Wolfgang Eder

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wirtschaft von innen
05/01/2020

Präsidentenwahl: Machtkampf in der Industrie eskaliert

Unmut über die Vorgangsweise der Findungskommission, Ex-Voest-Chef Wolfgang Eder geht ins Rennen.

von Andrea Hodoschek

„Chaos pur. Intransparent und schlecht aufgesetzt. Das ist auf dem Niveau eines Bienenzüchtervereins, aber nicht der Industriellenvereinigung“, machte ein g’standener Industrieller nach der Vorstandssitzung am 23. April seinem Ärger im Gespräch mit dem KURIER Luft. Er ist nicht der Einzige, der seinen Unmut äußert. Die Kritik am Prozedere für die Nachfolge von IV-Präsident Georg Kapsch wird quer durch die Industrie immer lauter.

Es geht um eine der einflussreichsten Interessenvereinigungen dieses Landes und um hohes Prestige. In der mehr als 150 Jahre alten Organisation mit Sitz in einem ehrwürdigen Palais am Wiener Schwarzenbergplatz legt man Wert auf Diskretion und Harmonie. Erst einmal gab es eine Kampfabstimmung, 1996 unterlag der Kärntner Radex-Chef Helmut Longin dem oberösterreichischen Autozulieferer Peter Mitterbauer.

Eskalation

Kapsch muss nach zwei Amtsperioden im Juni abtreten. Ausgerechnet in einer Zeit, in der Österreichs Industrie Corona-bedingt die schwerste Krise seit Jahrzehnten vor sich hat und eine starke, geeinte Führung bräuchte, eskaliert die Neubesetzung in einem erbitterten Hauen und Stechen. Statt einem Schulterschluss an der Spitze ist die Organisation in diverse Lager gespalten.

Über den Präsidenten entscheidet laut Statut einzig und alleine der aus rund 160 Mitgliedern bestehende Bundesvorstand. Bisher schnapsten sich die Landespräsidenten ihren Favoriten aus, so ähnlich wie bei der Papstwahl, und die Vorstandsmitglieder segneten den Kandidaten ab. Diesmal wollte man es mit einer Findungskommission aus einigen Landeschefs unter der Leitung des Dienstältesten, des Burgenländers Manfred Gerger, besser machen. Das ging freilich gründlich schief.

Kampfabstimmung

Die Wahl am 18. Juni wird zur Kampfabstimmung. Neben dem Kandidaten der Kommission geht der ehemalige voestalpine-Chef Wolfgang Eder ins Rennen. Er kündigte seine Kandidatur beim digitalen Vorstandsmeeting an. Da die Veranstaltung zeitlich recht knapp gehalten war, legte Eder am Donnerstag in einem Schreiben an alle Vorstandsmitglieder nochmals die Beweggründe für seine Kandidatur dar.

Er sei im Herbst 2019 von einem Kommissionsmitglied gefragt worden, ob er sich eine Präsidentenfunktion darstellen könne, schreibt Eder. „Trotz positiver Antwort kam es erst Ende Februar 2020 zu einem Kontakt mit dem Vorsitzenden.“ Zu einem Zeitpunkt, als laut Medien bereits eine konkrete Kandidatenempfehlung vorgelegen sei. Die Kommission lud nur drei Kandidaten zu einem Hearing. Neben Eder die Länderchefs Martin Ohneberg (Vorarlberg) und den Steirer Georg Knill, die sich dem Hearing stellten.

Eder dagegen lehnte ab. Es ist wohl einigermaßen vermessen, den langjährigen erfolgreichen CEO eines internationalen Großkonzerns zu einem Hearing zu bestellen wie ein Personalberater einen Jobsuchenden. Außerdem hätte ein direktes Antreten mit diesem Kunstgriff verhindert werden können. Wäre Eder nicht Erstgereihter, was sehr wahrscheinlich ist, könnte er nicht kandidieren.

„Sorge um Transparenz“

„Nach einer Reihe von motivierenden Gesprächen mit Kollegen aus dem Bundesvorstand“ habe er, schreibt Eder, dem Kommissionsvorsitzenden seine Kandidatur bestätigt und angeboten, seine Überlegungen dem Bundesvorstand oder „einer repräsentativen Mitgliedergruppe“ darzulegen. Die Kommission habe aber auf einen formalen Hearing-Termin am 22. April bestanden.

Hintergrund seines Schreibens sei „keinesfalls Revanchismus in Bezug auf diskussionswürdige interne Vorgehensweisen, sondern vielmehr die Sorge um die Transparenz von Strukturen und Abläufen in einer der wichtigsten Wirtschaftsorganisationen Österreichs“.

Kriterien nicht bekannt

Hinter Eder steht vor allem die oberösterreichische Industrie mit Schwergewichten wie Mitterbauer und KTM-Boss Stefan Pierer. Es spielen aber nicht nur Länderinteressen mit. Auch wenn die Kommission bei der Vorstandssitzung das Ergebnis des einen Tag vorher stattgefundenen Hearings nicht bekannt gab und nicht einmal die Frage nach den Kriterien beantwortete, dürfte es auch um einen Generationenkonflikt gehen sowie um die Frage, dass ein Eigentümer an der Spitze stehen müsse.

Eder ist 68 und Manager. Seine Unabhängigkeit dürfte so manchem Landespräsidenten auch nicht gefallen.

Qualifiziert wären freilich auch Knill und Ohneberg. Für Knill, 47, spricht seine 23-jährige Erfahrung auf Landesebene, das Manko, bundesweit nicht bekannt zu sein, kann bei taktischem Geschick schnell aufgeholt werden.

Strafverfahren

Der Technologie-Unternehmer Ohneberg, 45, ist als ehemaliger Chef der Jungen Industrie auf Regierungsebene gut vernetzt. Seine Schwachstelle: Er wird im Strafverfahren gegen Ex-Partner Michael Tojner als einer der Beschuldigten geführt. Wie man aus Justizkreisen hört, soll Ohnebergs Anwalt vergangene Woche einen Antrag auf Einstellung gestellt haben, die Suppe soll strafrechtlich dünn sein.

Außerdem könnte auch noch der Ex-Präsident der Wiener IV, Siemens-Österreich-Chef Wolfgang Hesoun, als Kompromisskandidat antreten. Doch wie man hört, dürfte der SPÖ-nahe Top-Manager, der in Industriekreisen sehr bekniet wird, nur bei hohen Chancen auf den Sieg in den Ring steigen.

 

Spätestens am 21. Mai wissen alle mehr. Bis dahin müssen alle Kandidaten nominiert sein. Wie üblich bei den Machos am Schwarzenbergplatz haben auch diesmal Frauen maximal eine Chance als Vizepräsidentin.

Gerger beruft sich gegenüber dem KURIER übrigens auf ein Stillhalteabkommen.