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Wirtschaft
04/13/2020

Rosam: "Um die Reisebranche sorge ich mich mehr als um den Wirt"

PR-Experte und Genusspapst Wolfgang Rosam sieht schwere Folgen durch die Coronakrise, auch für die AUA.

von Marlene Auer

Im Interview spricht Rosam über die aus seiner Sicht dringend nötige stufenweise Öffnung in der Gastronomie und das "Horrorszenario" in der Reisebranche. Doch er skizziert auch mögliche Learnings aus dieser Krise, und das, was auf uns alle danach zukommen könnte. Auch die Politik ist Thema, für sie gibt es Noten in Sachen Krisenkommunikation.

KURIER: Die Gastronomie soll bis mindestens Mitte Mai geschlossen bleiben, verkündete die Regierung unlängst. Viele Gastronomen wissen aber bereits jetzt nicht mehr, wie sie das geschäftlich überleben sollen. Droht uns eine Marktbereinigung bei Lokalen: Die Kleinen verschwinden, nur die Großen überleben?
 
Rosam: Ja leider. Es wird aber auch die Großen treffen, weil sie höhere Fixkosten haben. Auch wenn von Staatswegen hier viel Unterstützung angeboten wird, kann der Patient schon gestorben sein bevor das Geld ankommt. Gerade Jungunternehmer mit Schulden sind betroffen, das ist eine furchtbare Situation. 
 
Im Handel wird nun schrittweise geöffnet, kann es so ein Stufenmodell auch in der Gastronomie geben?
 
Ich hoffe und glaube, das ist auch notwendig. Wenn man die Gastgärten schrittweise öffnet und eine Personengrenze in Restaurants festlegt, sollte im Mai eine erste Öffnungswelle erfolgen. Alles andere würde niemand verstehen. 
 
Nun hat nicht jedes Restaurant einen Gastgarten, kommt es da nicht zu einer Wettbewerbsverzerrung?
 
Es muss nicht nur der Gastgarten sein, es können auch nur die Hälfte der Sitzplätze besetzt werden und so den nötigen Abstand schaffen. Die große Angst der Politik ist, dass dann die zweite Welle kommt, ähnlich wie in Singapur. Das wird auch uns in Europa für September prophezeit. Ich hoffe, dass es bis dorthin zumindest Medikamente gibt – da ist dann auch schon viel getan. Auf den Impfstoff zu warten, würde zu lange dauern.
 
Auch die Spitzengastronomie könnte in die Krise kommen. Sternerestaurants gelten in den seltensten Fällen als besonders profitabel.
 
Das stimmt, aber das Steirereck macht mit dem Pogusch und der Meierei 16 Millionen Euro Umsatz, das ist respektabel. Und gerade die Spitzengastronomie war besonders kreativ und hat Lieferservice eingeführt. Diese Branche ist also sehr flexibel. Das wird sich noch weiter vertiefen. 
 

Bleibt uns diese neue Kreativität der Wirtschaft erhalten? 

Derzeit ist es schwer, der Krise etwas Positives abzugewinnen aber ja, es wird viele Learnings geben. Auch ein neues Lebensbewusstsein. Und es wird neue Formen in der Gastronomie geben: Homecooking oder der Austausch unter den Köchen – hier kommt eine neue Kommunikationswelle auf uns zu und das ist eine der positiven Auswirkungen.
 
Sie betreuen einen großen Kundenstock mit Unternehmen aus verschiedenen Sparten. Abseits der Gastronomie: Wo sind die Probleme derzeit noch besonders groß?

In der Reisebranche: Veranstalter, Fluglinien, Flughafen. Die Austrian Airlines und der Flughafen zählen außerdem zur kritischen Infrastruktur unseres Landes, denn das ist der Standort Wien und damit der Standort Österreich. Da mache ich große Sorgen. Experten der Reisebranche sagen, dass es zwei bis drei Jahre dauern wird, bis es sich wieder auf jenen Status einpendeln wird, den wir vor der Krise hatten. Das ist ein Horrorszenario. Hier mache ich mir mehr Sorgen, als um den Wirt. 
 
Es sieht danach aus, als bleiben die Reisebeschränkungen länger aufrecht, damit das Virus nicht wieder eingeschleppt werden kann. Wie lange kann man eine Fluglinie wie die AUA durchfinanzieren?
 
Sie wird kein zweites oder drittes Monat schaffen. Es wird wohl bei vielen Mitarbeitern dort bei Kurzarbeit bleiben müssen, nicht nur in der nächsten Zeit. Wir müssen aber darauf achten, dass die Reisebeschränkungen uns nicht den Lebensnerv abschneiden. Ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts des Landes ist der Tourismus, ganze Regionen leben davon. Wenn wir Menschen nicht ins Land lassen, wird das nicht gehen. Man wird sich anderes einfallen lassen müssen, etwa Gesundheitsbescheinigungen. Das wird derzeit heftig diskutiert. Die Welt bis Herbst in einer Quarantäne zu halten, ist aber nicht möglich. 
 
Wenn wir alle diesen Sommer Urlaub in Österreich machen: Kann sich das dann wirtschaftlich aufwiegen?
 
Nicht ganz, aber es gibt Schlimmeres als den Urlaub hier zu verbringen. Ein neues Entdecken der Heimat wird angesagt sein. Ich glaube aber nicht, dass man es gänzlich aufwiegen kann, weil der Inlandstourismus in den vergangenen Jahren ohnehin schon stark war. Aber es ist ja nicht gesagt, dass man nicht Touristen aus den nächsten Nachbarländern zu uns lassen kann, die mit dem Auto kommen und keinen Flieger brauchen. Da geht es uns besser als den Griechen und den Türkei. Wir brauchen die Auslandstouristen in den Sommermonaten dringend, sonst droht eine riesige Pleitewelle. 

Die aktuelle Situation ist für die Politik auch in der Information besonders herausfordernd – wie bewerten Sie die Krisenkommunikation der Regierung?
 
Derzeit ausgezeichnet. Wir werden dafür auch international gelobt, selbst die deutsche Kanzlerin Angela Merkel meinte, wir sind in Krisenzeiten immer einen Schritt voraus – man muss aber dazu sagen: In Deutschland ist die Rolle der Länder noch stärker als in Österreich. Die bei uns noch junge Regierung hat es geschafft, mit einer Stimme zu sprechen und eine Agenda zu haben. 
 
Trotzdem sind Fehler passiert. Stichwort: Verwirrung um verpflichtendes Homeoffice, oder um den Oster-Erlass. 
 
Die hätten nicht sein müssen, aber die verzeiht man auch. Es ist besser, etwas zurückzunehmen, als auf einem Irrtum zu beharren. Auch die Sozialpartnerschaft hat sich als wichtiger Bestandteil des gesellschaftlichen Systems bewiesen, Kritiker wurden hier eines Besseren belehrt. Die Kammern oder auch die Industriellenvereinigung zeigen, wie sehr wir sie brauchen. Auch das ist ein Learning: Mehr miteinander als gegeneinander. 
 
Der Intervall der Information ist sehr dicht, es gibt nahezu täglich Pressekonferenzen. Gibt es ein Zuviel der Kommunikation?
 
Nein, kann es nicht geben. Auch bei den Medien zeigt sich der hohe Informationsbedarf: Mehr Leser bei den Zeitungen, mehr Seher bei den TV-Nachrichten.
 
Trotzdem werden die Menschen ungeduldig. Sie sind auch nach wie vor verunsichert. Wo gibt es noch Verbesserungsmöglichkeiten in der Kommunikation?
 
Vor etwa einer Woche gab es noch keinen Silberstreif am Horizont. Hier hat man nachjustiert und einen Fahrplan für die nächsten Wochen kommuniziert und argumentiert. Das mag als scheibchenweise Information wahrgenommen werden, aber es geht gar nicht anders. Die Kommunikation wird jetzt hoffnungsvoller und positiver – das ist gut und richtig. Das nehmen die Menschen auch dankbar an. 

Die Schulen sind derzeit in Homeschooling. Wenn Sie der Regierung aber eine Note für ihre derzeitige Kommunikation geben würden, welche wäre das?
 
Ich würde ein Sehr Gut geben. 
 
Wie sieht Ihr Zeugnis für einzelne Politiker aus? 
 
Innerhalb der SPÖ hat sich Pamela Rendi-Wagner positiv hervorgetan, wohingegen Herbert Kickl politisches Kleingeld wechselt – er würde von mir nicht einmal ein Befriedigend bekommen. Norbert Hofer macht das besser. 
 
Wenn man von Formulierungen wie „milliardenstarke Rettungsschirme“ oder „neuerliche Aufstockung der Mittel“ hört, gibt das Menschen Hoffnung und auch Mut. Allerdings werden wir das in irgendeiner Form zurückzahlen müssen, das Wirtschaftswachstum wird sinken, manche fürchte eine massive Inflation und eine Auswirkung auf den Euro. Gibt es ein Kommunikationskonzept für die Zeit danach?
 
Das sollte man bald zu denken beginnen. Es wird uns noch sehr zu schaffen machen: Das Geld, das richtigerweise der Wirtschaft zur Verfügung gestellt wurde, ist ja Steuergeld. Und wir werden die Rechnung bezahlen müssen. Wir werden dieses Jahr zwar noch abschreiben können, aber ab nächstem Jahr muss man sich Modelle überlegen.
 
Wie können die aussehen? 
 
Mit den normalen Steuereinnahmen wird das nicht funktionieren, es werden alle zur Kassa gebeten werden müssen. Viele fürchten eine Vermögenssteuer – es ist aber nicht konstruktiv, das jetzt ins Rennen zu werfen und mögliche Maßnahmen an bestimmte Zielgruppen zu richten. Dafür bekommt Wolfgang Katzian keinen Einser von mir. Man braucht ein Paket, es wird eine Solidaritätsabgabe geben für die nächsten zehn Jahre. Steuerzuckerl werden nicht mehr möglich sein, Steuererhöhungen wären aber auch das falsche Signal. Zuerst muss ja die Wirtschaft wieder in Gang gebracht werden. Es wird uns also nachhaltig beschäftigen, das Land wieder auf Kurs zu bringen. 

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