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05.09.2018

Burn-out-Pionierin Maslach: Die sechs wichtigsten Risikofaktoren

Top-Forscherin äußerte sich bei Wien-Besuch auch kritisch zum 12-Stunden-Tag: Zu wenig Zeit für Privates und Schlaf.

Sie stieß durch Zufall auf das Thema: In den 70er Jahren führte die Psychologin Christina Maslach Interviews mit Schwestern und Ärzten aus Notaufnahmen, Polizisten und Feuerwehrleuten zum Thema Emotionen. „Dabei berichteten viele über Erschöpfung, ein negatives Arbeitsumfeld, dass sie nicht mehr können und aussteigen wollen. Sie wurden dabei zornig und traurig. Ich suchte in der Literatur nach einer Bezeichnung, fand aber nichts. Bis ich zufällig mit einer Anwältin darüber sprach und diese erzählte, in ihrer Szene nenne man das ,Burn-out‘.“ Maslach war auf Einladung des „Berufsverband Österreichischer PsychologInnen“ in Wien.

KURIER: Waren Sie selbst je von Burn-out betroffen?

Christina Maslach:

Nein, nie. Stress, ja, natürlich, am Ende eines Semesters etwa, da habe ich oft auch in der Nacht gearbeitet, aber dann gab es wieder Zeit für Privates.

Ist es ein Risikofaktor für ein Burn-out, wenn man bis zu zwölf Stunden am Tag arbeitet?

Es könnte einer sein. Man kann das aber nicht nur an der Stundenzahl festmachen. Es kommt auch auf die Arbeit an, also wie fordernd und belastend sie ist, wie viele Pausen es gibt, wie oft man das machen muss und wie sehr jemand seine Arbeit liebt. Ein Punkt macht mir dabei aber schon Sorgen: Es bleibt nicht viel Zeit für Privates und ausreichend Schlaf. Dauerhaft weniger als sieben bis acht Stunden Schlaf pro Nacht erhöht das Risiko für Gesundheitsprobleme. Auch geistige Funktionen leiden. Wenn Sie zwölf Stunden arbeiten und acht Stunden schlafen, bleiben vier Stunden zum Pendeln, Einkaufen, Essen herrichten – nicht viel. Bei einer Arbeitszeit von zwölf Stunden geht es nicht nur darum, wie man die Arbeit bewältigt – es geht auch darum, wie das die private Zeit beschränkt: Etwa um ein Buch zu lesen oder mit den Nachbarn auf ein Bier zu gehen und trotzdem genug Zeit zum Schlafen zu haben.

Hat sich seit dem Beginn Ihrer Forschung in den 70er-Jahren etwas verändert? Sehen Sie heute mehr Burn-out-Fälle?

Die Menschen wissen heute mehr über das Thema. Und ich höre deutlich mehr Beschwerden über ein „toxisches Arbeitsumfeld“. Einerseits, dass sich Menschen fürchten, bei zusätzlichen Arbeitsbelastungen „Nein“ zu sagen, aus Angst, dann intern als jemand abgestempelt zu werden, auf den man sich nicht verlassen kann. Gleichzeitig fehlt es oft an Vertrauen in andere Kollegen, mit denen man solche Sachen besprechen kann. Viele sagen auch, ,ich liebe meine Arbeit, meinen Job, aber ich halte das Klima unter den Kollegen nicht aus, diese Kleinkriege, das Schlechtmachen und Verpetzen anderer, das Einschmeicheln von Kollegen bei Vorgesetzten‘. Dieses Fehlen von guten, vertrauensvollen Beziehungen zu Arbeitskollegen ist einer der Hauptgründe, warum Menschen in ein Burn-out schlittern.

Welche Gründe gibt es noch?

Ich sehe insgesamt sechs wichtige Risikofaktoren, einen habe ich ja bereits vorhin genannt. Ein weiterer ist ein Missverhältnis zwischen Anforderungen im Job und den zur Verfügung stehenden Ressourcen – etwa ein Zeitmangel. Diese Stresssituation führt auf Dauer zur Erschöpfung.

Genauso aber auch ein Zustand, wo man nichts selbstständig entscheiden kann, nichts beitragen kann, um etwas zu verbessern.

Ein weiterer Grund ist ein Mangel an Belohnung. Wobei es hier weniger um das Einkommen und bestimmte Benefits geht, sondern um positives Feedback und generell Anerkennung: Dass andere – Kollegen und Chefs – wertschätzen, was man tut. Und dass man nicht nur Rückmeldungen bekommt, wenn etwas schlecht gelaufen ist.

Mangelnde Fairness ist ebenfalls ein Risikofaktor: Wenn man das Gefühl hat, ungerecht behandelt zu werden oder andere, den Chefs schön tuende Kollegen bevorzugt werden.

Und dann bleibt noch als Risikofaktor ein Wertekonflikt – wenn ich nicht stolz auf meine Arbeit bin, sondern das Gefühl habe, meine eigenen Werte zu betrügen und mich in der Früh nicht in den Spiegel schauen kann für das, was ich tue.

Ist Burn-out eine Krankheit?

Nein, und es beunruhigt mich, wenn ich sehe, dass es wie eine Krankheit behandelt wird. Burn-out ist eine Erfahrung, die zu Krankheiten führen kann. Es ist wie der Kanarienvogel, mit dem Minenarbeiter früher getestet haben, ob giftige Gase aufsteigen: Ein Warnzeichen, eine rote Flagge. Man kann viel tun, um die Betroffenen stärker und widerstandsfähiger zu machen, damit sie mehr aushalten, quasi noch rascher dem Feuer davonlaufen können. Damit behandelt man aber nur die Symptome und ändert nichts an den Ursachen. Das löst nichts.

Es braucht ganzheitliche Ansätze, psychologische Interventionen auf Betriebsebene etwa. In einem Zeitraum von sechs Monaten kann man dadurch die Atmosphäre deutlich verbessern, Krankenstände gehen zurück. So kann man den Arbeitsplatz für alle besser machen.