Wissen und Gesundheit
13.06.2017

Die Österreicher werden dicker: Was Experten fordern

Übergewicht steigt weltweit rasant an – auch in Österreich. Zehn Maßnahmen gegen Fettleibigkeit.

Bereits zwei Milliarden Menschen sind weltweit übergewichtig oder fettleibig – das ist jeder Dritte. Und die Zahl der Dicken stieg rasant an: In 70 Ländern verdoppelte sie sich zwischen den Jahren 1980 und 2015. In den meisten anderen Staaten ist sie stetig nach oben gegangen. Die Daten hat ein internationales Forscherteam im Rahmen einer großen Untersuchung gesammelt, die nun im renommierten New England Journal of Medicine veröffentlicht wurde. Ihr Fazit: "Übermäßiges Körpergewicht ist eines der schwierigsten Gesundheitsprobleme der Gegenwart", sagt Studien-Erstautor Ashkan Afshin vom Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) in Seattle, USA.

Eines der größten Probleme: Die Dicken werden immer dicker. Allein 604 Mio. Erwachsene und 108 Mio. Kinder wurden 2015 als fettleibig (adipös) eingestuft. Die regionalen Unterschiede sind allerdings enorm. Beispiel Fettleibigkeit: Hier ist bei den Erwachsenen Ägypten mit 35 Prozent Spitzenreiter, während in den USA die meisten adipösen Jugendlichen (13 Prozent) leben. In beiden Ländern sind kalorienreiche Nahrungsmittel und Getränke Standard. Dazu kommen überlieferte Traditionen. "In Ägypten trinken die Menschen zehn Tassen Tee am Tag und die Hälfte der Tasse ist Zucker", sagt dazu Hussein Gadain, der Landesdirektor der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO). Dazu komme Inaktivität. "Die Ägypter sind keine Freunde von Sport." Die wenigsten schwer übergewichtigen Erwachsenen finden sich übrigens in asiatischen Ländern, nämlich in Bangladesch (1,2 Prozent), die wenigsten übergewichtigen Jugendlichen verzeichnet Vietnam (1,6 Prozent). Auch die Folgen der Fett-Epidemie haben die Studienautoren analysiert: Etwa vier Millionen Menschen starben 2015 weltweit aufgrund des extrem hohen Gewichts. Bei zwei Drittel waren Herz-Kreislauferkrankungen der Auslöser, gefolgt von Diabetes (15 Prozent) sowie chronischen Nierenerkrankungen und Krebs (je 10 Prozent).

Es muss etwas passieren

Wie man dieser dramatischen Entwicklung entgegnen kann, beschäftigt Experten auch in Österreich. Das Problem zeigt sich nicht erst heute. "Wir reden seit 20 Jahren über steigendes Übergewicht, passiert ist seither nichts, weder in der Gesundheitspolitik noch in der Sozialversicherung", kritisiert Ernährungsmediziner Univ.-Prof. Kurt Widhalm. Ähnlich argumentiert Prim. Friedrich Hoppichler, Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Salzburg. "Es muss endlich etwas passieren." Vor allem vom Staat erwarten die Experten größeren Einsatz. Zumal der WHO bis 2020 ein Bericht geliefert werden soll. Widhalm: "Es muss Geld und eine konkrete Infrastruktur zur Verfügung gestellt werden." Weitere Forderungen:

Umwelt verändern Der Schulweg wurde früher selbstverständlich zu Fuß oder mit den Öffis zurückgelegt. Heute ist es schon fast selbstverständlich, dass Eltern ihre Kinder vor das Schultor chauffieren. Ein Fehler, wie Jens Bucksch, Professor für Gesundheitsförderung an der PH Heidelberg meint. "Wir müssen wieder dahin kommen, dass wir die Bewegung wie selbstverständlich in unseren Alltag integrieren." Wer täglich Treppen steigt oder kurze Strecken mit dem Fahrrad zurücklegt, verbraucht dabei mehr Kalorien, als würde er täglich eine Stunde Sport machen. Aufgabe der Politik sei es, die Umwelt so zu gestalten, dass Bequemlichkeit unattraktiv wird. Dass das funktioniert, habe das Beispiel London gezeigt. "Als dort die Citymaut eingeführt wurde, legten die Menschen deutlich längere Strecken zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurück", sagt Bucksch.

Um besonders Kinder und Jugendliche zum Gehen zu motivieren, müsse der Verkehr so gestaltet werden, dass die Wege sicher sind. Das gilt auch für den öffentlichen Raum, aus dem junge Menschen immer mehr verbannt werden. Auf der Straße spielende Kinder sind heute eine Seltenheit, früher war es die Regel.

Werbung verbieten Prim. Friedrich Hoppichler rät zu Maßnahmen in der Werbung, bis hin zu Verboten. "Die Lebensmittelindustrie hat noch immer zu viele – genehmigte – Schlupflöcher." Das Gesundheitsministerium lässt derzeit Kriterien für Werbebeschränkungen für Lebensmittel mit hohem Gehalt an Salz, Zucker, Fett und Energie erarbeiten.

In der Schule Vor allem im Kinder- und Jugendalter funktionieren Anreize zur Lebensstilveränderung gut. "Wenn man ab der fünften Schulstufe die Vermittlung über ein gesundes Schulbuffet attraktiv gestaltet, wird das gut angenommen, zeigen unsere Erfahrungen", weiß Hoppichler. Buksch ist da radikaler. Es solle überhaupt nur Wasser statt Softdrinks angeboten werden. Ernährungsmediziner Kurt Widhalm findet es "eine Schande", dass keine Daten aus den Schuluntersuchungen gesammelt werden. "Eine valide Statistik würde Problemregionen aufzeigen, man könnte dort gezielt Maßnahmen setzen."

Prävention Für Hoppichler ist Vorbeugung besonders wichtig, und zwar so früh wie möglich. "Eigentlich müsste man bereits bei Schwangeren ansetzen. Es muss viel stärker vermittelt werden, was Übergewicht anrichten kann. Es geht auch um Wissen, dass ich mit bestimmten Produkten meine Gesundheit gefährde." Dazu gehöre auch, dass Ärzte besser ausgebildet werden müssen. "Vielen ist noch immer nicht wirklich klar, dass Adipositas eine Erkrankung ist und nicht ein kosmetisches Problem." Widhalm kritisiert, dass nicht untersucht wird, ob einmal gesetzte Präventionsmaßnahmen tatsächlich wirken. "Das wird gar nicht untersucht – ein Fehler, man könnte daraus lernen."

Aufklärung Punktuelle und durchaus erfolgreiche Projekte sind zu wenig. "Wir brauchen flächendeckende Angebote, die auf niedriger Ebene stattfinden, etwa in Gemeinden oder Schulen", betont Hoppichler. "Es geht darum, wo man die Menschen abholt, die nicht ins Fitnesscenter gehen oder auf gesunde Ernährung wert legen." Das Gesundheitsministerium setzt auf "Informationsangebote zur Schaffung eines nachhaltigen Bewusstseins für gesunde Ernährung", betont eine Sprecherin von Ministerin Pamela Rendi-Wagner.

Sozial Schwache im Auge Ein Kind aus einer sozial schwachen Familie hat ein deutlich höheres Risiko, übergewichtig oder gar adipös zu sein. Bucksch kritisiert, dass alle bisherigen Präventionsmaßnahmen diese Zielgruppe bisher kaum erreicht: "Zukünftige Präventionsmaßnahmen müssen ein besonderes Augenmerk auf diese Jugendliche legen. Sie müssen die Möglichkeiten einer ausgewogenen Ernährung erhalten."

Denn viele der aktuellen Angebote werden von Familien angenommen, die wenig Gefahr laufen, zu viele Kilos auf die Waage zubringen: "Ein Kochkurs oder Sportangebot mehr bringt nichts. Die Prävention muss die sozial Schwachen anders erreichen, etwa in der Schule."

Zucker besteuern Zuckerhaltige Getränke oder fetthaltige Nahrungsmittel sind viel zu billig. Bucksch plädiert dafür, diese mit einer Sondersteuer zu belegen. Auch eine Ampelkennzeichnung, die dem Konsumenten sofort anzeigt, wie viele Fett und Zucker ein Produkt hat, sei überfällig.

Weniger am Bildschirm Noch nie saßen Kinder so lange am Handy oder dem PC wie heute. Es sei klar, dass die Zeit für Bewegung fehlt, sagt Widhalm.

Schlaf Eine Folge des Dauermedienkonsums: Viele Kinder schlafen zu wenig. Auch das begünstigt Übergewicht. Deshalb ist es wichtig, dass Jugendliche hier in eine Balance kommen.

Koordinierung Es bedarf vieler Maßnahmen, damit Österreich "schlanker wird". Das ist eine Querschnittaufgabe, für die an vielen Schrauben gleichzeitig gedreht werden muss. "Doch darum kommen wir nicht herum", meint Bucksch.