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Wissen
06/15/2021

Dem Delta auf der Spur - von der Flussmündung bis zum Muskel

Corona-Varianten heißen jetzt wie die Buchstaben des griechischen Alphabets - so wie Autos, Fluglinien und Promi-Kinder.

von Susanne Mauthner-Weber

Die Entscheidung ist nach monatelangen Überlegungen gefallen. Erst wurden griechische Götter und auch „pseudo-klassische Wortschöpfungen“ in Betracht gezogen. Diese Ideen seien verworfen worden, weil viele der Namen bereits genutzt würden, hört man von der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Darum heißt B.1.617.2 – vormals Indische Variante – jetzt nach dem vierten Buchstaben des griechischen Alphabets „Delta“.

Wobei das Argument mit dem Alleinstellungsmerkmal des Namens auch nicht wirklich zieht. Der vierte Buchstabe des griechischen Alphabets musste schon für vieles herhalten: Im 16. Jahrhundert entlehnten Geografen das Wort aus dem Lateinischen und nutzten es für „alle von Armen durchzogene Mündungsgebiete eines Flusses“. Sportflieger meinen ihren Hängegleiter, wenn sie Delta(-flieger) sagen, Amerikaner dagegen eine NASA-Trägerrakete, eine Fluglinie oder einen Ort wahlweise in Arkansas, Colorado, Florida, Idaho, Illinois, Iowa, Kalifornien, Kentucky ... die Liste ließe sich beliebig lange fortsetzen.

Autos, Kaffee, Vornamen

Autohersteller haben den Namen regelrecht gepachtet: Es gab britische, deutsche, französische, philippinische, südafrikanische und finnische Delta-Wagen. Auch Fernsehserien sonder Zahl sowie ein portugiesischer Kaffeehersteller bedienten sich des Buchstabens. Der griechische Komponist Michalis Delta führt den vierten Buchstabe seines Alphabets im Namen, und auch die US-Schauspielerin Kristen Bell nannte ihre jüngste Tochter Delta, während der Komödienautor Aristophanes in der Lysistrata Vers 151 mit Delta die weibliche Scham meinte.

Delta-Welle (ein Frequenzband in der medizinischen Diagnostik), Delta Chat (ein Instant Messenger auf Basis von eMail), Delta Verlag (deutscher Comicverlag) sowie mehrere sowjetische U-Boot-Klassen – die Delta-Manie ist schier unerschöpflich. Und jetzt eben auch viral.

Dabei war der Grundgedanke ehrenvoll: Die WHO wollte neutrale Namen, um zu verhindern, dass die Varianten nach den Ländern benannt werden, in denen sie zuerst entdeckt wurden. „Das ist stigmatisierend und diskriminierend“, hieß es. Von der „indischen“ oder „britischen“ Variante zu sprechen, löst bei manchen Menschen einen Abwehrreflex gegen Menschen aus, die aus diesem Land kommen. So hat Ex-Präsident Donald Trump in den USA Hasskriminalität gegen chinesisch aussehende Menschen ausgelöst, weil er konsequent vom „China-Virus“ sprach. „Das überträgt Schuld auf die anderen und erlaubt denen, die das Narrativ nutzen, sich als Opfer zu inszenieren“, analysiert Nilu Ahmed, Psychologin an der Universität Bristol. Die WHO hofft jetzt, dass Länder bereitwilliger über die Entdeckung neuer Varianten berichten, weil die dann Rho, Sigma, Tau oder Omega heißen.

Apropos Omega

Wer sich jetzt fragt, was passiert, wenn die 24 Buchstaben des griechischen Alphabets ausgeschöpft sind – auch darüber hat sich die WHO Gedanken gemacht. Man werde eine neue Serie zur Benennung bekannt geben, wenn es so weit ist.

Ihre wissenschaftlichen Namen behalten die Varianten übrigens weiterhin. Es ist also nicht falsch, auch künftig noch von B.1.1.7 zu sprechen. Die Berichterstattung wird es aber zweifelsohne vereinfachen, dass man ab sofort auch Alpha oder Epsilon sagen darf.

Ach ja, den charmantesten Konnex zwischen Virus und Delta hat die WHO nicht bedacht: Jener Muskel im Schulterbereich, der für das Heben des Oberarms zuständig ist, nennt sich Deltamuskel. Und er ist das bevorzugte Ziel für die Impfung.

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