© CHRISTIAN SCHWIER/FOTOLIA

Magerwahn
02/07/2014

"Bikini Bridge": Lückenfüller unerwünscht

Erst Oberschenkellücke, jetzt Bikinibrücke: Warum lassen sich Mädchen so leicht Schönheitsideale einreden?

von Julia Pfligl

Ein knappes Bikinihöschen, das vom einen Hüftknochen zum anderen führt, ohne mit dem Körper in Berührung zu kommen – das ist die „Bikini Bridge“, die seit Anfang des Jahres durch die sozialen Netzwerke geistert. Es klingt absurd, aber der Begriff wurde bewusst in Umlauf gebracht: Das Onlineforum 4chan.org wollte zeigen, wie schnell sich ein neues Schönheitsideal verbreitet. Angelehnt an die heftig diskutierte „Thigh Gap“ (die – anatomisch bei den meisten Frauen gar nicht mögliche – Lücke zwischen den geschlossenen Oberschenkeln), wurde Anfang Jänner die „Bikinibrücke“ zum Nachfolger gekürt. Innerhalb weniger Tage wurden dazu mehr als 4000 Beiträge auf Twitter gepostet, auf Facebook stellten Mädchen auf eigenen Fan-Seiten ihre Hüftknochen stolz zur Schau. „Werde abnehmen, damit ich meine Bikini Bridge zeigen kann“, twitterte Emma. Sie ist keine 20 Jahre alt.

Manipulation

Die eigentliche Überraschung ist aber nicht, dass der vermeintliche Trend künstlich erschaffen wurde – sondern, dass ihn so viele für plausibel hielten. Nie wurde der weibliche Körper mehr analysiert, bezeichnet, geprüft als jetzt. In Zeiten, wo Topmodels auf Magazincovern bis zu Unerkenntlichkeit retouchiert werden, wo Angelina Jolies Lippen und Cara Delevingnes Augenbrauen eigene Facebook-Fanseiten haben, wo Teenagern suggeriert wird, sie bräuchten eine Lücke zwischen ihren Oberschenkeln, wunderte sich fast niemand, dass nun auch der Abstand zwischen Höschen und Bauchdecke einen eigenen Namen hat.

Maßeinheit

Beate Wimmer-Puchinger, Psychologin und Frauengesundheitsbeauftragte der Stadt Wien, vermutet einen Marketing-Gag hinter der „Bikini Bridge“: „Jetzt wurde also ein weiteres Maß erfunden, um unsere ‚Schönheit‘ zu messen, jetzt müssen wir noch mehr entsprechen.“ Sie ist wütend über die „ewige Reduzierung der Frau auf ihr Äußeres“. „Dass nun der Bauch – die Körpermitte, das Zentrum der Fruchtbarkeit – immer dünner werden soll, empfinde ich als Verleugnung der Weiblichkeit.“

Für Jugendliche ohne „Thigh Gap“ und „Bikini Bridge“ sind Mager-Fotos oft eine Belastung. Die 16-jährige Julia vergleicht sich immer wieder mit schlankeren Frauen. „Weibliche Kurven sind nicht mehr gefragt. Man sollte so dünn sein, dass Hüftknochen und Schlüsselbeine hervortreten. Wer nicht Größe 34/36 trägt, wird sofort als faul oder unsportlich abgestempelt.“ Viele ihrer Freundinnen würden aus Scham nicht mehr in der Öffentlichkeit essen.

Einheitsbrei

Eine Handy-App für Kinder unter neun Jahren hat in den vergangenen Wochen die Gemüter im Netz erhitzt. In dem Spiel sollten Nutzer ein dickes Comic-Mädchen per Schönheits-OP „schlank und schön“ machen. Die App wurde wieder entfernt – der Trend zum „machbaren Menschen“ bleibt. Wimmer-Puchinger: „Der weibliche Körper wird zu einem Warenhaus der Superlative.“ Auf Kosten der Individualität: „Charisma, Charme, Klugheit – all das verkommt, die Oberfläche wird immer mehr betont. Eine falsche Tendenz, die durch die Bilderflut in sozialen Netzwerken extrem verstärkt wurde.“

Eltern können viel unternehmen, um ihre Töchter vor fragwürdigen Internethypes zu schützen. Wichtigste Botschaft: Du bist schön, so, wie du bist. Du bist klug. Du hast eine tolle Ausstrahlung. Sätze, die in keinem Alter fehl am Platz sind.

Heidi Klum will keine Magermodels in ihrer Castingshow

Rechtzeitig zum Auftakt der neunten Staffel von „Germany’s next Topmodel“ (die erste Folge lief gestern auf ProSieben) sorgt Jury-Chefin Heidi Klum (40) für Positivschlagzeilen. In der ersten Casting-Runde erteilte sie zwei Kandidatinnen eine Abfuhr, weil sie zu abgemagert waren. „Für mich bist du superhübsch vom Gesicht, aber zu dünn!“, sagte sie dem Mädchen. Einem anderen gab sie zu verstehen, dass sie sich wegen des geringen Körpergewichts „Sorgen“ mache.

Klum, die selbst zwei Töchter im Alter von neun und vier Jahren hat, betonte schon in früheren Staffeln, dass sie auf „fitte, gesunde Mädchen“ Wert lege. „Mir ist es wichtig, dass sich die Mädchen gut ernähren. Zu dünn hat bei uns keine Chance“, sagte sie damals. Sowohl für Hungerhaken als auch für Kandidatinnen mit unechten Brüsten oder Lippen hieß es in der Regel: „Ich habe heute leider kein Foto für dich.“ Die deutsche Vierfachmama kennt den Magerwahn im Modelbusiness – am Beginn ihrer Karriere sagte man ihr, sie sei „zu dick für High Fashion“. Bis heute gilt Klum neben dürren Kolleginnen wie Kate Moss oder Alessandra Ambrosio als die „Kurvige“ unter den Supermodels.
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