Christian Pochtler, Chef und Alleingesellschafter der iSi-Group

© Kurier/Franz Gruber

Wirtschaft von innen
11/25/2019

Wiener IV-Chef: "Partei als einzige Qualifikation: Das ist untragbar"

Christian Pochtler, neuer Chef der Wiener Industriellenvereinigung, über Postenschacher, eine türkis-grüne Regierung und den Standort.

von Andrea Hodoschek

Der neue Chef der Wiener Industriellenvereinigung glaubt, dass eine türkis-grüne Regierung funktionieren könnte. Als Technologiestandort habe Österreich viel Aufholbedarf.

KURIER: Wo ordnen Sie sich politisch ein?

Christian C. Pochtler: Ich kann mit der Kategorisierung rechts und links nichts anfangen. Ich bin sozial aufgeschlossen und war immer sehr umweltaktiv. Mir ist Nachhaltigkeit sehr wichtig – Unternehmer denken wie Bauern, in Generationen. Ich bin weder Parteimitglied noch Spender.

Begrüßen Sie die Einschränkung von Parteispenden?

Unsere Parteienförderung ist die höchste in Europa. Damit müssten die Parteien wohl haushalten können.

Parteipolitische Postenbesetzungen dominieren derzeit die öffentliche Debatte. Haben Sie damit ein Problem?

Postenschacherei ist mir ganz fern. Ich verstehe, dass ein Eigentümer jemanden in den Aufsichtsrat setzt, der seine Interessen vertritt, das ist legitim. Aber das Aktiengesetz verpflichtet zur Qualifikation. Wenn die einzige Qualifikation Parteizugehörigkeit ist, ist das für mich untragbar. Ich weiß selbst bei meinen engsten Führungskräften nicht, ob sie bei einer Partei sind. Es sollte kein Nachteil sein, sich zu einer Partei zu bekennen. Aber im Vordergrund muss die Qualifikation stehen.

Postenschacher passiert in staatsnahen Unternehmen. Soll mehr privatisiert werden?

Ich halte es für klug und wichtig, wenn der Staat im infrastrukturellen Bereich weiter Eigentümer bleibt, etwa beim Schienennetz der ÖBB, beim Wasser oder beim Energienetz. Ich bin kein Radikalprivatisierer und komme nicht aus der ideologischen, sondern aus der pragmatischen Ecke. Jeder Fall muss gut begründbar sein. Grundsätzlich ist eine Beteiligung im Glücksspielbereich nicht unbedingt erforderlich.

Wie sehr fürchten Sie sich vor einer türkis-grünen Regierung?

Ich fürchte mich vor gar nichts, als Unternehmer braucht man Mut. Wenn beide Partner mit Pragmatismus und Augenmaß bei ihren Kernthemen bleiben, kann das funktionieren. Ökologie und Ökonomie sind kein Gegensatz, sondern bedingen einander. Industrie und Technik sind nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung. Hier wird ein Feindbild konstruiert, das nicht stimmt.

Ganz so erfolgreich ist die Industrie in Sachen Klimaschutz noch nicht.

Wir müssen sparsam mit Ressourcen umgehen und haben als Industrie schon viel getan. Es gibt neue Technologien mit wirklich vielen tollen Ideen. Da sehe ich die Industrie als Problemlöser. Die Digitalisierung hilft uns sehr, ökologischer zu arbeiten. Schuldzuweisungen machen keinen Sinn. Wir müssen alle daran arbeiten, bei gutem Willen kann das funktionieren. Auch kein Grün-Wähler will weniger Wohlstand.

Karriere

Der 67-jährige Betriebswirt jobbte nach dem Studium an der WU Wien und in New York als Finanzanalyst im Big Apple, als ihn der elterliche Ruf zur Rückkehr nach Österreich in das Unternehmen ereilte. Pochtler kaufte die restlichen Familienmitglieder aus und ist seit 1984 Chef und Alleingesellschafter der iSi Group.

Da wäre ich mir nicht so sicher.

Ich glaube, im Prinzip möchte niemand Wohlstand verlieren oder seinen Arbeitsplatz verlieren. Und wir von der Industrie wollen unseren Kindern und Enkelkindern auch keine verschmutzte Umwelt hinterlassen.

Wie viele Kinder haben Sie?

Vier, aber leider noch keine Enkel. Ich versuche, mich sehr aktiv in Umweltfragen einzubringen. Manchmal habe ich dabei das Gefühl, dass die Wähler hier schon viel weiter sind als die Parteien.

Hat Österreich überhaupt eine Technologie- und Industriepolitik?

Da ist noch sehr viel Aufholbedarf. In Wien kommen 14 Prozent der Wirtschaftsleistung von der Industrie, inklusive servoindustriellem Sektor sind es 30 Prozent. Nur 15 Prozent der Studienanfänger gehen heute in technische Studienrichtungen und weniger als fünf Prozent in die Informationstechnologie. Davon sind nur 25 Prozent Frauen. Die Industrie hat mit der Stadt Wien ein Standortabkommen geschlossen. Bildung ist einer der Schwerpunkte. Wir müssen aber auch die Digitalisierung ausbauen. Wenn man die besten Talente anziehen will, müssen die Voraussetzungen für einen Technologiestandort gegeben sein.

Wien wurde zur Stadt mit der höchsten Lebensqualität gewählt. Ist das auch ein Asset?

Natürlich ist das ein Wettbewerbsfaktor. In Wien ist Wohnen noch leistbar und es gibt ein Nebeneinander von Wohnen und Industrie. Das ergibt Sinn, auch ökologisch.

Von Ihrem Büro sehen wir auf zwei große Gemeindebauten und eine Kleingartensiedlung. Wie funktioniert die Nachbarschaft?

Wir leben hier in Harmonie – ein gedeihliches Nebeneinander mit interessanten Jobs.

Welche Themen wollen Sie am Ende Ihrer Funktionsperiode abhaken können?

Dass wir Wien als Wissens- und Technologiestandort weiter gebracht haben. Ausbau der digitalen Infrastruktur, Förderung von Start-ups, Abbau der Bürokratie und der Steuern- und Abgabenlast. Deren Höhe ist für den Standort nicht förderlich. Wien darf keine Museumsstadt sein, in die zwar Touristen kommen, wo es aber keine attraktiven Jobs gibt und sich der Fortschritt nicht weiter entwickelt. Da ist auch die Politik gefordert. Zürich ist technisch die Nummer eins und auch sehr lebenswert.

Stichwort CO2-Steuer. Was halten Sie davon?

80 Prozent der Industrie sind im Emissionshandel. Man sollte sich sehr gut überlegen, ob man da noch was steuerlich drauflegt. Doch über eine Ökologisierung des Steuersystems kann man durchaus diskutieren. Wir haben zu hohe Steuern auf Arbeit. Die kalte Progression ist eine unsichtbare, aber schmerzhafte Geldbeschaffungsaktion des Staates. Wir haben bei den Metallern eine relativ hohe Lohnerhöhung von 2,7 Prozent, aber zwei Drittel kommen bei den Mitarbeitern nicht an. 2019 werden 2,3 Milliarden Euro aus den Taschen der Arbeitnehmer gezogen und entgehen dem Konsum. Österreich ist eines der wenigen Länder, wo es noch eine kalte Progression gibt. Ein moderner Staat sollte das nicht machen.

Das Familienunternehmen mit Sitz in Wien-Florisdorf wurde 1865 gegründet und ist Weltmarktführer in der Herstellung von Premium-Einweg-Gaszylindern. Zahlreiche internationale Zweigniederlassungen. Die Produkte werden in der Kulinarik ebenso eingesetzt wie in der Medizintechnik, iSi Automotive liefert für Airbags zu.

Was ist Ihre dringendste Forderung an die Politik?

Das Wichtigste für Unternehmen sind klare, stabile Rahmenbedingungen. Am schlimmsten für Unternehmen ist Unsicherheit. Das ist jetzt der Fall, daher wäre eine rasche Regierungsbildung wünschenswert. Auch ausländische Investoren sind verunsichert und derzeit bei Betriebsansiedlungen zurückhaltender. An der Kombination hätte ich aber nichts auszusetzen: Vielleicht bekommen wir bald einen Bundeskanzler, der dem Durchschnittsalter der grünen Wähler entspricht. Und einen grünen Vizekanzler, mit dem Durchschnittsalter der türkisen Wähler.

Sie haben zu Beginn gesagt, Sie fürchten sich vor nichts. Gibt es vielleicht doch etwas, das Sie fürchten?

Vor der Politik der Zentralbanken ist mir bang. Die Sparer werden enteignet und die Staaten werden durch das Drucken von Geld finanziert. Die Steuereinnahmen sprudeln und wir kriegen nur mit Hängen und Würgen ein Budget hin. Weil keine Reformen gemacht wurden. Wenn die Zinsen steigen, weiß ich nicht, wie das enden wird.

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