freilich die Theorie, das Coronavirus wäre in die Welt gesetzt worden, um von 5G ausgelöste Gesundheitsschäden zu vertuschen.

Verbreitung: Grippeimpfung

Ebenfalls in Großbritannien verbreitete sich das Gerücht, Grippeimpfungen würden das Risiko, an Covid-19 zu erkranken, erhöhen. Der Ursprung dieser Verschwörungstheorie war ein falsch interpretiertes Zitat des Mediziners Jonathan Van-Tam in der BBC.

Der Virologe hatte gesagt, diejenigen, denen eine staatliche Grippeimpfung angeboten wurde, seien (abzüglich der Kinder) auch die Risikogruppe für das Coronavirus. Das wurde von manchen fälschlicherweise als Kausalität verstanden – oder bewusst so um-interpretiert, wie etwa von dem umstrittenen deutschen Arzt und Impfkritiker Rüdiger Dahlke, der diese Verschwörungstheorie via Facebook verbreitete.

Es handelt sich jedoch nur um eine Korrelation: Über 65-jährigen Britinnen und Briten sowie jenen mit bestimmten Vorerkrankungen wird eine kostenlose Grippeimpfung angeboten. Und das sind dieselben Risikogruppen wie für Covid-19.

Diagnose: Luftanhalten

Eine über Whatsapp verbreitete Kettennachricht behauptet, wer 10 Sekunden die Luft anhalten könne, ohne zu husten und ohne ein Engegefühl in der Brust zu verspüren, wäre nicht infiziert, denn diese Symptome würden auf eine Lungenfibrose hinweisen.

Ganz abgesehen von der generellen Gefahr solcher Selbstdiagnosen komplexer Erkrankungen: Eine Lungenfibrose ist kein Symptom einer Corona-Infektion.

Prävention: Zwiebeln

In der Wohnung oder im Haus verteilte, aufgeschnittene Zwiebeln sollen das Virus wie eine Art Magnet aus der Luft saugen können. Selbstverständlich funktioniert das nicht. Zwar haben Zwiebeln eine antimikrobielle Wirkung, schränken also die Wirkung von Bakterien ein.

Für eine entsprechende Wirkung bei Viren gibt es jedoch keine Beweise. Außerdem müssen Zwiebeln auch gegessen werden, um ihre Wirkung zu entfalten. Sie einfach ins Wohnzimmer zu legen, hat keinen Effekt.

Prävention: Sonnenbaden

Ein kurzes Sonnenbad und schon ist man vor SARS-CoV-2 geschützt. Klingt zu schön, um wahr zu sein? Ist es natürlich auch. Das Gerücht, das Virus sei nicht hitzebeständig und überlebe keine Temperaturen über 27 Grad, ist schon wegen der menschlichen Körpertemperatur von rund 37 Grad Blödsinn.

Damit einhergehend sind auch alle Tipps, heiße Getränke oder ein heißes Bad schützten vor einer Infektion, offensichtlich hinfällig. Vergleichbare Viren sterben übrigens bei Temperaturen ab 60 Grad ab, zu SARS-CoV-2 gibt es noch keine belastbaren Daten diesbezüglich. Ohnehin riskiert man aber bereits bei einer Getränketemperatur ab 45 Grad Verbrennungen.

Risikofaktor: Ibuprofen

Die Einnahme des Schmerzmittels Ibuprofen soll sowohl die Anfälligkeit für SARS-CoV-2 erhöhen als auch für schwerere Krankheitsverläufe verantwortlich sein. Das hätten Forscher der Universität Wien herausgefunden. Die MedUni Wien distanzierte sich freilich schon vor Wochen von diesen „Fake News“.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) riet zwar vorübergehend davon ab, bei Covid-19-Symptomen Ibuprofen ohne ärztlichen Rat einzunehmen; zog diese Empfehlung jedoch bereits einen Tag später wieder zurück. Und auch führende Experten wie der deutsche Virologe Christian Drosten sagen, es gebe keine Hinweise auf negative Auswirkungen einer Ibuprofen-Einnahme bei einer Coronavirus-Infektion.

Kur: Chlordioxid

Das Desinfektions- und Bleichmittel Chlordioxid soll als Trinklösung gegen Covid-19 helfen. Die auch als MMS (Miracle Mineral Supplement) bezeichneten Trinklösungen sind jedoch im besten Fall nutzlos und im schlimmsten Fall gefährlich. Deutsche sowie US-amerikanische Gesundheitsbehörden raten dringend von Chlordioxid-Lösungen ab, die – je nach Konzentration – ätzend bis reizend auf Haut und Schleimhäute wirken.

Fakt ist: Es gibt momentan keine verlässliche Kur gegen Covid-19. Im Zweifel wenden Sie sich an die kostenlose Corona-Hotline der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit unter 0800 555 621.

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