Ess-Störungen: "Magerwahn ist wieder zurück"

© REUTERS

Magerwahn
10/29/2013

„Hilfe, ich brauche diese Lücke“

Teenager tun alles für den „Thigh Gap“ - die Lücke zwischen den Schenkeln

von Jasmin Schakfeh

Als besonders hübsch gilt neuerdings, wer einen „Thigh Gap“ (die unnatürliche Oberschenkel-Lücke) vorzuweisen hat. Unter US-Teenagern ist dieser gefährliche Schönheitskult schon länger Thema. Dank Social Media, Blogs und Online-Foren ist die krankhafte Obsession nun auch in Österreich gelandet.

Eltern, Ärzte und Psychotherapeuten sind alarmiert, denn damit wird die Magersucht auf die Spitze getrieben. Es geht dabei nicht mehr „nur“ um Size Zero (Konfektionsgröße 32–34), sondern um einen eklatanten Abstand der Oberschenkel, von den Knien bis zum Schritt. Je größer der Abstand (in Zentimetern gemessen), um so näher ist man dem neuen Schönheitsideal.

Anastasia ist vierzehn Jahre alt. Vor wenigen Tagen postete sie auf der Plattform Tumblr folgenden Text: „Gestern habe ich den ganzen Tag nur 380 Kalorien zu mir genommen. Am Abend habe ich ein paar Zuckerln gegessen. Da waren es dann 650 Kalorien. Ich bin und bleibe fett. Lieber Gott, hilf mir. Ich brauche diese Lücke zwischen meinen Beinen.“

Prompt antwortet eine Gleichgesinnte namens „Skinnysizezero“: „Zusammen schaffen wir das. Wir werden dünn sein, noch weniger essen, noch mehr trainieren und diese perfekte Lücke haben. Dann können wir unseren Körper lieben und glücklich sein.“ Laut WHO (Weltgesundheitsorganisation) sollte ein normaler Teenager pro Tag etwa 2500 Kalorien zu sich nehmen.

Falsche Vorbilder

Die Anleitungen bekommen die Jugendlichen online. Etwa auf www.wikihow.com/Get-a-Thigh-Gap. Hier wird erklärt, wie man zur perfekten Oberschenkel-Lücke kommt. Angefangen bei der Ernährung, bis hin zu Fitness-Übungen. Erlaubt sind ausschließlich Obst und Gemüse, Trainingseinheiten sollten zwei Mal täglich absolviert werden.

Die Vorbilder sind retuschierte Superstars und Supermodels. Wie etwa die Britin Cara Delevingne (21). Nicht nur ihre imposanten Augenbrauen, auch „Cara’s Thigh Gap“ hat auf Twitter einen Account. Das australische Supermodel Miranda Kerr (30) ziert derzeit die aktuelle Kampagne der Modekette Mango. Sie wird von Jugendlichen für ihre „Storchenbeine“ vergöttert.

Ihre Kollegin, das südafrikanische Model Candice Swanepoel (25), treibt diesen Körperkult auf die Spitze. Statt sexy Kurven und Konfektionsgröße 36, ist das „Victoria’s Secret“-Model jetzt stolz auf ihren unnatürlichen „Thigh Gap“ – als Dank darf sie heuer bei der Lingerie-Show den mit Juwelen besetzten „Fantasy-Bra“ tragen.

Es ist das Highlight der Show, eine Auszeichnung für das Model und ein fatales Signal an die Jugend.

Schlankheitswahn als Obsession

Ass.-Prof. Peter Berger von der Uni-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der MedUni Wien und Experte für Bulimie und Essstörungen weiß: „Jede Essstörung beginnt mit einer Diät.“ Doch der Wahnsinn rund um die Oberschenkel-Lücke treibt es auf die Spitze: „ Wenn sich Jugendliche ständig mit dem Essen beschäftigen und bewusst Nahrungsmittel vermeiden, bekommt das Verhalten eine Eigendynamik. Einseitige Diäten führen zu einem Nährstoffmangel, der wiederum zu Gereiztheit. Spätestens, wenn Heißhungerattacken auftreten, wird das Gefühl der Unzulänglichkeit verstärkt.“ Und: „Wenn unnatürliches Aussehen zur fixen Idee wird, wird Abnehmen zur Obsession und exzessives Training zur Norm."

Prof. Dr. Klaus Schatz, Facharzt für Orthopädie, orthopädische Chirurgie und Sportorthopädie weist darauf hin, das dabei der angelegte Körperbau eine große Rolle spielt: „90 Prozent aller Mädchen haben eine angeborene X-Bein-Stellung (Oberschenkel leicht einwärts- und Unterschenkel auswärtsgekrümmt, Anm.). In diesem Fall ist diese Lücke vom Knie bis zum Schritt kaum zu erreichen. Wenige haben O-Beine, die erreichen dieses absurde Ideal leichter.“ Zudem warnt er vor Schäden durch Mangelernährung und übertriebene Trainingseinheiten: „ Frühzeitige Muskelschwäche, Osteoporose und Knochenerweichung bis zu hormonellen Umstellungen und Unfruchtbarkeit. Jugendliche denken bei diesen Trends kurzfristig, ist der Bewegungsapparat kaputt, sind die Folgeschäden oft irreparabel.“

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