© Archiv Eva Berger

Wissen
06/07/2021

Das Grün von gestern: Schon Maria Theresia liebte ihren Dachgarten

Gartenhistorikern Eva Berger hat recherchiert, ab wann Dächer begrünt wurden und was man daraus für ein günstigeres Stadt-Klima lernen kann.

von Susanne Mauthner-Weber

Glaubt man ihren Zeitgenossen, so war Maria Theresia (nein, nicht die Legendäre, sondern die von Neapel und Sizilien, zweite Gemahlin des österreichischen Kaisers Franz) eine frohsinnige Monarchin. Und sie hatte ein Lieblingsplätzchen in der Hofburg. Eigentlich war es ja  a u f  der Hofburg. Oberhalb der Nationalbibliothek lag der kaiserliche Dachgarten. Dort – inmitten von „Seltenheiten zum Zeitvertreib und Geräthen zu Experimentieren sowie anderen Curiositäten, daselbst eine Camera Obscura“ – verbrachte die junge Kaiserin um 1800 einen großen Teil des Tages.

„Man sieht Gärtner und die Pflanzen sowie Tiere, die gehalten wurden“, erzählt Eva Berger, die an der TU Wien zur Gartengeschichte Österreichs forscht. Ein Glashaus mit exotischen Pflanzen, bevölkert von Schildkröten, Gürteltieren und Papageien, Beete, Kakteen, Springbrunnen und ein Affenkäfig vervollständigten das Refugium, das nur wenige Schritte von den habsburgischen Privaträume entfernt war. Angelegt hat das nicht einsehbare Kleinod in luftigen Höhen Kaiser Franz höchstselbst.

Es ist nur eine der Geschichten, die die Kunsthistorikerin für ihr neues Buch Flachdach, Dachterrasse, Dachgarten recherchiert hat: „Es hat mich schon einige Zeit lang gequält, dass es zum Beispiel von der Stadt Wien Förderungen gibt, die aber nicht sehr genutzt werden.“ Viele Flachdächer liegen brach. In Zeiten der Klimaerwärmung ein großes Versäumnis, findet Berger, sorgt das Grün doch für ein besseres Kleinklima. „Ich bin dem Ganzen also historisch nachgegangen.“ Das Thema läge auf der Hand – „zu lernen, wie man in der Stadt das Klima günstiger gestalten könnte. Historisch war da noch gar nichts aufgearbeitet“.

Dank Berger und einem gewissen Jacob Hoefnagel wissen wir heute, dass sich bereits 1609 nordöstlich der Kirche Maria am Gestade Häuser mit Flachdächern befanden, auf denen so etwas wie ein Baum stand. Hoefnagel hat das damalige Wien aus der Vogelperspektive in einem Kupferstich festgehalten. „Leider ist davon nichts erhalten. Man weiß nichts über Pflanzen und die Art der Nutzung“, sagt Berger.

Mehr weiß sie über Terrassen aus dem 18. Jahrhundert. So legte Jean d’Etienne 1780 in Paris einen 200 m² großen Dachgarten an und versuchte sich an einem wasserundurchlässigen Zement. „Flachdächer sind eine eigene Wissenschaft“, sagt die Gartenexpertin. „Wenn ein Architekt das nicht beherrscht, kann es ordentlich in die Hose gehen.“ Wassereintritt und Frostschäden seien auch heute die Fallstricke.

Und später?

Nach dem Ersten Weltkrieg sorgte die Not dafür, dass auf flachen Dächern am Parkring sogar Gemüse angebaut wurde. „In der Zwischenkriegszeit erdachten Architekten erstaunliche Lösungen für Gemeindebauten, die dann zugunsten konventioneller Steildächer verworfen wurden“, erzählt Berger und erinnert daran, dass Heimito von Doderer seinem Dachgarten in Wien VIII. im Roman Die erleuchteten Fenster ein literarisches Denkmal setzte.

Übrigens: Wer sich etwas von den Altvorderen abschauen möchte, wird von der Gartenhistorikerin an Egon Friedinger verwiesen. Der Architekt hat die winzige Fläche am Dannebergplatz sehr gefinkelt angelegt, man könne viel lernen, was Planung und Bepflanzung betreffe. Nachzulesen in den Gartenzeitschriften der frühen 1930er. Wer sich jetzt ein Geheimrezept für den Dachgarten für Faule erhofft, wird von Berger enttäuscht: „Man kann so etwas nicht ein Mal anlegen und glauben, danach herrscht Ruhe. Man muss dauernd dranbleiben.“ Nachsatz: „Auch nicht jedermanns Sache.“

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