Markus Hengstschläger

© Kurier/Gilbert Novy

Politik Inland
04/12/2020

Hengstschläger: "Gesundes Wirtschaften muss möglich sein“

Der Genetiker über den Balanceakt der Maßnahmenlockerung und warum die Menschheit jetzt keine „blauäugigen Optimisten“ braucht.

von Ida Metzger

KURIER: Schleichend, aber doch bricht der Wettkampf Gesundheit gegen Wirtschaft aus. Ist es eine ethische Unmöglichkeit, Wirtschaftswachstum gegen körperliche Unversehrtheit aufzurechnen?

Markus Hengstschläger: Zuerst ist es mir ein Anliegen zu sagen, dass ich den von der Regierung verfolgten und von der österreichischen Bevölkerung so beeindruckend umgesetzten beziehungsweise mitgetragenen „Flatten the Curve“-Ansatz für den richtigen halte. Auch aus ethischer Sicht ist es geboten, die Kurve an Infektionen so niedrig zu halten, dass man hoffentlich nicht in die Situation eines überlasteten Gesundheitssystems durch zu viele gleichzeitig schwer Betroffene kommt. Die Leistungen, die so viele Menschen in Österreich gerade vollbringen, sind einfach enorm. Man kann nur voller Hochachtung und Dankbarkeit den Hut ziehen. Zu Ihrer Frage ist zu sagen, dass aus ethischer Sicht selbstverständlich und eindeutig Gesundheit, Unversehrtheit und das Leben von Menschen als das höchste Gut einzustufen sind. Eine ethische Diskussion sollte man zum Beispiel dann führen, wenn man in einem Land die Gefahr sähe, dass die Konsequenzen der aktuellen Maßnahmen zwar auf der einen Seite die Infektionskurve positiv beeinflussen, auf der anderen Seite aber für die Gesundheit von Menschen auch negative Folgen haben könnten.

Welche Aspekte sind das?

Das könnte zum Beispiel eintreten, wenn Operationen verschoben werden müssen oder chronisch kranke Menschen Arzttermine nicht wahrnehmen wollen oder können. Es muss sogar angedacht werden, dass diese besonderen psychosozialen Bedingungen Menschen auch krank machen könnten. Ich hoffe sehr, dass man diese Aspekte dann permanent im Auge behalten würde.

Wie lösen wir das Problem der Wirtschaft?

Man muss natürlich ethisch rechtfertigen, wenn man etwas tut. Man muss aber auch ethisch rechtfertigen, wenn man etwas nicht tut. So wichtig und sinnvoll die umgesetzten Maßnahmen sind, so sehr muss natürlich ein genau abgestimmter Plan für das Wiederhochfahren des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens in Österreichs entworfen und umgesetzt werden. Auf keinen Fall zu früh, auf keinen Fall zu schnell, auf keinen Fall ohne entsprechend einzufordernde Verhaltensregeln. Und auf jeden Fall mit der notwendigen Transparenz. Aber jede Zeit der Welt haben wir nicht. Wenn man das jetzt tut, braucht es wissenschaftliche Begleitung. Wie überhaupt in diesen Tagen die Bedeutung der Wissenschaft für politische Entscheidungen nicht hoch genug eingestuft werden kann. Politikberatung ist etwas, was mir selbst, etwa im Zuge meiner Tätigkeit in der österreichischen Bioethikkommission, dem Rat für Forschung und Technologieentwicklung oder dem Think Tank Academia Superior immer ein großes Anliegen war. Um den Weg hinaus aus den aktuellen Covid-19-Pandemie-Maßnahmen optimal planen zu können, braucht es möglichst viele solide Daten. Natürlich nur unter Einhaltung der entsprechenden ethischen und rechtlichen Normen, natürlich nur unter höchstmöglicher Sicherstellung von Datenschutz und Privatsphäre sollten Daten für die Forschung im Sinne des Gemeinwohls eingesetzt werden.

Die Regierung versucht einen Balanceakt. Es gibt die Lockerung, anderseits will man nicht zu viel Aufbruchstimmung aufkommen lassen. Ist der Spagat schaffbar?

Ja, Maßnahmenlockerung über „Design Thinking“. Es muss ein sehr transparenter Prozess vom Beobachten und Verstehen, über Ideengenerierung hin zur Entwicklung und Austestung eines Prototypen-Konzeptes in Gang gebracht werden. Dieser Ansatz muss auch die notwendige Fehlerkultur beinhalten. In diesem fortlaufenden Prozess muss jede Einzelentscheidung, die im Praxistest nicht die erwünschten Ergebnisse erzielt oder einfach nicht mehr den aktuellen Gegebenheiten gerecht wird, immer sofort wieder adaptiert werden können. „Gesundes Wirtschaften“, im wahrsten Sinne des Wortes „gesund“, muss ermöglicht werden. Dafür muss man beginnen, Schritt für Schritt die Maßnahmen zu lockern und immer evaluieren was kommt.

Also Lockerungen mit einer eingebauten Notbremse?

Der Begriff „Serendipität“ steht dafür, dass, wer losgeht und immer wachsam in Bewegung bleibt, auch Lösungen finden kann, die er nie gesucht hat, aber auch nicht gefunden hätte, wenn er nicht losgegangen wäre. Es muss grundsätzlich möglich sein, Maßnahmen eventuell auch wieder zu verschärfen, sollten die Daten zeigen, dass es notwendig ist. Da das in jedem Fall auch wirtschaftlich sehr schwer zu verdauen wäre, muss von Anfang an höchste Sorgfalt an den Tag gelegt werden. Aber die Gefahr einer zweiten Welle ist, wie man ja sieht, keinesfalls zu unterschätzen.

Hat das Virus die Welt in einen Kriegsmodus ohne Krieg versetzt?

Kriegsmodus ist noch einmal etwas ganz anderes. Kriege und die Corona-Pandemie haben aber etwa gemeinsam – sie wurden schon beide, ob korrekterweise sei einmal dahingestellt, mit dem von Nassim Taleb entwickelten Begriff „Schwarzer Schwan“ beschrieben. Ein „Schwarzer Schwan“ ist demnach ein seltenes und höchst unwahrscheinliches Ereignis mit häufig sehr großen Auswirkungen. Ich würde allerdings bei der Covid-19-Pandemie vielleicht eher von einem grauen, wenn nicht weißen Schwan reden. So manche, nicht nur Bill Gates, haben schon vor einigen Jahren darauf hingewiesen, dass man sich auf die Gefahr einer Virus-Pandemie einstellen und vorbereiten sollte.

Wann schätzen Sie, wird es die ersten Corona-Medikamente geben, damit es ein Comeback unserer gewohnten Freiheiten geben kann?

Es werden gerade viele verschiedene entsprechende Ansätze getestet. Am schnellsten würde es gehen, wenn Medikamente, die für andere Erkrankungen bereits zugelassen sind, auch bei SARS CoV-2 Infektionen wirksam wären. Auch weil man über diese Medikamente schon viel weiß. Für neue Medikamente müssen erst in entsprechend länger dauernden Studien Wirkungen und mögliche Nebenwirkungen untersucht werden. Und bis Impfungen nach Massenproduktion für die Versorgung der Bevölkerung zur Verfügung stehen, wird es auch noch dauern – laut dem deutschen Robert-Koch-Institut zumindest bis zum Frühjahr 2021.

Es gibt viele Thesen, wie wir nach Corona leben werden. Glauben Sie, dass sich die Menschheit fundamental ändern wird? Oder vergessen wir nicht auch schnell, und in ein paar Jahren ist alles wieder so, wie es war?

Ich glaube, dass diese Pandemie der Menschheit sehr lange in Erinnerung bleiben wird. Ich glaube, dass die Menschheit sehr viel über Solidarität gelernt haben wird. Welche nachhaltigen, tief greifenden globalen Veränderungen daraus resultieren, kann ich allerdings gar nicht einschätzen. Ich gehöre aber jedenfalls nicht zu jenen, die jetzt in dieser brisanten, dramatischen Phase schon beginnen, dem Ganzen auch etwas Gutes abgewinnen zu wollen. Da halte ich es mit der Tante Jolesch von Friedrich Torberg: „Gott soll einen hüten vor allem, was noch ein Glück ist.“

Was sind dann Ihre Lehren aus der Krise?

Die Corona-Krise ist die Stunde der Possibilisten. Hans Rosling, der Autor des Buches „Factfulness“, hat diesen Begriff einmal so verwendet. Ich sage, wir brauchen aktuell keine blauäugigen Optimisten, die meinen, sich nicht wesentlich involvieren zu müssen, weil sich ja eh immer noch alles irgendwie ausgegangen ist. Wir brauchen aber auch keine Pessimisten, die aus Angst und in Endzeitstimmung in Schockstarre verfallen und auch nichts zur Lösung beitragen. Wir brauchen Possibilisten im Sinne von Ermöglichern, die sagen, es ist nicht einfach, aber es ist möglich, wenn auch ich etwas dazu beitrage. Jeder Mensch, der sich von Solidarität getragen streng an die Maßnahmen hält und gleichzeitig intensiv und konstruktiv über das Ausstiegsszenario und die Rückkehr zur Normalität Gedanken macht, ist ein Possibilist.

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