Wissen
06.03.2018

Die Krankheit, an die beim Sex kaum wer denkt

Urlaubsheimkehrer mit Zika-Infektion: Acht von zehn merken ihre Infektion nicht. Männer können trotzdem bis zu sechs Monate lang Sexualpartnerinnen infizieren - eine Gefahr, falls es zu einer Schwangerschaft kommt.

So ein Urlaubsende wünscht sich keiner: Eine Woche Strandurlaub in der Dominikanischen Republik im Fünf-Sterne-Resort endete für einen 61-jährigen Österreicher mit Schüttelfrost, Kreislaufproblemen, Erbrechen im Flugzeug. Zurück in Wien, wird ein Test auf Dengue-Fieber gemacht – ohne Ergebnis. Am Tag darauf kommt der Patient wieder ins Spital, diesmal mit massivem Hautausschlag. Jetzt zeigt ein weiterer Test: Eine Infektion mit dem Zika-Virus. Diesen Fall stellte der Infektionsspezialist Oskar Janata vom Hygieneteam im Sozialmedizinischen Zentrum Ost - Donauspital Montagabend auf der "Wissenschaftlichen Fortbildungswoche" der Österreichischen Apothekerkammer in Schladming (Thema: Infektionskrankheiten, Antibiotika) vor. Und er warnte vor Folgen, an die kaum jemand denkt.

2015/2016 sorgte eine Zika-Virus-Epidemie in Süd-und Mittelamerika bis in den Süden von Florida für Schlagzeilen: Alleine in Brasilien gab es mehr als eine Million bestätigte Fälle. Meistens wird das Virus durch Mücken übertragen.

Virus ist monatelang im Sperma

Was dabei kaum bedacht wird: „Im Gegensatz zum Dengue- oder Chikungunya-Virus ist das Zika-Virus auch sexuell übertragbar – über die Samenflüssigkeit.“ Das große Problem: „Acht von zehn (in der Regel durch Mücken, Anm.) Infizierte merken nichts von ihrer Erkrankung, weil sie bei ihnen ohne Symptome verläuft, „aber trotzdem wird der Erreger ausgeschieden“, betonte Janata. Während das Zika-Virus „relativ rasch, nach ungefähr einer Woche, aus Blut und Harn heraussen ist, kann es über die Spermien noch wochen- bis monatelang ausgeschieden werden". International gehen Experten von bis zu sechs Monaten aus.

Janata: „Das ist eine völlig neue Situation. Sie waren etwa in Brasilien unterwegs, wurden von einer Mücke gestochen, merken nichts und trotzdem kommen sie mit einer sexuell übertragbaren Krankheit zurück.“ Und das ist sehr problematisch: „Der Mann hat nichts gemerkt, aber die Frau hat zwei Wochen später Fieber und denkt sich, warum?“

"Kann voll ins Auge gehen"

„Voll ins Auge gehen kann das bei einem jungen Paar, wenn sie schwanger wird“, warnte Janata. Denn: Die brasilianischen Behörden berichteten bereits 2015 über einen starken Anstieg von Schädelmissbildungen bei Neugeborenen als Folge einer Zika-Infektion der Mutter. Folgeschäden durch eine Zika-Virus-Infektion während der Schwangerschaft gelten inzwischen als gesichert.

Fazit: „Wenn man das ernst nimmt, muss ein Mann – auch wenn sein Urlaub in einem Zika-Gebiet völlig komplikationslos war, ein halbes Jahr lang ein Kondom verwenden, oder er lässt sich testen – auch dann, wenn er keine Symptome hat.“

30 Krankheiten sexuell übertragbar

Mehr als 30 Krankheiten sind sexuell übertragbar, weltweit stecken sich laut einer Schätzung der WHO weltweit täglich eine Million Menschen neu mit einer davon an.

In Zentraleuropa und den USA sind die Syphilis-Infektionen in den vergangenen Jahren immer zurückgegangen, allerdings zeige sich in jüngster Zeit in bestimmten Bevölkerungsgruppen in den USA ein „leichter Trend der Zunahme, aber in unseren Breiten ist das nicht so“. Die Syphilis ist nach wie vor mit einer einmaligen hohen, intramuskulär verabreichten Penicillin-Dosis gut heilbar.

Die Zahl der Fälle von Gonorrhoe – die älteste bekannte Geschlechtskrankheit – geht seit Mitte der 80er-Jahre mit dem Auftreten von Aids und dem damit verbundenen zunehmenden Kondom-Verbrauch zurück. Anders in Afrika: „Dort ist die Gonorrhoe ein Riesenproblem.“

Gonorrhoe schwieriger zu behandeln

Und: Die Gonorrhoe wird generell schlechter therapierbar – und ist ein gutes Beispiel für die Ausbreitung von resistenten Erregern, in diesem Fall eben der Gonokokken: „Vor 20 Jahren war schon ein Viertel aller Gonokokken resistent gegen das Antibiotikum Ciprofloxacin, und weitere 20 Prozent schwach empfindlich.“ Heute liegt die Resistenz der Gonorrhoe-Erreger gegen diese früher eingesetzten Standardtherapie zwischen 30 und 70 Prozent in Europa, im asiatischen Raum schon bei 100 Prozent.

Heute erfolgt die Therapie mit einer Kombination von zwei verschiedenen Antibiotikaklassen: „Aber auch da nehmen die Resistenzen zu.“ Die WHO zählt die Gonokokken deshalb als Zielkeime für die Entwicklung neuer Antibiotika.

Deutlich mehr nachgewiesen werden Chlamydien-Infektionen, das liegt aber an besseren Untersuchungsmethoden, die sind aber gut behandelbar.

Kaum Kondome in der Reiseapotheke

Janata betont auch: „Es gibt keine Altersgrenze für diese Erkrankungen, jüngere haben sie nur häufiger.“ Das Kondom ist ein Schutz, „aber die wenigsten haben Kondome in ihrer Reiseapotheke mit“ - obwohl auf Reisen bei vielen das Risikoverhalten steigt.

Übrigens: Wer mit einem Verdacht auf eine sexuell übertragbare Erkrankung zu Spezialisten wie Janata kommt, „der sollte sich Sätze wie ,ich habe mich offenbar falsch geduscht´ oder ,das muss der Sitz im Bad gewesen sein´sparen“, wünscht sich der Experte: „Für eine Übertragung muss man sich zumindest heftig angegriffen haben“ – Stichwort „heavy petting“ -, und „was man danach macht, ist wurscht“ – gemeint: egal ob vaginal, anal oder oral – infektiös ist alles.