© REUTERS/Michael Dalder

Wirtschaft
06/23/2020

Wirecard: Haftbefehl gegen Ex-Chef Braun ausgesetzt - 5 Millionen Euro Kaution

Es könnten auch weiteren (ehemaligen) Managern Haftbefehle drohen. Braun signalisierte den Ermittlungsbehörden seine Kooperation.

von Kid Möchel, Dominik Schreiber

Dieser Schritt kam nicht unerwartet: Die Staatsanwaltschaft München I hat gestern, Montag, bei der zuständigen Ermittlungsrichterin des Amtsgerichtes München einen Haftbefehl gegen den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der Wirecard, Markus Braun, beantragt und erhalten. "Der Beschuldigte Dr. Braun hat sich daraufhin noch gestern Abend bei der Staatsanwaltschaft München I gestellt. Braun, österreichischer Staatsbürger, wird heute im Laufe des Tages der Ermittlungsrichterin vorgeführt werden, die über die Haftfortdauer entscheidet", heißt es in einer Aussendung von Oberstaatsanwältin Anne Leiding.

Der von der Münchner Staatsanwaltschaft festgenommene frühere Wirecard-Vorstandschef Markus Braun will nach Angaben der Ermittler kooperieren. „Er hat im ersten Gespräch seine Mitarbeit zugesagt“, sagte am Dienstag die Sprecherin der Ermittlungsbehörde, Anne Leiding. Der österreichische Manager habe sich am Vorabend selbst gestellt und sei aus Wien angereist, nachdem er wohl von dem Haftbefehl erfahren habe. Vorgeworfen werden Braun derzeit „unrichtige Angaben“ in den Wirecard-Bilanzen und Marktmanipulation, doch kommen auch andere Straftaten in Betracht. „Wir führen unsere Ermittlungen ergebnisoffen“, sagte Leiding dazu.

Braun wurde am Nachmittag einer Haftrichterin vorgeführt. Laut Staatsanwaltschaft wurde der Haftbefehl gegen den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der Wirecard am frühen Nachmittag" durch die Ermittlungsrichterin gegen Auflagen, wie insbesondere die Zahlung einer Kaution vom fünf Millionen Euro und einer wöchentliche Meldung  bei der Polizei außer Vollzug gesetzt. Das bedeutet, das zur Sicherung des Hauptverfahrens derzeit ein Vollzug des Haftbefehls als nicht erforderlich angesehen wurde, zumal sich der Beschuldigte selbst gestellt hat. Der Haftbefehl ist damit nicht etwa aufgehoben, sondern wird derzeit nur nicht vollzogen. Der Beschuldigte wird entlassen werden, sobald die Sicherheitsleistung in voller Höhe hinterlegt wurde."

Möglicherweise ist Brauns Festnahme nicht die letzte in dem Skandal um mutmaßliche Luftbuchungen in Höhe von 1,9 Milliarden Euro, die den DAX-Konzern an den Rand des Abgrunds geführt haben. Der am Montag von Wirecard gefeuerte Jan Marsalek war bis vergangene Woche für das Tagesgeschäft verantwortlich. Nach Leidings Worten ist möglich, dass Marsalek nun ebenfalls per Haftbefehl gesucht wird: „Das kann ich weder bestätigen noch dementieren“, sagte die Oberstaatsanwältin.
 

Die Strafverfolger verdächtigen Braun der Bilanzfälschung und der Marktmanipulation."Nach ihren bisherigen Ermittlungen legt die Staatsanwaltschaft München I dem Beschuldigten zur Last, ggf. im Zusammenwirken mit weiteren Tätern die Bilanzsumme und das Umsatzvolumen der Wirecard AG durch vorgetäuschte Einnahmen aus Geschäften mit sogenannten Third-Party-Acquirern (TPA) aufgebläht zu haben, um so das Unternehmen finanzkräftiger und für Investoren und Kunden attraktiver darzustellen."

Besonders im Fokus der hinsichtlich dieses Tatvorwurfs erst seit wenigen Tagen laufenden Ermittlungen stehen laut Staatsanwaltschaft München I "angebliche Bankguthaben auf Treuhandkonten bei zwei philippinischen Banken in Höhe von mehr als 1,9 Milliarden Euro. Der Vorstand des Zahlungsdiensteabwicklers Wirecard hat in der Nacht von Sonntag auf Montag gegen 3.00 Uhr früh in einer adhoc-Mitteilung erklärt, dass diese Bankguthaben mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht bestehen“.

Bei der Staatsanwaltschaft München I läuft bereits seit Wochen ein Ermittlungsverfahren gegen den am Freitag zurückgetretenen ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Markus Braun und drei weitere Manager der Wirecard-Spitze wegen des Verdachts der Falschinformation von Anlegern in zwei Börsen-Pflichtmitteilungen.

Im Zentrum des Bilanzskandals stehen der ehemalige Wirecard-Finanzchef in Südostasien und ein dubioser Treuhänder, der bis Ende 2019 für Wirecard aktiv war und das - wie sich nun herausgestellt hat - in großen Teilen wahrscheinlich gar nicht existente - Geschäft mit den Drittpartnern betreute.

Ungeklärt ist, ob es Mitwisser beziehungsweise Mittäter in der Firmenzentrale im Münchner Vorort Aschheim gab. Vor allem ist ungeklärt, ob und inwieweit Braun oder andere Mitglieder des Vorstands über die Lage im Bilde oder möglicherweise sogar beteiligt waren. Laut Süddeutscher Zeitung droht eigentlich auch Jan Marsalek, dem früheren Wirecard-Vorstand für Asien, ein Haftbefehl.

Doch mehrten sich die Anzeichen für Fehlverhalten in der Wirecard-Spitze. Der Aufsichtsrat feuerte gestern, Montag, den bereits suspendierten Vorstand Jan Marsalek „mit sofortiger Wirkung“, der Anstellungsvertrag wurde außerordentlich gekündigt, wie Wirecard mitteilte. Marsalek war für das operative Tagesgeschäft einschließlich Südostasiens zuständig, wo die Affäre ihren Anfang nahm. Gründe nannte der Aufsichtsrat nicht.

Mit Fragen und scharfer Kritik sind die Finanzaufsicht Bafin und die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY konfrontiert, die die Wirecard-Abschlüsse 2017 und 2018 testiert hatte. Bafin-Chef Felix Hufeld sprach von einem „kompletten Desaster“ und gab sich selbstkritisch: „Wir sind nicht effektiv genug gewesen, um zu verhindern, dass so etwas passiert“, räumte der Behördenpräsident in Frankfurt ein. „Wir befinden uns mitten in der entsetzlichsten Situation, in der ich jemals einen Dax-Konzern gesehen habe.“ Wichtig sei nun rasche Aufklärung.

Nach derzeitiger rechtlicher Prüfung begründet das Verhalten des Beschuldigten den Verdacht der unrichtigen Darstellung jeweils in Tateinheit mit Marktmanipulation gem. § 331 Handelsgesetzbuchs, Paragraf 119 Wertpapierhandelsgesetz in mehreren Fällen. Für Markus Braun und Jan Marsalek gilt die Unschuldsvermutung.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.