Wirtschaft
06.02.2018

Zukunftsforscher Naisbitt: "China handelt nicht selbstlos"

Die Zukunftsforscher John und Doris Naisbitt fürchten, dass Europa den Zug der Zeit verpasst.

KURIER: Voriges Jahr kam Chinas Premier Li Keqiang nach Davos, heuer US-Präsident Donald Trump. Wessen Land wird künftig wichtiger sein?

John Naisbitt: China hat einen strategischen Plan, auch die neue Seidenstraße. Schon Anfang dieses Jahrhunderts haben die Chinesen ihre Beziehungen zu afrikanischen und südamerikanischen Ländern ausgebaut.

Und die USA?

Doris Naisbitt: Sie haben nicht sehen wollen, was passiert. Sie dachten, dass China die Werkbank der Welt bleiben wird und sie selbst weiterhin das große Geschäft machen werden. Auch dass die Chinesen in Lateinamerika, dem Hinterhof der USA, wirtschaftlich Fuß gefasst haben, wird unterschätzt. Als das Projekt Seidenstraße präsentiert wurde, hatte China die Grundlagen dafür längst gelegt. China geht ganz andere Wege als die USA.

Inwiefern?

Doris: Die USA wollen in anderen Ländern intervenieren und ihnen eine Demokratie aufzwingen. Chinesen gehen wirtschaftliche Beziehungen ein, ohne sich in lokale Angelegenheiten einzumischen. Sie wollen die Welt nicht kolonisieren, sie brauchen den Weltmarkt. Ihr Ziel ist ökonomischer Aufschwung. Wenn der Lebensstandard in China sinkt, hat die chinesische Regierung ein Problem. Das weiß sie.

China schert sich am Weg zum Weltmarkt nicht um Moralvorstellungen und Menschenrechte. Das soll gut sein?

John: Letztlich ja.

Das müssen Sie erklären ...

John: Demokratie ist keine Ware, die man exportieren kann, sie muss wachsen. China bringt mit seinen Investitionen wirtschaftliche Prosperität in unterentwickelte Länder. Das gibt den Menschen die Chance, sich nicht nur um elementare Bedürfnisse wie Essen zu kümmern. Sie erhalten Zugang zu Bildung, eine Grundvoraussetzung für demokratische Wahlen.

Ist es nicht Aufgabe der Entwicklungshilfe, für Bildung zu sorgen? Und interessiert sich China in Wirklichkeit nicht mehr für die Rohstoffe der Länder als für deren Menschen?

John (lacht): Als wäre das bei den Amerikanern oder der EU anders! Alles, was Trump beschließt, nutzt letztlich ihm selbst. Und keiner weiß, was ihm als Nächstes einfällt. Er ist unberechenbar und lebt in seiner eigenen bizarren Welt. Sorry, das musste ich jetzt schnell einwerfen ...

Doris: Es ist jedenfalls gut, dass China Infrastruktur nach Afrika bringt. Auto- wie Datenhighways. Das bringt neue Möglichkeiten.

Und eine neue Abhängigkeit von China ...

John: Natürlich handelt China nicht selbstlos. Die Regierung muss ein Volk mit 1,4 Milliarden Menschen unter Kontrolle halten und die Kreativität in den Unternehmen steigern. Es müssen neue Märkte erschlossen werden, um den wirtschaftlichen Aufstieg abzusichern und Überkapazitäten abzubauen.

Doris: China ist im Bereich Robotik und Künstlicher Intelligenz führend. Sie steigern die Produktivität – mit immer weniger Menschen. Was wird aus den Wanderarbeitern in den Fabriken? Sie sind gewöhnt, dass sie gebraucht werden. Zuerst in den östlichen Küstenregionen Chinas, dann im Westen des Landes. Als dort die Löhne stiegen, übersiedelten viele Fabriken ins Landesinnere, dort sind die Löhne bedeutend niedriger. Der Plan der Regierung ist, mit der Seidenstraße neue Arbeitsplätze und neue Absatzmärkte zu schaffen.

Verstehen Sie, dass China in den betroffenen Ländern auch auf Skeptiker trifft?

Doris: Natürlich gibt es oft Beschwerden, wenn die Chinesen mit ihrer fordernden Art in den Markt kommen. Ihre Einstellung, im Notfall auch 20 Stunden am Tag zu arbeiten, passt nicht mit jeder Mentalität zusammen.

Oft kommen die Chinesen ohnehin mit ihren eigenen Firmen und Mitarbeitern. Wär es nicht sinnvoller, Jobs im jeweiligen Land zu schaffen?

Doris: Woher sollen die ausgebildeten Leute kommen? China selbst ist einst im eigenen Land auch nicht anders vorgegangen, hat ausländisches Know-how ins Land geholt. So machen sie es jetzt auch in Afrika.

Aber beim Straßenbau werden nicht nur Hightech-Spezialisten gebraucht …

Doris: Sie werden sicher auch lokale Mitarbeiter beschäftigen, selbst wenn das Know-how im Straßenbau und im Bau von Schnellzügen aus China kommt. China ist übrigens schon jetzt eng mit Osteuropa verbunden. Etwa mit Griechenland, wo sie den Hafen von Piräus gekauft haben.

Prompt hat Griechenland 2017 eine gemeinsame Erklärung der Europäischen Union vor dem UNO-Menschenrechtsrat blockiert, in dem es um China ging. Vorauseilender Gehorsam eines finanziell von China abhängigen Landes?

John: Natürlich. Es wäre naiv, etwas anderes zu behaupten.

Das heißt, China baut auch seinen politischen Einfluss aus. Die Befürchtung, dass es Ost- und Westeuropa auseinanderdividiert, ist also berechtigt?

John: China ist das einzige Land mit einer langfristigen geopolitischen Strategie. Es verbindet die Elemente der Zentralwirtschaft mit einer Marktwirtschaft. Wer im internationalen Geschäft dabei sein will, muss sich mit China auseinandersetzen. China wird bald ein stärkeres wirtschaftliches Netzwerk haben als je ein Land zuvor. Die EU verschläft hier eine Entwicklung. Sie ist keine echte Union, sie spricht nicht mit einer Stimme.

Doris: Die EU kann nicht agieren, weil jeder Staat an die nächste Wahl im eigenen Land denkt. Die EU schaut Orban zu, anstatt ihn Grenzen zu setzen und ihm zu sagen, dass er sich an die Regeln der EU halten muss. Die EU hat zu viel Angst, dass ein Land nach dem anderen aus der EU aussteigen könnte.

Wird in China auch so viel über die Seidenstraße gesprochen wie in Europa?

Doris: Es wird anders über sie gesprochen. Im Westen geht es viel um den Mythos und die Geschichte. Die Chinesen schauen mehr in die Zukunft. Die Seidenstraße stärkt auch das Selbstbewusstsein der Chinesen.

Österreich ist gar nicht Teil der Seidenstraße. Spielt Österreich überhaupt eine Rolle?

John: Aus chinesischer Sicht ist Österreich weder geografisch noch als Absatzmarkt im Fokus. 8,5 Millionen Einwohner leben in jeder mittelgroßen chinesischen Stadt. Potenzial haben wir in kulturellen Belangen, der Musik und im Tourismus und mit einzelnen Firmen wie Swarovski.

Die Welt wird immer digitaler, das könnte auch die neue Seidenstraße beziehungsweise den Transport von Gütern betreffen. Wird das Thema in China diskutiert?

John: Absolut. Aber Waschmaschinen, Drucker und so weiter werden immer transportiert werden müssen. Außerdem bringt die Verbindung neue Bewegung. Zuerst kommt die Infrastruktur, dann die ersten Firmen, die Anwälte, die Friseure, die Restaurants und alles, was dazu gehört. Trotz allem wird vieles digitaler werden. Nehmen Sie das Beispiel Bezahlung.

Sie meinen die Apps WeChat und Alipay, die in China allgegenwärtig sind und schon längst das Bargeld und Kreditkarten abgelöst haben?

Doris: Ja, in dem Bereich sind die USA und Europa ja hinterwäldlerisch. Eine Anekdote dazu am Rande. Letzte Woche war Johns Tochter in Wien und wollte Dollar in Euro wechseln. Geht nicht, wenn man kein Konto bei der Bank hat. In China geht das übrigens noch, auch wenn der Aufwand ähnlich hoch ist, als würde man die Bank kaufen wollen.

Zukunftforscher

John und Doris Naisbitt

Weltberühmt wurde der Politikwissenschaftler John Naisbitt 1982 durch seinen Bestseller „Megatrends“. Das Buch wurde in 57 Ländern publiziert und 14 Millionen Mal verkauft. Naisbitt, geboren 1929 in Utah (USA), war unter anderem stellvertretender Erziehungsminister unter John F. Kennedy. Seine Gattin Doris stammt aus Bad Ischl und war Chefin des Signum Verlages, für den sie John Naisbitt 1994 als Autor gewinnen konnte. Seit ihrer Hochzeit im Jahr 2000 publizieren sie gemeinsam. Die Naisbitts leben unter anderem in Wien und Velden, verbringen aber nach wie vor viel Zeit in China, wo sie unter anderem mit Universitäten zusammenarbeiten.

Schwerpunkt China

Ihr Buch „Creating Megatrends. The Belt and Road“, das sie gemeinsam mit Laurence Brahm geschrieben haben, ist kürzlich in China und Korea erschienen.