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Wissen

Mikrobiologe Wagner: "Kurzer, harter Lockdown" wahrscheinlich

"Wissenschaft hat Werkzeuge geliefert", die sinnvoll eingesetzt werden sollten. Fordert jetzt "Schulterschluss" und "andere Form von Politikberatung".

11/17/2021, 04:31 AM

Dass sich die aktuell sehr hohen Infektionszahlen mit den nunmehrigen Ma├čnahmen inklusive Ungeimpften-Lockdowns tats├Ąchlich einbremsen lassen, ist f├╝r den Mikrobiologen Michael Wagner von der Uni Wien "schwer vorstellbar". Ohne "kurzen, harten Lockdown, um die Zahlen massiv nach unten zu bringen", werde es vermutlich nicht gehen, sagte er zur APA. Die Schulen k├Ânnte man nur mit einem "wirklich stringenten Schutzkonzept offenhalten".

Ein solches "haben wir momentan nicht, m├╝ssten es aber nun in wenigen Tagen aufbauen", so der Initiator des SARS-CoV-2-Schulmonitorings. Mit den jetzt gesetzten gesamten Ma├čnahmen k├Ânne es zwar zu einer Stabilisierung des Infektionsgeschehen auf hohem Niveau kommen, viel mehr Effekt traut Wagner der aktuellen Reaktion auf die hohe vierte Welle nicht zu. S├Ąttigungseffekte durch viele bereits Infizierte k├Ânnten dazu beitragen, die Welle zu brechen, aber niemand k├Ânne pr├Ązise genug vorhersagen, wann dies der Fall sein wird.

Das Problem sei: "Wir haben eigentlich gar keinen Spielraum mehr f├╝r Experimente." Ein Lockdown bringe aber mittelfristig nur etwas, wenn die dadurch gewonnene Zeit gen├╝tzt wird, um endlich die dringend notwendige hohe Impfquote in ├ľsterreich zu erreichen. Hier sei die Politik gefordert.

Insgesamt zeigte sich Wagner "frustriert", dass seitens der Politik auch im zweiten Pandemieherbst "immer nur reaktiv" gehandelt wird. Im "komplett verschlafenen" Sommer h├Ątte man vorausschauend mit milden Ma├čnahmen f├╝r eine deutlich bessere Ausgangslage sorgen k├Ânnen. Die Impfkampagne stagnierte aber, die Boosterimpfungen wurden trotz eindeutiger Daten aus Israel eigentlich kaum beworben, die Pandemie f├╝r Geimpfte einfach abgesagt und nicht ausreichend kommuniziert, dass auch Geimpfte das Virus ├╝bertragen und sich darum auch testen m├╝ssten. Das hat die Lage nicht verbessert - im Gegenteil: Man entschloss sich, den Stufenplan an die Intensivbetten-Auslastung zu koppeln.

Mit "Unsinn" in Situation gestolpert

Mit diesem "Unsinn" sei man sehenden Auges in eine Situation gestolpert, in der man der Entwicklung immer hinterherl├Ąuft, so der Wissenschafter. Bei so hohen Auslastungen und "massivem Infektionsgeschehen" quasi "zehn Minuten nach zw├Âlf" erst zu reagieren, funktioniere einfach nicht. Darauf haben israelische Forscher schon in der ersten Welle eindringlich hingewiesen. Viele L├Ąnder haben auf diesen Rat aber nicht geh├Ârt - ├ľsterreich leider ebenso.

Auch ├╝bersehen wurde die Situation an den Schulen. Von der Wissenschaft schon im Fr├╝hling vorgeschlagene Schutzkonzepte wurden nur teils implementiert. Wie vielfach vorhergesagt, ging die vierte Welle unter Kindern und Jugendlichen los. Als man hier erste Signale gesehen hat, h├Ątte gehandelt werden m├╝ssen. Wartet man aber, bis die Entwicklung in den Intensivstationen angelangt ist, ist es "viel zu sp├Ąt", betonte Wagner. Hier wurden "wenig stringente Ma├čnahmen" an der falschen Bezugsgr├Â├če aufgeh├Ąngt. "Dann braucht man sich nicht wundern, wenn das herauskommt, was wir jetzt sehen. Bei so hohen Infektionszahlen unter den Kindern, werden wir jetzt vermehrt auch sehr schwere Verl├Ąufe sehen. Zudem werden viele Kinder an Long Covid erkranken", so Wagner.

"Wissenschaft hat geliefert"

Dass die Wissenschaft mit solchen klaren Botschaften an verschiedenste Teile der Politik nicht durchgedrungen ist, sei leider offensichtlich. Dabei "hat die Wissenschaft geliefert" - in Form von molekularbiologischen Tests, Konzepten, Expertise, Studien, Impfstoffen und nun kommenden vielversprechenden Medikamenten, so der Forscher, der die Gurgelmethode mitentwickelt hat. "Wenn man diese Werkzeuge evidenzbasiert einsetzen w├╝rde, dann k├Ânnte man viel besser durch die herausfordernde Pandemie steuern", sagte Wagner.

Dass jetzt den Virologen - vermeintlich halblustig gemeint - unterstellt wird, dass sie Menschen gerne einsperren w├╝rden, sei extrem unpassend. Die Verantwortung f├╝r Schlie├čungen liege n├Ąmlich im Bereich jener, die nicht genug zum Schutz der Allgemeinheit unternommen haben, und nicht an jenen, die mehr prophylaktischen Schutz gefordert haben. Eigentlich sei man jetzt "in einem Moment, wo der Schulterschluss mit der Wissenschaft gesucht werden m├╝sste", betonte Wagner. Man sollte sich nun zumindest ├╝berlegen, wie der Winter noch halbwegs gut ├╝ber die B├╝hne gehen kann. Wie das funktionieren k├Ânnte, haben namhafte Forscher am Freitag in einem "unabh├Ąngigen Statement der Wissenschaft" dargelegt.

Kein Grund f├╝r Pessimismus

Mittelfristig besteht laut Wagner aber an sich kein Grund zum Pessimismus, da mit der Impfung, dem Testen, den Medikamenten und vielen anderen Stellschrauben dem Geschehen entgegengewirkt werden kann. Dazu brauche es aber echte Zusammenarbeit und ein Ende des Lagerdenkens. Wenn dann hoffentlich an den Schulen bald zwei oder besser drei Mal pro Woche PCR-getestet wird, w├Ąre das beispielsweise ein Schritt nach vorne. "Das reicht aber nicht, wenn schwach Positive nicht gez├Ąhlt werden, oder man nicht allen in der Klasse FFP2-Masken gibt, wenn es einen positiven Fall gibt", so Wagner, der auch auf echte Konsequenzen nach einem Anschlagen von Fr├╝hwarnsystemen pocht, um zuk├╝nftige Wellen zu vermeiden.

Abhilfe k├Ânnte auch die Einrichtung "einer anderen Form von Politikberatung" schaffen. Hier m├╝ssten Experten in einem nachvollziehbaren, transparenten und von politischen Institutionen klarer abgegrenzten Gremium darstellen, wie die jeweils aktuelle wissenschaftliche Evidenz aussieht. Dann w├Ąre auch der ├ľffentlichkeit klar, was die Politik damit anf├Ąngt. Hiermit w├╝rde man der "Hinterzimmerberatung" entgegenwirken und der Politik Argumentation abringen. Letztlich k├Ânne man mit Unterst├╝tzung der Wissenschaft vieles verbessern. Wagner: "Wir sind nicht dazu verdammt von Lockdown zu Lockdown zu springen."

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