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Wissen Gesundheit
04/06/2021

1.000 weniger Lungenkrebs-Tote wären pro Jahr in Österreich möglich

Regelmäßige Früherkennungsuntersuchung könnte Sterblichkeit von Lungenkrebs-Erkrankten um ein Viertel senken.

Rund 5.000 Menschen erkranken in Österreich jedes Jahr an einem Lungenkarzinom. Etwa 4.000 Menschen sterben daran. Ein Viertel der Todesfälle wäre durch Früherkennungsuntersuchungen verhinderbar. In den USA gibt es seit 2013 Screeningempfehlungen per regelmäßiger Computertomografie-Tests. Sie wurden jetzt ausgeweitet. Österreich hinkt weiterhin nach.

"Es gab viele Zweifel. Doch seit der niederländisch-belgischen Studie - dem sogenannten NELSON-Trial -, die 2020 im New England Journal of Medicine publiziert worden ist, hat sich die Situation geändert. Wir brauchen keinen Beweis mehr dafür, dass ein Lungenkrebs-Früherkennungsprogramm wirkt. Es wirkt", sagte jetzt der Wiener Spezialist, Mitglied des erweiterten Vorstands der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie (ÖPG), Otto Burghuber, gegenüber der APA. "Wir sind alle der Meinung, dass wir das tun sollten."

90 Prozent durch Rauchen bedingt

Der Hintergrund: Rund 90 Prozent der Lungenkarzinomerkrankungen sind durch das Rauchen bedingt. Weil aber Lungenkrebs zumeist erst im Spätstadium diagnostiziert wird, sind die Überlebenschancen anhaltend schlecht. In Österreich leben ein Jahr nach der Diagnose laut Statistik Austria nur noch 53 Prozent aller Lungenkarzinom-Erkrankten, nach fünf Jahre nur noch 21 Prozent.

Die Fünf-Jahres-Überlebensrate bei Entdeckung eines Lungenkarzinoms im Stadium I liegt laut Experten bei 77 bis 91 Prozent, im Stadium IV nur noch bei fünf Prozent. In Österreich werden aber etwa drei Viertel der Lungenkarzinome im Stadium III oder IV entdeckt. Das bedeutet eine Fünf-Jahres-Überlebensrate von zehn bzw. drei Prozent in diesen beiden Untergruppen.

"Low-Dose-Computertomografie"

Seit vielen Jahren wurde nach Möglichkeiten gesucht, die Früherkennung zu verbessern. 2011 war es soweit: Im US National Lung Screening Trial (NLST) mit mehr als 53.000 starken Rauchern bzw. Ex-Rauchern wurde erstmals gezeigt, dass durch drei sogenannte Low-Dose-Computertomografie-Untersuchungen mit entsprechender Früherkennung die Lungenkarzinom-Todesrate um 20 Prozent gesenkt wird.

Studie bewies Wirksamkeit

Seit Anfang 2020 liegt die Bestätigung durch die europäische NELSON-Studie vor. In die Untersuchung flossen die Daten von 15.789 Probanden ein. Es handelte sich um 13.195 Männer und 2.594 Frauen. Die Probanden waren langjährige Raucher (50 bis 74 Jahre, mehr als zehn Zigaretten täglich über 30 Jahre hinweg oder mehr als 15 Zigaretten täglich für 25 Jahre bzw. Rauchstopp innerhalb der vorangegangenen zehn Jahre). Die eine Hälfte wurde zu Beginn, nach einem, drei und 5,5 Jahren zu CT-Untersuchungen auf verdächtige Veränderungen in der Lunge einberufen, die andere Hälfte nicht. Das Ergebnis: Nach zehn Jahren war die Lungenkarzinom-Sterblichkeit unter den Untersuchten um 24 Prozent niedriger als in der Vergleichsgruppe der Personen ohne Screening. Unter den Probandinnen war die Lungenkrebssterblichkeit sogar um 33 Prozent niedriger.

In den USA wurde bereits aufgrund der ersten Studie gehandelt. Pneumologe Burghuber, Spezialist mit jahrzehntelanger Erfahrung: "Seit 2013 gibt es dort Lungenkrebs-Screening-Empfehlungen und die Untersuchungen." Die erste Empfehlung galt für Personen im Alter von 55 bis 80 Jahre und einer "Rauch-Geschichte" von 30 oder mehr Pack-Years (pro Tag eine Packung Zigaretten über 30 Jahre hinweg oder z.B. weniger Jahre bei mehr Zigarettenkonsum täglich). Dies umfasste aktuelle Raucher oder Ex-Raucher seit weniger als 15 Jahren.

Doch das hat sich jetzt geändert. Am 9. März 2021 kamen die neuesten US-Empfehlungen für die jährlichen Low-Dose-Computertomografie-Untersuchungen bei Rauchern bzw. Ex-Rauchern heraus: Nunmehr sollen sich bereits alle Personen zwischen 50 und 80 Jahren mit bereits 20 Jahren und einer Packung Zigaretten pro Tag (20 Pack-Years) untersuchen lassen, wenn sie aktuell rauchen oder innerhalb der vergangenen 15 Jahren mit dem Zigarettenkonsum aufgehört haben. Burghuber: "Das bedeutet eine substanzielle Erweiterung. Damit erreicht man wesentlich mehr Risikopersonen."

Plan für Pilotprojekt in Tirol

Österreich hat hier jedenfalls noch keine realen Umsetzungsschritte für ein solches Screeningprogramm gesetzt. Doch, so Burghuber: "Es gibt ein kleines Licht am Horizont." So existiert der ausgearbeitete Plan für ein Pilotprojekt zum Lungenkarzinom-Screening in Tirol. 500 Probanden zwischen 50 und 75 Jahren und einem Sechs-Jahres-Lungenkarzinomrisiko von mehr als 1,5 Prozent sollen erstmalig, nach einem und zwei Jahren, dann alle zwei Jahre untersucht werden.

Entscheidend: Es geht bei dem Pilotprojekt um Informationen über die bestmögliche Umsetzung eines Lungenkrebs-Früherkennungsprogramms. Entscheidend ist nämlich, dass möglichst nur Hochrisiko-Personen teilnehmen. Sonst gibt es viel zu viele falsch-positive Erstbefunde, die sich schließlich nicht als Karzinom herausstellen, Betroffene verängstigen und zu belastenden weiteren Untersuchungen führen.

Ein ähnliches Konzept könnte in Ostösterreich mit Probanden der LEAD-Studie (Ludwig Boltzmann Institut für Lungengesundheit) mit Teilnehmern zwischen sechs und 80 Jahren erprobt werden. Diese Langzeit-Beobachtungsstudie betrifft vor allem die Lungengesundheit. Von den freiwilligen Teilnehmern sind die Gesundheitsinformationen unter allen Datenschutzvorkehrungen bekannt. Man könnte also aus ihnen Hochrisikopersonen, zum Beispiel Raucher und COPD-Betroffene, zu solchen Screening-Untersuchungen einladen. An der LEAD-Studie nehmen rund 11.500 Personen teil.

Pandemie bremste Pläne

Freilich, vor allem wegen der Covid-19-Pandemie konnten alle diese Pläne einer Task-Force "CT-Lung-Cancer-Screening" von österreichischen Lungenspezialisten, Radiologen und Onkologen im vergangenen Jahr nicht vorangetrieben werden. Im Vergleich zu den USA mit den neuen erweiterten Empfehlungen ergibt sich dadurch ein noch größer werdender Abstand. Dabei sei das Lungenkarzinom-Screening im Vergleich zur Brustkrebs-Früherkennung per Mammografie de facto genauer (weniger Untersuchte pro gerettetem Menschenleben), so Burghuber. Allein in Wien dürften rund 73.000 schwere Raucher bzw. Ex-Raucher für ein Screening-Programm infrage kommen, in ganz Österreich laut einer Expertenabschätzung rund 380.000 Menschen.

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