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03.10.2018

Uni-Chef zu falschen OP-Protokollen: "Kein Schaden für Patienten"

MedUni-Wien-Rektor Markus Müller zu den falsch ausgefüllten OP-Protokollen: „Stehen international unter Beobachtung“

„Es sind sehr schwere Tage für die MedUni Wien – und wir haben uns das nicht gewünscht, in diesem Licht betrachtet zu werden.“

Sichtlich betroffen bestätigte am Dienstag der Rektor der MedUni Wien, Markus Müller, im Gespräch mit dem KURIER, dass sich der Verdacht erhärtet hat, wonach ein Chirurg im Wiener Allgemeinen Krankenhaus (AKH) Operationsprotokolle falsch ausgefüllt haben soll.

Zu diesem Schluss kam der Bericht einer Sonderkommission, die von Rektor Müller nach Auftauchen der ersten Vorwürfe eingesetzt worden ist. Die AKH-Ärzte sind bei der MedUni Wien und nicht beim Krankenanstaltenverbund angestellt. Der Chirurg wurde dienstfreigestellt.

Im Beobachtungszeitraum steht bei dem betroffenen Chirurgen bei der weitaus überwiegenden Mehrzahl der untersuchten Operationen fest, dass er nicht Operateur war, obwohl er als solcher in den OP-Protokollen eingetragen war, so der Bericht. Diese Missstände bestünden laut Kommission zumindest seit 2014. So gibt es deutliche Hinweise darauf, dass der betroffene Arzt die falschen Eingaben selbst anordnet hat. Details, etwa wie oft dies der Fall war, könne er derzeit wegen der Vertraulichkeit des Verfahrens nicht sagen, sagt Müller.

„Ein Einzelfall“

„Da es die falschen OP-Einträge immer nur bei dieser einen Person gegeben hat, handelt es sich um kein generelles Problem der Dokumentation“, betont Müller. „Wir haben ein sehr gutes Bild darüber, dass dies ein Einzelfall ist.“

Und der Rektor sagt auch, dass viele in den Medien erhobenen Vorwürfe „nicht der Wahrheit“ entsprechen. Gerüchte, wonach es sich um Sonderklassepatienten gehandelt haben solle – für die es ein Extra-Honorar gibt – bestätigte Müller nicht. Auch nicht, dass der Arzt zeitgleich in Privatspitälern operiert haben soll. Und: „Die Diskussion um Nebentätigkeiten von Ärzten hat mit dieser Angelegenheit nichts zu tun.“

Aber was könnte dann die Motivation für die Fälschungen gewesen sein? „Vieles, was da durch die Medien geistert, ist falsch. Für viele Dinge gibt es keine Anhaltspunkte, aber ich kann es auch nicht ausschließen.“

Eine Möglichkeit wäre, dass der Chirurg die Zahl der von ihm erledigten Operationen künstlich in die Höhe treiben wollte, um damit spezielle Qualifikationszertifikate zu bekommen. Diese sind unter anderem deshalb wichtig, weil sie einzelne Ärzte als routinierte Operateure in bestimmten Fachgebieten ausweisen. Konkrete Hinweise für diese Theorie gibt es derzeit aber nicht.

„Sehr bedauerlich“

„Die ganze Angelegenheit ist für uns sehr bedauerlich, weil es bei uns im Haus sehr viele Ärzte gibt, die jeden Tag zum Wohle der Patienten sorgfältig, korrekt und professionell arbeiten.“

Müller betont im KURIER-Gespräch, „dass kein Patient zu Schaden gekommen ist. Es ist niemandem etwas passiert.“

Unklar ist, ob sich der eingetragene Arzt bei den Patienten vor der Operation vorgestellt hat – oder ob dies gleich ein anderer Arzt erledigt hat. „Das können wir als MedUni Wien nicht klären. Wir haben keinen Zugriff auf Patientendaten.“

Keine Aussage macht Rektor Müller auch zur genauen Funktion des Chirurgen: „Der Betroffene hat ein Recht auf Schutz, es gibt jede Menge Vorverurteilungen.“ Für Müller gibt es neben der individuellen auch eine institutionelle Ebene: „Wir stehen nicht nur national, sondern auch international unter großer Beobachtung.“

Erste Anfrage

Patienten, die Zweifel haben, dass sie vom korrekten Arzt operiert worden sind, sollen sich melden, riet die Wiener Patientenanwältin Sigrid Pilz nach Bekanntwerden der Vorwürfe. Am Dienstag sei die erste Anfrage eingelangt, sagt Pilz auf KURIER-Nachfrage. Ein Fall betrifft den Mann einer mittlerweile verstorbenen Patientin. Nun müssten die entsprechenden Protokolle überprüft werden.

Deutschland ist bei Nebenjobs viel rigider

Braucht es neue Regeln oder Gesetze, um zu verhindern, dass  Ärzte Operationsprotokolle fälschen? Im Gesundheitsministerium verneinte man dies auf Anfrage des KURIER.
„Diesem Missbrauch kann nur der Spitalsbetreiber entgegenwirken“, erklärte der Sprecher von Gesundheitsministerin Beate Hartinger-Klein

Es liege am Bund  mit einer Grundsatzgesetzgebung die Qualität und die Dokumentationspflicht vorzugeben. Die genauen Details lägen im konkreten Fall aber in der Kompetenz der Länder – sie müssten und sollten die Anstellungsverhältnisse (der Ärzte)  regeln.

"Hauptschwerpunkt im öffentlichen Krankenhaus"

In der Schweiz und in Deutschland gab in den vergangenen Jahren  eine ganz klare Tendenz, solche Nebentätigkeiten im Vergleich zu früher sehr rigide und streng handzuhaben“, sagt Patientenanwalt Gerald Bachinger. „Großen Krankenhausbetreibern ist es wichtig, dass ihre Ärzte sich voll auf ihre Tätigkeit konzentrieren und gar nicht – oder nur in Ausnahmefällen – auch außerhalb arbeiten.“ Dafür sei es aber notwendig, dass Ärzte ein ausreichend hohes Grundgehalt bekommen. 

„Der Hauptschwerpunkt von Ärzten in öffentlichen Spitälern soll ganz klar im öffentlichen Krankenhaus sein“, sagt Bachinger: „Dies muss ähnlich wie in vielen Spitälern in Deutschland auch in Österreich klarer und transparenter geregelt werden.“