Wie ein Windstoß das Stromnetz erglühen ließ

Windräder
Foto: dpa/Christian Charisius Wenn sich Windräder auf Hochtouren drehen, die Nachfrage aber fehlt und keine Leitungen zu den Pumpspeichern existieren, wird es eng.

Weil eine starke Leitung zu Salzburgs Speicherkraftwerken fehlt, brachte die viele Windenergie in Ostösterreich die Netze fast zum Absturz.

Sonntag, 3. November, 14 Uhr: Die meisten Betriebe und Geschäfte sind geschlossen, der Großteil der Österreicher genießt den trüben Herbsttag in Ruhe zu Hause. Der Stromverbrauch ist außerordentlich gering. Plötzlich zieht eine starke Windfront durch Ostösterreich, die Windräder produzieren auf Hochtouren. „Binnen kurzer Zeit ist die Leistung der Windkraftanlagen von 200 auf 1270 Megawatt hochgeschnellt“, erzählt Gerhard Christiner, Vorstand der Austrian Power Grid (APG), die für das Funktionieren der Hochspannungsleitungen in Österreich zuständig ist.

Was die Windenergiebetreiber freute, ließ bei Christiner alle Alarmglocken schrillen. Denn der Windstrom wurde in Österreich zu diesem Zeitpunkt nicht gebraucht. Und Wärmekraftwerke, die vom Netz genommen werden hätten können, waren gar nicht in Betrieb. Beim Wochenenddienst der APG wurde es also hektisch. Der einzige Ausweg: Der Windstrom musste ins benachbarte Ausland abgeleitet werden, sonst wären unsere Stromleitungen zusammengebrochen.

Gutmütige Nachbarn

„Unsere Nachbarn werden sich auf Dauer nicht gefallen lassen, dass wir plötzliche Stromüberschüsse einfach zu ihnen leiten“, sagt Christiner. Grundsätzlich müsse jedes Land in der Lage sein, solche Situationen selbst zu meistern. „Österreichs Leitungsnetz ist dafür aber nicht gerüstet“, sagt Christiner. Das Hauptproblem sei die fehlende 380-KV-Leitung durch Salzburg. Gäbe es diese, könnte der Windstrom zu den dortigen Pumpspeicherkraftwerken geleitet und zum Hinaufpumpen von Wasser verwendet werden.

Das Problem mit zu viel Windenergie an Feiertagen hat aber nicht nur Österreich. Am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit, produzierte Deutschland enorm viel Windenergie. Mangels Nachfrage sank der Strompreis an der Börse auf wenige Euro pro Megawattstunde. „Daraufhin kauften alle Stromhändler in Österreich wie wild an der Börse ein“, erzählt Christiner. Diese Mengen aber konnten mangels ausreichender Leitungen nicht nach Österreich transportiert werden.

Die APG-Mitarbeiter mussten die Stromimporte der Händler daher kürzen. Gleichzeitig mussten sie für die Händler aber eine Ausgleichslieferung von heimischen Kraftwerken für den nicht erhaltenen Strom finden. Wenn dieser Strom teurer ist als der über die Börse bestellte Strom, muss die APG die Differenz zahlen. „Fünf Millionen Euro haben wir heuer schon dafür aufgewendet“, sagt Christiner.

Die Summe wird auf die Netzgebühren aufgeschlagen, die jeder Kunde zahlt. Wegen der unregelmäßigen Produktion der Wind- und Sonnenenergieanlagen nehmen diese Ausgleichszahlungen zu.

(kurier) Erstellt am
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