Wissen
13.03.2018

Warum die WHO vor einer "Krankheit X" warnt

Die Weltgesundheitsorganisation sieht in sieben Viruserkrankungen das Potenzial für eine neue, gefährliche Pandemie – und in einem heute noch unbekannten und unbestimmten Erreger, den sie "Disease X" nennt.

Es klingt wie der Titel eines Seuchenthrillers: "Disease X". Die Weltgesundheitsorganisation ( WHO) hat eine "Disease X" ("Krankheit X") zu einer Liste von sieben Krankheitserregern bzw. Krankheiten hinzugefügt, die sie als "prioritär" bezeichnet: Krankheiten, die das Potenzial für eine weltweite Epidemie haben – für die es aber bisher zu wenig Gegenmaßnahmen gibt:

  • Krim-Kongo-Fieber: Ausbrüche 2006, 2008
  • Ebola- und Marburgfieber: Große Epidemie 2014
  • Lassafieber: Derzeit ein Ausbruch in Nigeria und Liberia
  • MERS-CoV und SARS: SARS-Pandemie 2003/2003, MERS-Ausbrüche 2013-2017
  • Nipah-Virus-Erkrankungen: Epidemie 1998
  • Rift-Valley-Fieber: Erste große Epidemie 1931
  • Zika: Epidemie 2015/2016
  • Disease X: Künftiger Auslöser einer Pandemie, den man noch nicht kennt

Hinter "Disease X" steht kein konkreter Erreger, wie die WHO betont: Disease X bedeute, das "eine ernste, internationale Epidemie" von einem Erreger ausgelöst werden könnte, der noch unbekannt ist und dessen gefährliches Potenzial man derzeit noch nicht kennt.

"Viren können sehr rasch mutieren und ihre Oberfläche so verändern, dass sie das Immunsystem am Anfang gar nicht als Bedrohung erkennt", sagt Infektionsspezialist Heinz Burgmann vom AKH / MedUni Wien. "Und bis es reagiert, hat sich der Erreger schon massiv im Körper ausgebreitet."

Viren verändern sich rasch

Viren können ihre "Pathogenität" – ihre Fähigkeit, eine Krankheit auszulösen – rasch ändern: Die 2002/2003 aufgetretene schwere Atemwegserkrankung SARS ist ein Beispiel: "Auslöser waren Coronaviren, die wir schon lange kennen. Aber dann tauchte ein bisher unbekanntes Virus aus dieser Gruppe auf, das diese schweren Infekte auslöste."

Ein anderes Beispiel war 2009/2010 die Grippe–Pandemie mit einer neuen Variante des A(H1N1)-Virus. "Hier war nur das Glück, dass es die meisten Infizierten nicht schwer krank gemacht hat." Anders als jene A(H1N1)-Variante, die zwischen 1918 und 1920 die Spanische Grippe ausgelöst hatte. Und beim Zika-Virus sind Schädelmissbildungen bei Neugeborenen als Folge einer Infektion der Mutter auch erst seit 2015 bekannt.

Wenige Therapien

"Auch ursprünglich harmlose Bakterien können sich verändern – nur geht da meistens nicht so schnell wie bei den Viren", betont Burgmann. Während bakterielle Infektionen in den meisten Fällen mit Antibiotika therapierbar sind, "haben wir bei vielen Viruserkrankungen sehr wenige effektive Therapien".

Zwar gibt es Ausnahmen (z. B. Herpes, Hepatitis C, HIV), aber gegen die von der WHO angeführten Viren "haben wir praktisch nichts". Deshalb sei es von enormer Bedeutung, in die Forschung – vor allem auch in die Impfstoffforschung – zu investieren. Gegen Ebola sind bereits einige Impfstoffkandidaten in Entwicklung. Die Wiener Firma Themis Bioscience GmbH forscht an Impfstoffen gegen Lassa- und MERS-Corona-Viren. Eine internationale Koalition zur Bekämpfung von Epidemien wird ihr dafür in den kommenden fünf Jahren bis zu 37,5 Millionen US-Dollar zur Verfügung stellen.

Eine neue "Disease X" könnte aber auch die Folge des Einsatzes von Biowaffen sein. Oder einfach von Leichtsinn: Kanadische Forscher haben im Vorjahr publiziert, wie sie – relativ einfach – im Labor synthetisch aus Erbgutschnipseln ein (ausgerottetes) Pferdepockenvirus nachgebaut haben. Burgmann: "Da stellt sich schon die Frage, wie sinnvoll es ist, so eine Anleitung zu veröffentlichen. Denn bis zu einem nachgebauten Virus, das für den Menschen gefährlich wird, ist es dann nicht mehr weit."