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wirtschaft von innen
01/03/2021

Commerzialbank: 99 Millionen Euro bleiben verschwunden

Ex-Chef Pucher soll 156 Millionen Euro in bar aus der Bank getragen haben, knapp zwei Drittel davon werden noch gesucht.

von Andrea Hodoschek

Spareinlagen und Kredite, die es nie gab, Luftbuchungen, drei Viertel der Bilanzsumme Fake. Nach all den Unglaublichkeiten, die mit dem Fall der burgenländischen Regionalbank ausaperten, kann eigentlich nichts mehr überraschen.

Auch nicht, dass Ex-Chef Martin Pucher über die Jahre 156 Millionen Euro Cash physisch aus der Bank trug. Doch dass 99 Millionen Euro davon nach wie vor verschwunden sind, hat nochmals eine besondere Qualität.

Die Spur des Geldes verliert sich bei Pucher. Auch sein Strafverteidiger Norbert Wess kann nicht weiterhelfen: „Abgesehen vom laufenden Gehalt bin ich überzeugt, dass sich weder mein Mandant noch seine Familie persönlich bereichert haben.“ Puchers Gehalt dürfte in der Größenordnung von rund 300.000 Euro jährlich gelegen sein.

Martin Pucher hat seine Funktionen bei Mattersburg zurückgelegt

Pucher dürfte gar nicht abstreiten, das Geld aus der Bank verbracht zu haben, aber die Antwort, wohin es geflossen ist, bleibt er schuldig. Bei kritischen Nachfragen spielt halt leider der Gesundheitszustand nicht mit.

„Wir wissen nach wie vor nicht, wohin diese 99 Millionen Euro geflossen sind“, bestätigt Masseverwalter Michael Lentsch (Kosch & Partner) gegenüber dem KURIER. „Wir suchen weiter und arbeiten dabei mit der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft gut zusammen.“

Ex-Cobra-Chef hilft bei Suche

Unterstützung kommt dabei auch von professioneller privater Seite, dem Sicherheitsunternehmen bachler & partners. Die Firma wurde vom ehemaligen Cobra-Chef Wolfgang Bachler gegründet und wird bei Betrugsfällen gerne von Banken beauftragt.

Es gibt freilich einige Vermutungen über den Verbleib der 99 Millionen. Auch wenn Pucher samt Familie noch so bescheiden gelebt hat, blieb so gar nichts für ihn selbst? Es gilt die Unschuldsvermutung.

Ein Teil des Geldes könnte jedenfalls schwarz in den dafür anfälligen Fußball geflossen sein. Offiziell sponserte die Skandalbank den SV Mattersburg mit 12 Millionen Euro jährlich, doch dabei dürfte es nicht geblieben sein. Von den 156 Millionen konnten 57 Millionen bereits dem Fußball und der Aufrechterhaltung des Bankbetriebs zugerechnet werden.

Die Masseverwalter fordern vom Verein vorläufig 40 Millionen Euro. Sowie 20 Millionen bedingt und 1,1 Millionen unbedingt von der SVM Profisport GmbH, der vom Verein ausgegliederten Fußballabteilung. Plus knapp zwei Millionen von der SVM Gastronomie.

Möglich, dass von den 99 Millionen auch noch einiges für Korruption abfiel. Wie man aus Ermittlerkreisen hört, soll Puchers Vertraute, die ehemalige Bank-Vorständin Franziska Klikovits, bei der Aufklärung sehr hilfreich sein.

Schaden noch höher

Die Schadenssumme ist inzwischen noch größer geworden. Betrug die Überschuldung der Bank im Oktober 705 Millionen, hält der Stand Mitte Dezember bei 869 Millionen. Damit dürfte die Spitze in etwa erreicht sein.

Für die Republik Österreich kann die Mattersburger Bank sehr teuer werden. Die angekündigten Amtshaftungsklagen gegen die Republik sind mittlerweile angelaufen.

Masseverwalter und Einlagensicherung ESA haben an die Finanzprokurator Aufforderungsschreiben geschickt, deren Präsident Wolfgang Peschorn hat erwartungsgemäß bereits abwehrend geantwortet. Die Masseverwalter wollen 303 Millionen Euro. „Finanzmarktaufsicht, Nationalbank und die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft haben ihre Aufsichtspflicht vernachlässigt“, begründet Lentsch.

Eine Klage gegen das Land Burgenland werde derzeit geprüft. Die TPA wurde bereits wegen „nicht sach- und fachgerechter Ausübung der Wirtschaftsprüfung“ (Lentsch) auf die Maximalsumme von 20 Millionen geklagt. Die Wirtschaftsprüfer bestreiten.

Die Einlagensicherung will von der Republik 490 Millionen Euro, eine Klage gegen das Land ist derzeit laut ESA-Geschäftsführer Stefan Tacke kein Thema. Der Sicherungsfonds ist dank der Beiträge der Mitgliedsbanken für 2020 wieder mit 480 Millionen aufgefüllt.

Genossenschafter

Im Gegensatz zur Republik kommen die 2767 Genossenschafter auch im schlimmsten Fall glimpflich davon. Die Genossenschaft hält 79 Prozent an der Bank und ist mittlerweile ebenfalls insolvent. Die Genossenschafter entsprechen dem Querschnitt der Bevölkerung des Bezirks Mattersburg (Unternehmer, Pensionisten, Musikvereine, Angestellte etc.) und haben eine Nachschusspflicht in einfacher Höhe ihrer Anteile. Ein Anteil entspricht lediglich 7,27 Euro, insgesamt sind knapp 49.000 Anteile für ein Genossenschaftskapital von rund 365.000 Euro eingetragen.

Ursprünglich betrug die Nachschusspflicht das 20-fache der Anteile, wurde aber 1998 auf das 1-fache herabgesetzt. Derzeit wird geprüft, ob dies überhaupt korrekt war. Die Genossenschaft erhielt von der Bank übrigens 3,3 Millionen als Prämien für die Vermittlung von Kunden.

Mit dem Entzug der Lizenz für die Skandalbank ließ sich die Europäische Zentralbank Zeit. Im Juli wurde die Insolvenz angemeldet, erst mit 28. November entzogen die Aufseher in Frankfurt die Bankkonzession.

 

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